Kunstförderung gestern und heute Helfen Stipendien und Ankaufsfonds wirklich?

Kunst am Bau, New Deal, Stipendien, Filmfinanzierungen, Ankaufsetats, die Liste der staatlichen Unterstützung ist lang. Doch kommt die Hilfe auch bei den Richtigen an? Und nützt sie der Kunst? Oder nur Funktionären?

Von: Martin Zeyn

Stand: 13.11.2020 | Archiv

Die verzweifelte Florence Owens Thompson hält zwei ihrer Kinder, die sich vor der Kamera abwenden. | Bild: gemeinfrei/ Library of Congress

Klaus Lemkes aktuelle Filme kennen nicht mehr allzu viele. Aber seine Statements, er komme ohne "Staatsknete" aus, weil die jedes Kunstwerk zerstöre, die werden gerne zitiert. Hier trete noch ein echter Künstler auf, einer, der für sein Werk blute, alles dafür aufgibt, ein großer, tragischer Held halt.
Tatsächlich gibt es durchaus Beispiele von Förderung, die seltsame Blüten hervorbringen. Mit einem Kumpel, der in Amsterdam studierte, gingen wir in der Uni mal in den Keller. Der Hausmeister ließ uns rein, und vor uns stapelten sich Kunstwerke aller Art in einem wilden Durcheinander. Dieser Keller war nicht das Heim eines Messie-Sammlers, sondern das Ergebnis der niederländischen Kunstförderung. Die erwartet von allen, die es unterstützt, im Gegenzug ein Kunstwerk. Na ja, die besten Werke hatten die Künstler*innen dem Staat nicht geschenkt.

Babylon Berlin, Erfolgsserie von Tom Tykwer

Zugegeben, trotz Filmförderung ist in Berlin Babelsberg kein zweites Hollywood entstanden – aber immerhin eine so tolle Serie wie "Babylon Berlin". Am liebsten ist mir noch Kunstförderung, die Ländergrenzen schlicht missachtet. Ich erinnere mich noch an einen Abend bei den Berliner Filmfestspielen, wo sich der noch junge, ebenso beredte wie abgeklärte kanadische Regisseur Atom Egoyan, der bald zu einem meiner Film-Lieblinge wurde, beim Kleinen Fernsehspiel des ZDF für die finanzielle Unterstützung bedankte.

Alte Tradition, Künstler*innen zu helfen

Es liegt im Wesen von Förderung, dass nicht immer die Besten das meiste Geld bekommen. Verbindungen, das Auftreten vor der Jury und vor allem die Fertigkeiten in der "neuen literarischen Form" des Antragschreibens, wie der Kulturphilosoph Boris Groys mal süffisant anmerkte, sind oft genauso wichtig wie die eigentliche Idee. Aber niemand kann behaupten, das Geld gehe nur an die Falschen. Rita McBrides tolle Mae West-Skulptur gäbe es sonst nicht, auch nicht viele Filme von Rainer Werner Fassbinder. In Coronazeiten erinnern sich jetzt viele Institutionen, dass über Stipendien oder Ankaufsfonds Künstler*innen geholfen werden kann. Das gerne als arm titulierte Bremen geht voran. Bis zu 7.000 Euro soll es pro Künstler*in geben. Der Senat der Hansestadt rechnet mit bis zu 400 Stipendien und hat dafür 2,8 Millionen Euro bereitgestellt.

Der Staat tritt damit in die Fußstapfen von Königen, Päpsten, Herrschern und Mäzenen wie den Medicis oder Farnese. 1928 gab es einen Erlass in Preußen, Künstler*innen zu helfen, indem der Staat sie mit Skulpturenschmuck an öffentlichen Bauten beauftragte. 1934 machten die Nationalsozialisten daraus ein erstes Gesetz. In den USA vergab der Staat im Zuge des New Deals zahlreiche Aufträge an Künstler*innen. Im Januar 1950 rief dann der Deutsche Bundestag die Bundesregierung auf, 1 Prozent der Bausumme für Kunst zu verwenden. Bayern zog im selben Monat nach. Gerade an Bauten ist die Qualität höchst unterschiedlich. Aber im Zuge des New Deals entstand eine der großen Fotografie-Ikonen: "Migrant Mother", das Bild einer verzweifelten Mutter mit zwei Kindern von Dorothea Lange (1936).    

Kunst für alle von allen

Ja, die Tradition der staatlichen Kunstförderung ist alt – und die Bilanz nicht immer golden. Das liegt weniger am Mittel selbst als an der Durchführung. Wer je in einer Jury gesessen hat, weiß, wie lange darum gestritten werden kann,bis endlich ein lokaler Vertreter oder das Mitglied der örtlichen Künstlervereinigung zumindest mitbedacht wird. Aber das ändert nichts daran, dass es Geld braucht, um künstlerische Visionen durchzusetzen. Mit leerem Magen arbeitet es sich schlecht. Sonst bekommen wir nur noch die Kunst der "Arztkinder", also der Bessergestellten, wie schon Florian Kessler vor Jahren bissig anmerkte.

"Mae West" Skulptur am Effnerplatz

Allerdings hatte schon André Gide ein paar Jahrzehnte zuvor angemerkt, dass man, um Schriftsteller zu sein, Millionär sein müsse oder halt eine Millionärin heiraten solle. Die Kunstförderung mag zwar nicht immer funktionieren, immerhin aber halte ich sie für eine realistischere Option als den leider sehr umlagerten Heiratsmarkt für Millionärinnen. Und dass Staatsknete korrumpiere, das halte ich für einen ziemlich blauäugigen Vorwurf aus der altehrwürdigen Mottenkiste namens Kapitalismuskritik. Geld hilft. Kein Geld zu haben, verhindert Kunst. Und ja, nicht alle Geförderten werden eine Dorothea Lange oder ein Tom Tykwer – aber ohne die staatliche Hilfe hätten wir wohl kaum ihre Werke je zu Gesicht bekommen. Außerdem ist jetzt ein idealer Zeitpunkt - angesichts von geschlossenen Kultureinrichtungen -, Künstler*innen mit Werken zu beauftragen, die auf öffentlichen Plätzen oder im Netz stattfinden können. Denn nur so können sie ihren Beitrag leisten, damit wir alle möglichst unbeschadet durch die Pandemie kommen.