Shakespeare digital "Macbeth" auf Telegram, Puck im virtuellen Wald

Zweimal Shakespeare auf der digitalen Bühne: Das Staatstheater Nürnberg inszeniert "Macbeth" als Kurznachrichtentheater auf der Messenger-App Telegram. Und die Royal Shakespeare Company zeigt mit "Dream" eine an den "Sommernachtstraum" angelehnte Produktion mit Computerspiel-Elementen.

Von: Christoph Leibold

Stand: 11.03.2021 | Archiv

Das Staatstheater Nürnberg inszeniert "Macbeth" auf Telegram als Kurznachrichtentheater.  | Bild: Staatstheater Nürnberg

"Wär's damit getan, es nur zu tun, wär's gut, es schnell zu tun." So spricht Macbeth in der deutschen Übersetzung von Jürgen Gosch und Angela Schanelec. Eine zeitgenössische Übertragung, aber "keine aufgehippte", wie Nürnbergs Schauspielchef Jan Philipp Gloger betont. Er hat diesen "Macbeth" inszeniert, nah am Originaltext, ohne ihn auf Chatsprache zu trimmen. Also ohne LOL, OMG und CU. Aber eben auf Telegram. Gloger: "Das Eigene im Fremden suchen, ist immer ein Motto von mir. Und ich glaube, die Reibung, die entsteht, wenn man Literatur in diese Form gießt, die finde ich spannend. Man kriegt gerade dadurch, dass 'Macbeth' ein fremder Stoff ist, der nicht einfach die Wiederholung unseres Alltags ist, mal so einen ganz anderen Blick darauf, was wir jetzt eigentlich die ganze Zeit vermehrt während der Pandemie machen, nämlich teilweise ganz existentielle Dinge über kurze Nachrichten, über Emojis, Memes, Smileys, Medien, wie auch immer… zu verhandeln, auf der Bühne des Handys."

Wir starren auf Macbeths Handy

Das ganze Web ist eine Bühne – das wissen wir spätestens seit dem ersten Lockdown. Das Display eines Handys als Handlungsort – damit geht Gloger indes noch einen Schritt weiter. Aber kein Theaterfilm wird darauf zu sehen sein. Sondern: Das Publikum starrt gewissermaßen zusammen mit Macbeth gebannt auf dessen Smartphone und sieht wie Nachrichten eingehen – von seiner Lady, von den drei Hexen, von seinen Feinden und Freunden – und wie er selbst Nachrichten verschickt. Texte werden eingetippt, Sprachnachrichten versendet, Videoclips geteilt.

Die Geschichte des schottischen Kriegers Macbeth, der sich zur Königsmacht hinauf mordet, und schließlich von Gewissensqualen und Geistern seiner Opfer heimgesucht wird – Jan Philipp Gloger hat sich bewusst diese Tragödie für sein Telegram-Experiment ausgesucht. Der Nürnberger Schauspielchef Gloger: "Wir haben gesagt, was sind Stücke, die sich wirklich aus einer Perspektive erzählen lassen. Also es ist die In-Box von Macbeth, die wir zusammen betreten. Und dann bekommt er Informationen, die ihn dazu führen, langsam die Realität oder den Boden unter den Füßen zu verlieren. Und es spielt ja auch die Öffentlichkeit eine große Rolle in diesem Drama – wer weiß was? wer gibt was bekannt? – und die kann man natürlich auf Social Media und Postings und mit ähnlichen Medien auch ganz spannend inszenieren." Selbst Nachrichten abschicken kann man als Zuschauer übrigens nicht. Man ist stummer Zeuge, aber: mittendrin in Macbeths Gedankenkosmos der wachsenden Paranoia.

Gaming Shakespeare

Eine verunsichernde Welt ist auch der Wald von Athen, wo Kobold Puck die Figuren im "Sommernachtstraum" an der Nase herumführt. Die Royal Shakespeare Company, kurz RSC, hat in einem leeren Kaufhaus im Geburtsort des englischen Nationaldichters Stratford so einen surrealen Zauberwald eingerichtet. Durchs Kameraauge folgt das Publikum Puck durchs Dickicht und darf sogar mit entscheiden, welche Richtung die Erkundung nehmen soll. Der "Sommernachtstraum" dränge sich geradezu auf für dieses Experiment, sagt Produzentin Eleanor Whitley: "Der 'Sommernachtstraum' eignet sich besonders gut, denn das ganze Stück handelt davon, wie sich eine reale und eine fantastische Welt vermischen. Und das ist natürlich die perfekte Analogie zu dem, was wir gerade erleben: wie sich die echte und die virtuelle Welt immer stärker durchdringen."

Für "Dream" hat die RSC mit Fachleuten aus der Gaming-Branche zusammengearbeitet. Gezeigt wird keine digitale Adaption der Shakespeare-Komödie. Die Produktion bedient sich nur der Szenerie und verschiedener Motive. Zu erleben sein wird ein nächtlicher Sturm, der den Wald zerzaust. Die Aufgabe, die Publikum und Puck gemeinsam spielerisch lösen müssen: den Wald wieder aufzuforsten, ehe ein neuer Tag anbricht. Man kann das als Metapher sehen. Auch der Kultur droht ja ein Kahlschlag durch Corona: Kürzungen in den Etats, unterbrochener Zuschauerkontakt. Aber natürlich birgt der digitale Aufbruch in der Pandemie auch die Chance, mit neuen Formaten neue Zuschauer zu erreichen. Als Shakespeare seine Stücke schrieb, war Theater Popkultur. Lebte er heute, würde er dann wohl Serien für Netflix schreiben? Eleanor Whitley: "Herrje, ich weiß es nicht. Wobei? Ja, ich glaube, das würde er. Oder er würde Spiele wie Minecraft oder Fortnite entwickeln. Die komplexen Welten, die er geschaffen hat, haben mindestens so viel mit Gaming wie mit Fernsehen zu tun."

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Dream | Trailer | Bild: Royal Shakespeare Company (via YouTube)

Dream | Trailer