Corona-Passionsspiel Nicolas Stemanns Poppige Pandemie

Theater hilft gegen Pandemien, wissen die Oberammergauer. Regisseur Nicolaus Stemann macht es ihnen mit seinem Corona-Passionsspiel nach. Das Schauspielhaus Zürich zeigt heute Abend den dritten Teil im Livestream.

Von: Christoph Leibold

Stand: 21.01.2021 | Archiv

Corona Passionsspiele: Ein älterer Herr im durchsichtigen Plastikball hält eine Blume in die Kamera | Bild: Gina Folly

Ehe Nicolas Stemann Intendant am Schauspielhaus Zürich wurde, war er Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen. Eine gute Autostunde südlich der Bayerischen Landeshauptstadt liegt Oberammergau, das berühmtestes Passionsspieldorf der Welt. Eine Aufführung dort konnte Stemann in seinen Münchner Jahren zwar nicht sehen (zuletzt wurde in Oberammergau 2010 Passion gespielt, da arbeitete Stemann nicht in Bayern), aber allein die Nähe zu Oberammergau hat offenbar sein Interesse geweckt. Die Oberammergauer gelobten 1633, alle zehn Jahre die Leidensgeschichte Jesu auf die Bühne zu bringen, so denn die Pest ein Ende nähme, die gerade im Dorf wütete. Und tatsächlich: Nach dem Gelübde holte der schwarze Tod keinen einzigen Dorfbewohner mehr.

Epidemien ganz konkret mit Theater bekämpfen 

Dass die Oberammergauer Passion, die 2020 wieder hätte aufgeführt werden sollen, wegen einer anderen Pandemie abgesagt werden mussten – geschenkt! Stemann war dennoch fasziniert von der Idee, dass in der Vergangenheit "Epidemien ganz konkret mit Theater bekämpft" wurden. Und das offenbar sogar mit Erfolg. "Vielleicht kann Theater also mehr ausrichten, als man denkt", folgerte Stemann und startete Ende März 2020 "Corona-Passionsspiele" im Netz: eine Art musikalisches Lockdown-Tagebuch aus Liedern, die reflektierten, was das Virus mit der und dem Einzelnen und der Gesellschaft anrichtete.

Als dann die Theater im Sommer und bis in den Herbst hinein wieder aufsperren durften, veranstalte das Schauspielhaus Zürich zwei Live-Aufführungen der Corona-Passionsspiele. Eine Impfung stand zu dem Zeitpunkt noch nicht zur Verfügung. Dafür wirkten Stemanns ironiesatte Songs wie eine Immunisierung gegen die Zumutungen der Pandemie. Nun, im neuerlichen Lockdown, ist dringend eine Auffrischung fällig, weshalb das Schauspielhaus Zürich heute Abend die "Corona-Passionsspiele Vol. 3" als Live-Stream präsentiert: ein Distanzkonzert aus der Schiffbauhalle, bei dem Stemann und sein Ensemble all die Songs spielen, die es im letzten Frühjahr als Videos im Netz zu sehen und hören gab.

Songs über und gegen Corona 

Zwölf Songs waren es insgesamt in der ersten Staffel, veröffentlicht in loser Folge zwischen Ende März und Anfang Juni. Im ersten kann man Stemann persönlich erleben, singend am E-Piano. Das Lied, das in seinem schwarzhumorigen Stil an die Lieder Georg Kreislers erinnert, erzählt vom allmählichen Näherrücken des Corona-Virus, das zunächst ganz weit weg schien, irgendwo fern in China, wo die Menschen "alle möglichen Haustiere essen". Später im Clip sieht man Bilder von Après-Ski-Partys in Ischgl, und am Ende seiner Darbietung bricht Stemann in einen trockenen Hustenanfall aus. In den nächsten Folgen kommen Züricher Ensemble-Mitglieder als Interpreten dazu.

Das singende Virus 

Es gibt Lieder von singenden Viren, die den Menschen entgegenhalten "Ihr seid die Seuche, wir sind die Medizin"; eine melancholische Schmuseballade über die schmerzhafte Erkenntnis, dass Videokonferenzen keine echte Nähe zum Mitmenschen schaffen; oder eine Weichspüler-Pop-Nummer über Rettungsschirme für die Luftfahrtbranche, den Fußball und die Autoindustrie ("Rettet die Autos, sie wollen leben so wie wir!"). Stemann hat die Songs mit unüberhörbarem Spaß an der musikalischen Stilparodie arrangiert. Von NDW bis Nashville-Sound, und zwischen Punk und Poesie deckt er eine breite Palette ab.

Der Impfstoff "spielt" das Virus 

Vieles dabei ist herrlich albern, aber nichts ohne Ironie und tiefere Bedeutung. Stemanns Humor ist von der heilsamen Sorte. Er selbst beschreibt das so: "Erst vor kurzem ist mir aufgefallen, dass auch Impfstoffe, ähnlich wie Theater, mit Mimesis und Verkleidung arbeiten. Harmlose Virenarten spielen gewissermaßen gefährliche Krankheitserreger und bringen den Körper so in einem spielerischen Rahmen dazu, Resistenzen zu entwickeln und sich zu immunisieren. Genau so funktioniert Theater!"

In Zeiten, da viel von Hygienemaßnahmen die Rede ist, dient Stemanns Corona-Passionsspiel der Psychohygiene, vielleicht könnte man sogar – dem Genre angemessen! – behaupten: dem Seelenheil.

Für die dritte Live-Konzert-Ausgabe heute Abend hat Stemann das Repertoire um neue Songs ergänzt. Um die sogenannte "Corona-Fatigue" wird es gehen, gleich in der Auftaktnummer "Ich kann nicht mehr!" Und auch der Virus-Mutation ist ein Titel gewidmet: In "La nouvelle vague" hat Stemann Pressemitteilung des Schweizer Bundesrates auf Französisch verarbeitet. Die Lieder vom Frühling wurden zum Teil aktualisiert. In "Rettet die Autos" wird nun auch thematisiert, dass die Skigebiete in der Schweiz offengeblieben sind (während die Theater dicht gemacht wurden).

Bereits zu Beginn des Projekts im Internet hat Stemann, inspiriert von Oberammergau, erklärt: "Sollte es eines Tages tatsächlich zu einer Aufführung kommen, dann muss diese alle zehn Jahre im Züricher Schauspielhaus wiederholt werden – egal übrigens, wer dann Intendant sein wird. So der Schwur."

Hiermit sei feierlich gelobt: Wir bleiben dran und werden im Juni 2030 berichten.
Jetzt aber findet erstmal heute Abend (21. Januar 2021, 19.30 Uhr) die dritte Ausgabe der Züricher "Corona-Passionsspiele" statt – als Livestream aus der Schiffbauhalle. Wem hinterher nach Exegese ist: Im Anschluss (21.30 Uhr) folgt ein Nachgespräch auf Zoom, in dem sich Nicolas Stemann mit einer Pfarrerin und einem Philosophen austauscht.