Der Reiz des Auserwähltseins Warum uns Verschwörungsmythen anziehen

Wer unsicher ist, ist anfällig für Verschwörungserzählungen. Denn die suggerieren Sicherheit. Weniger kompliziert als die Realität, sind sie aber nicht, sagt Katharina Nocun. Heute Abend ist sie zum Thema im Live-Stream des Münchner Literaturhauses zu erleben.

Von: Knut Cordsen

Stand: 26.01.2021 | Archiv

Demonstranten verschiedener Gruppierungen wie etwa der Initiative Querdenken 711 protestierten mit einer Großdemonstration in Berlin gegen die bestehenden Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie.  | Bild: picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres

Die Netzaktivistin und Autorin Katharina Nocun hat sich zusammen mit Pia Lamberty in ihrem Buch "Fake Facts" mit Verschwörungsmythen befasst. Untertitel: "Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen". BR-Moderator Knut Cordsen hat aus Anlass des Live-Streams zum Thema heute Abend aus dem Literaturhaus München mit Katharina Nocun über Anziehungskraft, Strukturen und Wirkung von Verschwörungsmythen gesprochen.

Knut Cordsen: Von der antisemitischen Erzählung der "Protokolle der Weisen von Zion" bis hin zum "China-Virus", das wahlweise die Großkonzerne der Pharmaindustrie oder aber die Chinesen in Geheimlaboren gezüchtet haben – der Fundus ist unerschöpflich. Warum sind Verschwörungserzählungen eigentlich eine solche Attraktion?

Katharina Nocun: Es gibt wissenschaftliche Studien, die darauf hindeuten, dass wir gerade in Zeiten von Unsicherheit, in denen wir einen Kontrollverlust erleben, eher anfällig zu sein scheinen. Der Grund ist ganz einfach: Wenn man glaubt, es gibt einen großen Plan, dann kann es einem Sicherheit geben, zu meinen, man würde ihn kennen. Dieser Glaube, dass es Bösewichte gibt, die für alles verantwortlich sind, kann emotional entlastend sein. Und das kann bei einigen Menschen tatsächlich eine Rolle spielen, wenn sie plötzlich an Verschwörungserzählungen glauben. Das sind oft auch gar nicht ungebildete Menschen. In den meisten Fällen spielen auch psychische Krankheiten keine Rolle. Sondern das passiert tatsächlich "in den besten Familien". Es kann jedem von uns passieren, dass in einer bestimmten Zeit, in der wir sehr anfällig sind, Verschwörungsideologen versuchen, uns in einen Kaninchenbau hineinzuziehen. Da spielen psychologische Faktoren eine Rolle, die bei uns allen angelegt sind.

Und das hat meines Erachtens viel mit Angst zu tun. Angst ist ja traditionell ein schlechter Berater, aber ein guter Verschwörer…

Angst ist tatsächlich ein guter Verschwörer, denn wie gesagt, Kontrollverlust kann ein Faktor sein. Man darf aber auch nicht unterschätzen, dass der Glaube, einer der wenigen Auserwählten zu sein, dem Menschen ein positives Gefühl geben kann. Wenn ich glaube, ich bin Teil einer kleinen Gruppe, die die Wahrheit erkannt hat, dann impliziert das ja auch, dass man alle anderen für verirrte Schafe hält, für Menschen, die sich blenden lassen. Und das ist natürlich auch ein attraktives Selbstbild. Das heißt, nicht nur Angst und Unsicherheit spielen eine Rolle, sondern auch die Möglichkeit, sich im Rahmen dieses Glaubens gegenüber anderen aufzuwerten. Studien haben gezeigt, dass besonders Menschen mit einem starken Bedürfnis nach Einzigartigkeit für den Glauben an Verschwörungserzählungen anfällig zu sein scheinen.

Es wäre zu wohlwollend, wollte man den Verschwörungstheoretiker mit Jacob Burckhardt einen „terrible simplificateur“, einen schrecklichen Vereinfacher nennen. Aber mit dem Simplifizieren komplizierter Zusammenhänge hat er es trotzdem sehr, oder?

Teils… Auf der emotionalen Ebene sind solche Geschichten tatsächlich oft einfacher. Es gibt klare Linien: Wer ist Freund, wer ist Feind. Die Leute, die nicht Teil der Gruppe sind dann automatisch Teil der Verschwörung oder eben Mitläufer der Verschwörung. So kann man sich gut abgrenzen. Andererseits ist es aber so, dass Verschwörungserzählungen im Konkreten ganz schön kompliziert sein können. Wenn man sich beispielsweise QAnon anschaut, eine Verschwörungscommunity, die gerade in den USA rund um Trump eine riesengroße Rolle gespielt hat und immer noch spielt. Diese Geschichten sind extrem kompliziert, sie sind überhaupt nicht einfacher als die Realität. Von daher würde ich immer ein bisschen vorsichtig sein bei der Vermutung, das wären die einfacheren Erklärungen. Auf der emotionalen Ebene, ja! wenn man sich aber die Inhalte anschaut, ist es manchmal um den Faktor 10 oder 20 komplexer als das, was eigentlich passiert ist.

Wo Sie jetzt gerade Donald Trump erwähnt haben: Hängt die Konjunktur von Verschwörungserzählungen von einzelnen, mächtigen Personen ab oder wie geraten solche Mythen massenwirksam in Umlauf?

