500. Titanic-Ausgabe Humor ist kein Mehr-Generationen-Haus

Das "endgültige Satiremagazin" feiert Jubiläum: Am Freitag erscheint das 500. Titanic-Heft. Im Rückblick mit drei Generationen von Blattmachern zeigt sich, wie das Heft und Satire generell sich in 40 Jahren verändert haben.

Von: Knut Cordsen

Stand: 26.05.2021 | Archiv

Moritz Hürtgen, gegenwärtiger Chefredakteur des Satiremagazins "Titanic", steht in den Redaktionsräumen mit der legendären Ausgabe mit "Zonen-Gaby" und ihrer "ersten Banane" auf dem Titel aus dem Jahr 1989. | Bild: dpa/picture-alliance

Freitag (28.05.) liegt die neue Ausgabe des Satiremagazins Titanic am Kiosk. Ein Jubiläumsheft. Das Cover wird golden schimmern. Es ist die 500. Ausgabe des Magazins. Anlass genug, um mit drei Blattmacher-Generationen der "Titanic" zu sprechen.

In der Oberpfalz, in seinem Geburtsort Amberg, lebt einer der Gründerväter der Titanic: Eckhard Henscheid. Er geht auf die 80 zu – und jedem direkten Kommentar zum aktuellen Zustand der von ihm mit ins Leben gerufenen "Humorzeitschrift" lieber aus dem Weg. Er wolle, so Henscheid, "nicht als Zensor dessen auftreten, was die Enkelgeneration da mit dem Blatt in Frankfurt macht". Ein Loblied klingt anders: "Ob das mit der Intention der ehemaligen Titanic von 1979 noch viel zu tun hat, will ich mal lieber offenlassen", sagt Henscheid, neben Pit Knorr (81) und Hans Traxler (92) einer der letzten Lebenden der Gründergeneration, und fährt fort: "Vielleicht haben die jetzigen Macher der Titanic da überhaupt keine Schwierigkeiten, aber mir wird da im vielleicht auch etwas sentimentalen Rückblick auf unsere Glanzzeit die Sache etwas schwer, sie zu begreifen." 

Humor ist nicht unbedingt ein Mehr-Generationen-Haus. Das merkt man, wenn man mit der alten, mittleren und der jungen, aktuellen Titanic-Generation spricht. Letztere vertritt der amtierende Chefredakteur Moritz Hürtgen. Wiewohl der 32jährige zugibt, dass sich die "Humorlandschaft" in den vergangenen Jahren stark gewandelt hat, hat der gebürtige Münchner Hürtgen zuletzt noch eine Text-Folge Henscheids über drei fast vergessene, von Satire-Großvater Henscheid so genannte "Spitzengauner der CSU" abgedruckt.

Die "Birne"-Buttons der Jungen Union und die "Arminions" von heute

"Zunächst ist das, wenn Eckhard Henscheid etwas für uns schreibt, – und ich hoffe, es war nicht das letzte Mal –, natürlich etwas, was auch unsere älteren Leser erreicht, die kennen ihn," sagt Hürtgen zum Text des Mitgründers. "Aber ich glaube, gerade solche Stücke wie diese drei Folgen 'Drei verwegene CSU-Halunken' sind auch sehr lehrreich für junge Leute. Wenn man von diesem Maskendeal von Andrea Tandler hört, ist es doch gut zu wissen, dass das nichts Neues ist in dieser Partei." Und Henscheid ergänzt: "Gelegentlich kann Satire wie in diesem Fall eben auch Satire-Geschichte sein. Dass man das alles noch mal aufarbeitet, ist nicht die erste Aufgabe von Satire, aber es kann auch dazugehören, dass man sich um die Geschichte dieser seltsamen Figuren ein wenig kümmert – wenn denn noch ausreichende Erinnerungsstärke vorhanden ist, und die ist bei mir im Augenblick noch ganz gut."

