Wissenschaftsfreiheit Ist Cancel Culture ein bloßes Schreckgespenst?

Gibt es wirklich eine Verbotskultur an der Uni? Und warum beklagt sich niemand über die uniformen BWL- und VWL-Studiengänge? Eine kleine historische Erinnerung daran, dass es Streit auch schon vor der Cancel Culture gab.

Von: Martin Zeyn

Stand: 23.03.2021 | Archiv

Audimax der LMU besetzt von Studenten 2010 | Bild: picture alliance

Ein paralysierender Streit an deutschen Universitäten? Gar eine Kultur des Verbots, genauer natürlich: eine Unkultur? Tabuisierung und Ausgrenzung überall – und all das verursacht durch eine Cancel Culture, die ihre Normen und Werte brutal verallgemeinert und so durchsetzt? Ein Verfall der Sitten, schon wieder ein Untergang des Abendlandes?

Störer gab es auch schon in den 80ern

Nun, schauen wir etwas zurück. Meine Zeit an der Uni in den 80ern war von harten Konflikten durchsetzt. Da gab es zum Beispiel die Marxistische Gruppe, die ihre eigene Wirkungslosigkeit damit zu überspielen versuchte, dass sie in kleinen Gruppen zu Seminaren hinzustieß und dort uns Elfenbeinbewohnern die materialistischen Leviten las. Genauer: diese Marx-Sekte ließ keinen anderen mehr zu Wort kommen, bis man sie hinauswarf. Oder die RAF-Unterstützer, die in unseren Fachschaftsrat hineinplatzten, in dem ich gerade die bitteren Lehren der Realpolitik lernte: nämlich, dass es besser ist, für den Erhalt eines kleinen Bibliothekankaufetats zu streiten, als eine vollmundige Resolution gegen das staatliche Aushungern der Universitäten zu verfassen. Die Forderung der Aktivisten: Die Fachschaft solle sich einer Resolution anschließen, die forderte, das 1974 im Vorfeld der Stammheimprozesse erlassene Verbot der Mehrfachverteidigung aus den Gesetzbüchern zu streichen. Das erledigten wir innerhalb von eineinhalb Minuten und hörten nie davon, dass sich das Justizministerium der Sache angenommen hätte.

Wer hat die Macht im Hörsaal

Was ich damit sagen will: Meine Universität war nie ein Hort des friedlichen Diskurses. Hier wurde gestritten – und die Mittel waren nicht immer lauter. Was ich nun ganz und gar nicht verstehe, ist das heutige, sehr laute Beklagen der Cancel Culture von Seiten der Professorenschaft, wie etwa vor wenigen Wochen durch das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit. Bis heute ist es den unterzeichnenden Professoren nicht gelungen, auch nur einen einzigen Fall von Cancel Culture auf ihrer Homepage zu dokumentieren. Was mich überhaupt nicht wundert, weil ich die Machtverhältnisse an der Uni nicht vergessen habe. Welcher Professor lässt sich schon im Seminar das Wort verbieten? Und welcher Student geht die Gefahr ein, ihn zu demaskieren? Denn Professoren vergeben Scheine und Noten – das heißt, das Machtgefälle ist riesig. Natürlich gibt es Studentinnen und Studenten, die die Moral mit Löffeln gefressen haben und vielleicht mal – man glaubt es kaum – einen Prof im Seminar kritisieren. Ich weiß, wovon ich rede, ich war einer von ihnen. Aber selbst die lernen meistens schnell dazu, dass es für sie besser ist, nur jene Thesen zu vertreten, die der Professor selbst vertritt, weil das in den allermeisten Fällen zu besseren Noten führt. Ja klar, es gibt Bewertungstools, in denen die Studenten ihre Professoren benoten können – aber immer noch entscheiden die Professoren unter sich, wer welche Zulagen bekommt.

Die Schwächen des Systems ausloten

Außerdem entscheiden Studenten sich vermutlich heute wie damals nicht nur nach der Qualität der Lehre, wenn es darum geht, ein Seminar zu besuchen, sondern auch danach, ob der Prof gute Noten für – sagen wir – gerade mal anrecherchierte Referate vergibt. Wohlwollende Benotungen für die Lehre sind so einfach zu bekommen – und alle sind damit zufrieden. Mit großer Wissenschaft, mit Humboldt hat das wenig zu tun, aber pardon, das, was eine Universität einem beibringen kann, ist: Realpolitik, d.h. wo lohnt es sich zu kämpfen, und wo nutze ich die Schwächen des Systems für mich. Manche mögen das als Durchwurschteln abtun, ich glaube, dass einen die Universität nur so auf ein Berufsleben vorbereitet. Das tun nämlich die Seminare nicht, zumindest nicht in den Geisteswissenschaften. Intellektuelle Sternstunden waren sehr, sehr selten, es herrschte das Graubrot der Theorie vor, vor allem das schon gut abgehangene.

