Corona-Passionsspiel Nicolas Stemanns Poppige Pandemie

Theater hilft gegen Pandemien, wissen die Oberammergauer. Regisseur Nicolaus Stemann macht es ihnen mit seinem Corona-Passionsspiel nach.

Von: Christoph Leibold

Stand: 26.06.2020 | Archiv

Corona Passionsspiele: Ein älterer Herr im durchsichtigen Plastikball hält eine Blume in die Kamera | Bild: Gina Folly

Ehe Nicolas Stemann Intendant am Schauspielhaus Zürich wurde, war er Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen. Eine gute Autostunde südlich der Bayerischen Landeshauptstadt liegt Oberammergau, das berühmtestes Passionsspieldorf der Welt. Eine Aufführung des Bibeldramas konnte Stemann in seinen Münchner Jahren dort zwar nicht sehen (zuletzt wurde in Oberammergau 2010 Passion gespielt, da arbeitete Stemann nicht in Bayern), aber allein die Nähe zu Oberammergau hat offenbar sein Interesse geweckt. Die Oberammergauer gelobten 1633, alle zehn Jahre die Leidensgeschichte Jesu auf die Bühne zu bringen, so denn die Pest ein Ende nähme, die gerade im Dorf wütete. Und tatsächlich: Nach dem Gelübde holte der schwarze Tod keinen einzigen Dorfbewohner mehr. 

Epidemien ganz konkret mit Theater bekämpfen 

Dass die Oberammergauer Passion, die heuer wieder hätte aufgeführt werden sollen, nun wegen einer anderen Pandemie abgesagt werden mussten – geschenkt! Stemann ist dennoch fasziniert von der Idee, dass in der Vergangenheit "Epidemien ganz konkret mit Theater bekämpft" wurden. Und das offenbar sogar mit Erfolg. "Vielleicht kann Theater also mehr ausrichten, als man denkt", folgert Stemann. 

Dass Länder wie Deutschland, Österreich und die Schweiz das Corona-Virus derzeit einigermaßen unter Kontrolle haben, wird zwar niemand ernsthaft dem segensreichen Wirken des Theaters zuschrieben. Den Corona-Passionsspielen, die Nicolas Stemann am Schauspielhaus Zürich aus der Taufe gehoben hat, lassen sich dennoch mit Fug und Recht heilsame Kräfte bescheinigen. 

Ein Theater, das nicht spielt, gleicht einem Patienten im Koma. Die Züricher "Corona-Passionsspiele" starteten Ende März, kurz nach dem Lockdown, und sorgte so für die rasche Wiederbelebung des Schauspiel Zürichs, ehe sich das Koma zum Dauerzustand hätte auswachsen können. Insofern ging es erstmal darum, die Selbstheilungskräfte des Theaters und seiner Macher*innen zu aktivieren. 

Songs über und gegen Corona 

Passion, das bedeutet nicht nur Leiden, sondern auch Leidenschaft. Stemanns Passion gehört nicht nur dem Regieführen, sondern auch der Musik. Im Januar hat er sein erstes Musical in Zürich zur Uraufführung gebracht, als Regisseur, Texter und Komponist – eine Bühnenfassung von Ayn Rands Roman "Der Streik". Das "Corona-Passionsspiel" nun ist erstmal eine Folge von Songs, die Nicolas Stemann geschrieben und Videokünstlerin Emma Lou Herrmann in Clips verpackt hat. Zwölf sind es insgesamt, veröffentlicht in loser Folge zwischen Ende März und Anfang Juni, auf der Homepage des Theaters. In der ersten Folge kann man Stemann persönlich erleben, singend am E-Piano. Der Song, der in seinem schwarzhumorigen Stil an die Lieder Georg Kreislers erinnert, erzählt vom allmählichen Näherrücken des Corona-Virus, das zunächst ganz weit weg schien, irgendwo fern in China, wo die Menschen "alle möglichen Haustiere essen". Später im Clip sieht man Bilder von Après-Ski-Partys in Ischgl, und am Ende seiner Darbietung bricht Stemann in einen trockenen Hustenanfall aus. In den nächsten Folgen kommen Schauspieler*innen als Interpret*innen dazu.  

Das singende Virus 

Es gibt Lieder von singenden Viren, die den Menschen entgegenhalten "Ihr seid die Seuche, wir sind die Medizin"; eine melancholische Schmuseballade über die schmerzhafte Erkenntnis, dass Videokonferenzen keine echte Nähe zum Mitmenschen schaffen; oder eine Weichspüler-Pop-Nummer über Rettungsschirme für die Luftfahrtbranche, den Fußball und die Autoindustrie ("Rettet die Autos, sie wollen leben so wie wir!"). Stemann hat die Songs mit unüberhörbarem Spaß an der musikalischen Stilparodie arrangiert. Von NDW bis Nashville-Sound, und zwischen Punk und Poesie ist eine Menge drin. 

Auch Jesus hat, wie es sich für ein Passionsspiel gehört, seinen Auftritt, in der am Ostersonntag publizierten Folge. Tabita Johannes meldet sich im Bademantel per "Sky-Video" und sieht mit Langhaarperücke und geschminktem Drei-Tage-Bart eher aus wie Conchita Wurst. Das Video ist folgerichtig mit einem Warnhinweis versehen: "Auch an Ostern: Vorsicht vor falschen Propheten!" 

Die Züricher "Corona-Passionsspiele" erzählen auch nicht Jesu Leidensgeschichte, die zwölf Folgen sind nicht Stationen seines Kreuzwegs (der zählt ohnehin 14 Stationen!), sondern handeln von unser aller Kreuz mit Corona. 

Der Impfstoff "spielt" das Virus 

Vieles dabei ist herrlich albern, aber nichts ohne Ironie und tiefere Bedeutung. Stemanns Humor ist von der heilsamen Sorte. Er selbst beschreibt das so: "Erst vor kurzem ist mir aufgefallen, dass auch Impfstoffe, ähnlich wie Theater, mit Mimesis und Verkleidung arbeiten. Harmlose Virenarten spielen gewissermaßen gefährliche Krankheitserreger und bringen den Körper so in einem spielerischen Rahmen dazu, Resistenzen zu entwickeln und sich zu immunisieren. Genau so funktioniert Theater!" 

In Zeiten, da viel von Hygienemaßnahmen die Rede ist, dient Stemanns Corona-Passionsspiel der Psychohygiene, vielleicht könnte man sogar – dem Genre angemessen! – behaupten: dem Seelenheil. Und am Ende steht eine echte Wiederauferstehung: Am Wochenende (26./27.Juni 2020, jeweils um 21:00 Uhr) präsentieren Stemann und sein Ensemble die zwölf Lieder, die bisher nur als Videoclips existieren, in einem "Distanzkonzert" live vor Publikum im Züricher Schiffbau