Leicht habe es die Satire nie gehabt, erzählt Henscheid. Manchmal drohe sie gar "ins Leere zu laufen", wie damals, 1987, als ausgerechnet die Junge Union den Titanic-Spottnamen für Helmut Kohl – "Birne" – adaptierte und "I like Birne"-Aufkleber im Bundestagswahlkampf verteilte. Lange her – Moritz Hürtgen war da noch gar nicht auf der Welt. Er hat für den laufenden Bundestagswahlkampf gerade die gelben "Arminions" erfunden: "Nervig, knubbelig, zurückgeblieben. Die Arminions kommen. Wer hat sie losgelaschet?", fragt "Titanic" und muss diesmal nicht fürchten, dass CDU-Anhänger die Witzfiguren für ihre Zwecke zu instrumentalisieren trachten.

Generationen-Gap Humor

Wenn Hürtgen aus Henscheids Sicht ein "Enkel" ist, dann ist der 64-jährige Hans Zippert, Chefredakteur der Titanic von 1990 bis 1995, einer von Henscheids "Söhnen". Und als Ziehsohn dem Alten zumindest in der Hinsicht sehr nahe, dass auch er hadert mit dem was Henscheid im Gespräch "Gesinnungsspießertum", vulgo politische Korrektheit nennt. Nimmt der heutige Humor zu sehr Rücksicht? Hans Zippert zögert: "Ich weiß nicht, ob das zu sehr ist. Das ist für Titanic und Satire überhaupt meist nicht sehr günstig, wenn man versucht, Rücksichten zu nehmen und vor allem auch immer Beifall von der falschen Seite zu vermeiden. Das wird dann sehr schnell zu einer schwierigen Gratwanderung. Es ist tatsächlich alles etwas moralischer und auch politisch korrekter geworden. Ob man das jetzt bedauern oder loben will – es lässt sich sehr wenig dagegen machen. Es ist der Geist der Zeit, und in diesem Zeitgeist arbeiten die jetzigen Autorinnen und Autoren."

In seinem Frankfurter Homeoffice sitzt Chefredakteur Hürtgen, der auch Lyriker ist, und will die Rede vom Generationen-Gap in puncto Humor nicht gelten lassen: "Ich meine, dass bei Titanic überwiegend schon noch eine Konstante da ist und etwas, auf das sich alle einigen können. Wir haben zwar auch unsere Streitpunkte unter den Generationen, wobei man das auch nicht so absolut trennen kann. Da gibt es solche und solche Ansichten innerhalb dieser Generationen. Aber Titanic ist immer noch ein Heft, wo in der Rubrik 'Briefe an die Leser' sowohl über 80jährige als auch unter 25jährige schreiben und eigentlich sich da in einem Sound treffen."

Die legendären "Briefe an die Leser"

Die seit jeher anonyme Rubrik "Briefe an die Leser" verzeichnet im Jubiläumsheft eine besonders komische und umfangreiche Polemik: eine Stilblütenlese aus Raphaela Edelbauers jüngstem Roman "Dave", laut Titanic eine einzige "Wortmüllhalde" der österreichischen "Jungliteratin". Damit muss man umgehen können. Grundsätzlich aber gilt: Man darf sich geadelt fühlen, wenn die Titanic einen für würdig befindet, mit Spott überzogen zu werden. Die Produktionsbedingungen freilich haben sich auch auf dem, so Henscheid, "dünnen Markt" der Satire verändert. Früher hatte man als nahezu konkurrenzloses Monatsmagazin das "Monopol" auf Scherze und gute Gags "gepachtet", sagt einem Hans Zippert. Die Zeiten sind längst vorbei.

