Kulturgeschichte des Geruchs Wie Wissenschaftler Aromen rekonstruieren

Etwas riecht nicht nur gut oder schlecht, der Geruch hat eine Geschichte. Die versuchen Forscher anhand von Gemälden zu entschlüsseln und gehen der Frage nach: Wie riecht die Vergangenheit?

Von: Henning Biedermann

Stand: 30.04.2021

Screenshot eines Stilllebens  | Bild: BR

Können Sie sich noch erinnern, wie es in einem Museum riecht? Trockener Atem aus vielen staunenden Mündern? Das schwere Parfum älterer Damen? Der Duft aus der Cafeteria? Und die Gemälde? Haben Sie sich jemals vor einem alten Meister gefragt, wie seine Welt hinter all dem Öl und Firnis roch?

Die Kunsthistorische Bibliothek Erlangen war mal die markgräfliche Orangerie. Man sieht es noch am Stuck. Der Duft ist weg. Ein passender Ort, um verlorene Gerüche zu erforschen. Genau darum geht es in einem Forschungsprojekt mehrerer europäischer Universitäten. Künstliche Intelligenz wird von Peter Bell und Kollegen trainiert, um digitale Bibliotheken nach Texten und Bildern zu durchforsten, Schlüsselbegriffe und -motive zu Düften und Gestank zu erfassen und zu vernetzen. So entsteht unter dem Namen Odeuropa eine Enzyklopädie über den Umgang unserer Vorfahren mit allem, was riecht. Der Kunsthistoriker Peter Bell: "Wenn uns diese Spur in der Vergangenheit, dieser Kanal fehlt, haben wir natürlich nur ein bruchstückhaftes Bild und verstehen vielleicht gewisse Literatur oder gewisse Bilder gar nicht, weil wir oft blind dafür sind."

Duft als unsichtbare Rüstung gegen Krankheiten

Zum Beispiel Gerard Dous Gemälde "Quacksalber". Was präsentiert der Mann? Eine Medizin? Ein Parfum? Spekulation. Aber offenbar versucht der Maler, ein wildes Duftgemisch abzubilden: Affe, warmes Gebäck, toter Hase, rauchender Gemüsehändler.

Weihrauch und Myrrhe waren so viel wert sind wie Gold. Willkommener Nebeneffekt: Der Geruch von Ochs und Esel wird neutralisiert. Düfte dienen aber nicht nur dazu, um Göttern zu huldigen, sondern auch das Böse zu bannen. Jahrhundertelang sind viele Menschen fest davon überzeugt: Die Pest und andere Krankheiten entwickeln sich aus schlechter Luft. Dagegen hilft nur noch Ärgeres, zum Beispiel der Gestank eines Ziegenbocks.

Oder eben Wohlgeruch: Bis in die frühe Neuzeit tragen betuchte Europäer ihren Bisamapfel: eine Kapsel, die mit duftenden Harzen, Kräutern, Tiersekreten befüllt und als Zeichen sozialer Distinktion so stolz präsentiert wird, wie Jahrhunderte später das neueste Handy. Wie ein Echo dieser Zeit wirkt da der Werbeslogan zum hundertsten Jubiläum eines der berühmtesten französischen Düfte: Er sei "eine unsichtbare Rüstung", mit der man dem Leben gestärkt entgegentrete.