Kunst zum Benutzen Weihnachten im Kunstgewerbeverein

Museen zu, Weihnachtsmärkte abgesagt. Der Lockdown trifft auch die Weihnachtsausstellung des Bayerischen Kunstgewerbevereins. Schade – die fast 100 großartigen Unikate sind dann zunächst nur virtuell zu bestaunen.

Von: Julie Metzdorf

Stand: 14.12.2020 | Archiv

Weihnachtsausstellung Bayerischer Kunstgewerbeverein | Bild: Birgit Hrouzek

Farbenprächtige Seidenschals, ein schwarzer Hut aus Federn, Lampenschirme aus Papier: Auch ganz ohne Glimmer-Glitzer-Weihnachtsdekoration stellt sich in der aktuellen Ausstellung des Bayerischen Kunstgewerbevereins automatisch Weihnachtsstimmung ein. Es sind die Objekte selbst, die so anziehend und einladend wirken, dass der Schauraum wie ein Geschenkezimmer am Heiligen Abend wirkt. "Wir möchten ganz viele Anregungen bieten, zu schauen und sich auch in das ein oder andere Objekt auch zu verlieben, es mit nach Hause zu nehmen," erklärt Geschäftsführerin Monika Fahn. Schließlich gebe es nichts Schöneres, als sich an Objekten zu erfreuen, kleine schöne Dinge zu besitzen, die man auch benutzen könne!

Die jährlich stattfindende Weihnachtsausstellung des Bayerischen Kunstgewerbevereins, bei der die Mitglieder ihre Arbeiten präsentieren dürfen, ist eine Verkaufsausstellung, nur deshalb war sie bis zum Lockdown am 16.12. überhaupt noch geöffnet. Doch jetzt gehen auch in allen anderen Galerien die Lichter aus und mit ihnen schließen die wenigen Orte, an denen noch Kunst zu physisch zu erleben war. Wer Objekte aus der Ausstellung im Kunstgewerbeverein sehen möchte, kann das jetzt nur noch im "virtuellen Weihnachtszimmer" über die Webseite.

Skulpturale Kerzenleuchter

Strahlen noch schöner, wenn sie benutzt werden: die Kerzenständer von Paul Müller

Da ist etwa der Kerzenleuchter "Junger König der Nacht" aus Edelstahl, für den der Nürnberger Gold- und Silberschmied Paul Müller gerade erst einen Danner-Ehrenpreis bekommen hat: filigran, fast grafisch in der Form, klare Konstruktion, präzise in der Ausführung und natürlich voll funktionsfähig! Denn auch wenn Paul Müllers Leuchter schon als Skulpturen ihre Berechtigung haben, so richtig strahlen sie erst, wenn man sie auch benutzt.

Absolut alltagstauglich und doch herausragend in ihrer formalen Präsenz sind auch die Arbeiten des Keramik-Ateliers SOOBO. Die beiden jungen Porzellangestalter Bokyung Kim und Minsoo Lee aus Südkorea haben sich vor nicht allzu langer Zeit in Dießen am Ammersee niedergelassen. Ihr minimalistisches Geschirr in gedeckten Farben wurde erst Ende Oktober auf der Leipziger Grassimesse für Angewandte Kunst ausgezeichnet.

Haptisch, nicht digital

Seltsame Insekten: in den Schmetterlings-Broschen von Isabell Schaupp spiegelt sich die Stadt

Insgesamt versammelt die Weihnachtsausstellung Arbeiten von fast 100 Vereinsmitgliedern aus den Bereichen Glas, Silber, Metall, Keramik, Textil und Schmuck. Alle Arbeiten sind einzigartig und doch haben alle eines gemeinsam: Ihre Gestaltung zieht den Betrachter unweigerlich in den Bann: "Es liegt viel drin und man kann viel ablesen, viel für sich herausziehen.", meint Geschäftsführerin Monika Fahn. Die Arbeiten sollte man auf jeden Fall von allen Seiten betrachten, in die Hand nehmen. "Dieses sehr, sehr Haptische ist wichtig – vielleicht auch ein bisschen im Gegensatz zu den Digitalisierungen. Wir leben nun mal in der realen Welt. Und das gehört zum Menschlichen dazu, dass man Dinge anfassen kann." Neben der Sprache sei die künstlerische Handschrift ein ganz wichtiger Ausdruck des Menschen, in all den Handwerkstechniken, die zur Verfügung stehen, mit all den Materialien, die auch die heutige Zeit biete.

Designer als Brückenbauer

Die Schals von Ulrike Isensee sind grobmaschige Netzgewebe

Tatsächlich bauen viele Arbeiten Brücken zwischen den Jahrhunderten: Ein altes Handwerk oder ein traditionelles Material wird in die heutige Zeit überführt. Die Augsburger Künstlerin Carina Shoshtary etwa überrascht mit einem Paar Ohrringe aus Maisstärke – gemalt mit einem 3D-Stift. Schillernd wie Perlmutt setzen sich die Ohrringe aus vielen kleinen Fäden zusammen, fließend und völlig frei in der Form. Bei der Dresdner Schmuckkünstlerin Dorit Schubert kommt Farbe ins Spiel: Ihre Ohrringe erinnern an Blütenkapseln, Dolden oder Knospen und sind aus Nylonfäden und dünnem Draht geklöppelt. Dadurch sind sie einerseits stabil, bewahren sich aber die Leichtigkeit von Spitze. Die Münchner Goldschmiedin Pura Ferreiro wiederum arbeitet mit der Jahrtausende alten Technik der Granulation: Winzige Kügelchen aus Gold werden auf die Schmuckstücke aufgeschweißt – und zwar ohne Lot! Wie von Zauberhand entstehen so feinste Ornamente auf der Oberfläche. Geschäftsführerin Monika Fahn findet es immer wieder beeindruckend "zu sehen, was der Mensch kann, zu was ein Mensch wirklich fähig ist – und zwar: mit seinen Händen und mit seinem Denken diese Dinge umzusetzen." Eine Maschine könne das nicht, da komme etwas ganz Anderes dabei heraus. "Schon auch Dinge, die wir brauchen. Aber diese Liebe zum Detail, das kann nur der Mensch." So entstehe immer wieder etwas Neues: "Manchmal denkt man ja, es muss doch schon alles ausgeschöpft sein. Aber es entstehen wirklich immer wieder neue Ideen, Formen, immer wieder andere Ergebnisse, das wird nie aufhören. Und das schafft der Mensch – mit seinen Händen. Das ist wahnsinnig faszinierend!" 

Weihnachtsausstellung des Bayerischen Kunstgewerbevereins, Pacellistraße 6-8. Bis 16.1.2021, aber wegen des Lockdown nur noch bis 15.12. von 10 bis 18 Uhr öffentlich zugänglich. Oder virtuell über die Website des Kunstgewerbevereins