Es gibt Mitbewerber wie zum Beispiel den Postillon oder auch die heute-show und extra 3, von Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale gar nicht zu reden (für welches Hürtgen gelegentlich als Autor arbeitet) – und deshalb als "Forderung des Tages", um den Frankfurter Goethe abzuwandeln, die Pflicht, ständig die sozialen Medien zu bespielen. Hans Zippert glaubt deshalb, dass "die hauptsächliche satirische Arbeit der Titanic jetzt im Netz stattfindet: auf der Website oder bei Twitter, denn da wird eben ganz schnell und sofort reagiert. Das muss man auch. Wenn man zu lange wartet, schnappt einem jemand anderes die Idee weg. Das bedeutet eben für das Heft, dass es insgesamt etwas zeitloser sein muss und vielleicht auch kunstvoller." Kunstvoll ist Titanic durchaus – die Katz & Goldt-Comics sind von ebenso zeitloser Schönheit wie die Zeichnungen von Mahler und die Cartoons von Rattelschneck. Ja, allesamt Männer.

Die Titanic und die Frauen

Dass endlich mal eine Frau den turnusgemäß alle fünf Jahre neu zu besetzenden Chefredakteursposten einnimmt, ist für Hans Zippert nur eine Frage der Zeit. Er zeigt sich überzeugt, "dass sich das Männer-Frauen-Verhältnis angleichen wird im Laufe der nächsten Jahre, auch in der Redaktion. Eine Chefredakteurin ist absolut keine Utopie mehr, das dürfte demnächst auch stattfinden. Ansonsten kann ich mich auch aus meiner Zeit nicht daran erinnern, dass wir weibliche Autoren oder Zeichner abgelehnt hätten, sondern es gab da einfach niemanden." Für Zippert ist klar: "Es hat etwas länger gedauert, bis sich auch die Frauen getraut haben, respektlos, unverschämt, gemein und einfach unangenehm zu sein. Das kommt jetzt aber, es entwickelt sich mit Macht – und wer weiß, vielleicht haben wir bald sogar einen Frauen-Überschuss in der Titanic."

Eine denkbare Kandidatin für den Chefredakteursposten wäre sicherlich die junge Redakteurin Paula Irmschler, so wie Hürtgen unlängst auch als Buch-Autorin hervorgetreten ("Superbusen"). Moritz Hürtgen findet es jedenfalls nach über vier Jahrzehnten Männerherrschaft hoch an der Zeit für eine Frau an der Spitze: "Wir haben ja zum Glück Redakteurinnen. Ich sage immer wieder, dass das bei Titanic kein Novum ist. Aber unbestreitbar kommt die Titanic-Satire aus einer sehr männlich dominierten Geschichte."

Talentschmiede Titanic

In jedem Fall ist die Titanic – wenn man auf die Karrieren derer sieht, die bei ihr in jungen Jahren angefangen haben, die Talentschmiede des deutschen Journalismus. Die Karikaturisten Greser & Lenz sind längst bei der FAZ gelandet, Thomas Gsella schreibt Gedichte für den "Stern". Oliver Maria Schmitt ist ein gefragter Reisereporter für GEO und andere Magazine. Hans Zippert arbeitet heute als Kolumnist für den WDR und Die Welt: "Ich denke schon, dass das von anderen Medien sehr genau beobachtet wird, wer sich gerade in Titanic ausprobiert. Das ist eigentlich nach wie vor die ganz große Möglichkeit, die da jeder hat, dass man sich da versuchen kann, dass man da auch eine absolute Narrenfreiheit hat, die man später nicht mehr so spüren wird."

Auf die von Zippert so genannte "große Chance" angesprochen, entgegnet Moritz Hürtgen, ganz alte Titanic-Schule: "Ich glaube, man verbrennt sein Talent eher bei Titanic und muss gucken, dass man danach noch irgendwo unterkommt. Ich hoffe, dass ich nach meiner Zeit bei Titanic, die in zweieinhalb Jahren schon wieder vorbei sein wird, gar nicht mehr arbeiten muss. Das ist das Ziel. Aber ich habe keine Ahnung, wie ich das anstelle." Wie auch immer, das gelungene 500. Heft heißt auch: Der Untergang der Titanic ist ein weiteres Mal abgewendet.