Wieso redet niemand von Cancel Culture in den Wirtschaftswissenschaften

Ich bezweifle sehr, dass das durch den Bologna-Prozess besser geworden ist. Aber als einer von drei Männern unter 200 Frauen in einem Seminar über feministische Literaturwissenschaft weiß ich auch, es gab immer eine Abstimmung mit den Füßen, wenn mal was wirklich Neues und Aufregendes angeboten war. Und genau das scheint mir das Problem jener zu sein, die die Wissenschaftsfreiheit in Gefahr sehen. Ihre Themen scheinen weder die Studenten, noch die Verlage, noch die Kollegen zu interessieren. Das ist misslich – aber nicht unbedingt ein Beweis für die Existenz einer allmächtigen Cancel Culture. 

Was mich auch skeptisch macht: Wieso wird diese Debatte fast nur in den Geisteswissenschaften geführt? Pardon, aber die Wirtschaftswissenschaften oder die Juristerei sind nicht pluralistischer aufgestellt. Wieso stammen die letzten populären Bücher, die den Kapitalismus kritisiert haben, von Journalisten (Paul Mason), Anthropologen (David Graeber), Philosophen (Joseph Vogl und Slavoj Žižek) oder Literaturwissenschaftlern (Michael Hardt)? Weil die BWLer und VWLer Leute ausbilden, die den Kapitalismus feiern oder zumindest von ihm profitieren. Beiße nie eine Hand, die dich füttert. Ein klarer Fall von Cancel Culture! Oder kennen Sie noch einen Lehrstuhl für marxistische Kapitalismuskritik?

Neue Themen erzeugen Streit

Cancel Culture ist in meinen Augen ein Ablenkungsbegriff. Es geht darum, eine Stimme im Diskurs zu bekommen, die man durch Argumente nicht hat. Es geht darum, seine Steckenpferde, Meinungen, Vorlieben nicht nur einfach weiter haben zu dürfen, denn das können Professoren, sondern dafür auch noch gelobt und eingeladen zu werden. Und da fängt dann wirklich ein Problem an: Das ist nicht, wie viele behaupten, ein Mangel an Streitkultur. Wer je sich mit dem Feminismus beschäftigt hat, weiß, hier wird bis aufs Blut gestritten. Und komme mir keiner mit Zeitgeist. Die großen neuen Forschungsgebiete in den Geisteswissenschaften sind nicht entstanden, weil links ein paar Jahrzehnte in Mode war. Sozialgeschichte oder Feminismus haben neue Forschungsgebiete erschlossen. Klar, wir wären Idioten, wenn wir glauben würden, alles unter diesen Labeln Veröffentlichte wären Perlen gewesen. Aber nur ein Vollidiot kann leugnen, dass die Impulse nicht notwendige Blutspenden waren. Also ran, liebe angeblich Gecancelte, bitte attraktive Theoriegebilde entwickeln. Die Wirtschaftswissenschaften haben vorgemacht, wie es geht: Der Neoliberalismus ist die zentrale, alles bestimmende und durch und durch konservative Theorie des heutigen Wirtschaftslebens, auch wenn heute kaum noch jemand glaubt, dass der Kapitalismus ohne staatliche Geldspritzen auszukommen in der Lage ist, jedenfalls wenn der bitterarme Kapitalismus mal wieder eine Krise ausgelöst hat.

Oft bloße Verteilungskämpfe

Nein, das Problem der Unis liegt woanders: Es gibt eine Monokultur in vielen Fächern, es gibt eine Blockbildung in der Professorenschaft, es gibt Machtspiele um die verbliebenen letzten Posten. Vielfalt bleibt da manchmal auf der Strecke. Was fehlt, ist die Freude an der intellektuellen Debatte, die das scheinbar komplette Gegenteil braucht, um das eigene Gedankengebäude mit einem stabilen Fundament zu versehen. Die Debatte um die Cancel Culture tut nun so, als würde sie für Redefreiheit eintreten. Den Warnern geht es aber offenkundig nur darum, alte Privilegien behalten zu können. Mit dem Humboldtschen Geist der Universität hat das nichts zu tun. Und weil das die meisten ahnen, sind jene, die das Schreckgespenst einer allgegenwärtigen Verbotskultur an die Wand malen, auch eine überschaubare Minderheit.

Also Schluss damit. Fangen wir an, wieder um die beste Idee zu ringen. Und keine Sorge, wenn wir dabei einer Mode aufsitzen, merken wir das relativ schnell. Weil die jungen Leute an der Uni dafür ein ausgezeichnetes Gespür besitzen, denn die meisten neuen Ideen haben ein paar Jahre auf dem Buckel, bevor sie an der Uni gelehrt werden. Und wenn die dann kritisiert werden, dann ist das kein Ausdruck von Cancel Culture, sondern gute, selbstkritische Wissenschaft. 

PS: Und wenn Thilo Sarrazin von einem Universitätsvortrag ausgeladen wird, dann liegt der Fehler bei dem, der ihn eingeladen hat. Wer so tendenziös Quellen auslegt, falsche Zusammenhänge nahelegt und antisemitische und antiislamische Ressentiments nachbetet, der hat jeden Anspruch auf Wissenschaftlichkeit verspielt. Um das zu wissen, genügt die Lektüre eines alten Artikels von Frank Schirrmacher. Nur wer Demagogie im Schafspelz Sachbuch nicht erkennt, kann hier von Cancel Culture sprechen. Und wer Auftritte in Prime-time-Sendungen hat, der, pardon, wird nicht gecancelt.