Es ist eine große Gemengelage. Ich fände es auch zu einfach zu sagen, das Internet ist schuld. Denn wir dürfen ja nicht vergessen, dass es in Deutschland eine Zeit gab, in der die Mehrheit der Bevölkerung an eine angebliche jüdische Weltverschwörung geglaubt hat. Dieser Blick in die Geschichte zeigt auch, dass solche Erzählungen immer schon als Mittel in der Politik eingesetzt wurden, um starke Feindbilder zu generieren, um Menschen aufzuhetzen, um Medien zu diskreditieren. Also Stichworte wie "Lügenpresse", die wir heute von Querdenken-Demonstrationen kennen, oder "Fake News" aus dem Mund von Donald Trump, sind eigentlich nichts Anderes als dieses alte Narrativ von einer angeblichen Medienverschwörung, mit der man seine Anhänger vor Kritik immunisiert. Damit kann man auch die komplette Deutungshoheit über das Denken seiner Anhänger beanspruchen, indem man behauptet, alle anderen gehören zu einer Verschwörung, egal was sie sagen.

Das macht Verschwörungserzählungen gerade im politischen Kontext so gefährlich. Dass wir nicht mehr in unterschiedlichen Meinungen denken und sagen, gut, du hast eine andere politische Meinung, versuchen wir einen Kompromiss zu finden. Oder wir tauschen Argumente aus. In dem Moment, wo Menschen an eine große Verschwörung glauben. ist der Boden für Diskussionen vergiftet. Man sieht den anderen nur noch als Feind, als Verschwörer. Das ist unglaublich gefährlich für die Demokratie.

Sie sind gebürtige Polin und haben da auch den Vergleich zu Deutschland – sind Verschwörungserzählungen eigentlich von Nation zu Nation unterschiedlich oder sind das alles internationale Phänomene?

Einerseits haben wir eine sehr gute internationale Vernetzung in der Verschwörungscommunity. Es gibt Influencer, die sehr genau schauen, was funktioniert in anderen Ländern. Da werden Geschichten geremixed und abgewandelt. Aber es ist schon so, dass in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Verschwörungsnarrative besonders populär sind. Beispielsweise haben Studien gezeigt, dass in Frankreich die Erzählung von den Illuminaten unter Anhängern der Gelb-Westen-Proteste besonders populär war, während sie in Deutschland eigentlich eine untergeordnete Rolle spielt.

In Polen gibt es Verschwörungserzählungen, die sich beispielsweise mit dem Flugzeugabsturz in Smolensk befassen, was eben auch in der polnischen Politik ein Riesending war. Nach wie vor ist es für einige Menschen wahlentscheidend. Es gab große Diskussionen, ob hinter dem Flugzeugabsturz einer Verschwörung stecken würde. So sieht man, dass aktuelle Ereignisse von Verschwörungsideologen natürlich immer sehr schnell in bestehende Erzählungen eingewebt werden. Von daher kann man schon sagen, dass in unterschiedlichen Ländern auch unterschiedliche Geschichten populär sind oder andere Variationen der entsprechenden Geschichte zirkulieren.

Der Youtuber Rezo spricht vielleicht etwas verniedlichend von "Verschwörungsdullis" – so als seien das halt Spinner. Aber wenn man auf die Vereinigten Staaten blickt, sieht man ja, was so ein Unsinn, einmal in Köpfe gepflanzt, anrichten kann. Mit anderen Worten: Das kann Ausmaße annehmen, die zum Sturm auf das Kapitol oder den Reichstag führen. Wie kann man Ihrer Meinung nach dieser Gefahr begegnen?

Das Wichtigste ist, dass wir Menschen möglichst früh, also möglichst schon in der Schule vermitteln, was sind die üblichen Strategien von Verschwörungsideologen. Wie erkenne ich das. Bei welchen Gruppendynamiken sollte ich vorsichtig werden. Damit man eine Art Frühwarnsystem entwickelt. Ich erinnere mich an meine Schulzeit, da haben wir eben durchgenommen, was sind übliche Strategien in der Werbung, wie wird man manipuliert. Das haben wir in unterschiedlichen Fächern behandelt bis hin zu Musik, wo Jingles durchgenommen wurden.

Genauso müssen wir darüber sprechen, was sind übliche Manipulationsstrategien, etwa bei Verschwörungs-Dokus, die man auf YouTube sieht. Oder wie wird in solchen Communitys mit Kritik umgegangen. Es ist ja ein hochgradiges Zeichen dafür, dass etwas unseriös ist, wenn allein die Tatsache, dass es Kritik gibt, als Bestätigung gesehen wird. Studien zeigen, dass Menschen, die so etwas vermittelt bekommen haben, später auch vorsichtiger sind. Sowohl bei rechtsextremen verschwörungsideologischen Inhalten als auch bei islamistischen verschwörungsideologischen Erzählungen. Daher halte ich es für eine gute Idee, diese Immunisierungsstrategien in den Lehrplan zu setzen. Denn früher oder später werden Jugendliche damit in Kontakt kommen, man kann das quasi gar nicht vermeiden.

Katharina Nocun ist am 26.01. um 20.00 Uhr zusammen mit Amelie Fried und Ronen Steinke zu Gast im Live-Stream des Münchner Literaturhauses und diskutiert über Verschwörungsmythen und Antisemitismus. Weitere Informationen gibt es hier.