Nevin Aladağ: Sound of Spaces in der Villa Stuck Kunstwerke, die zum Hören einladen

Ein Bild- und Klangexperiment: In der Ausstellung "Sound of Spaces" der Künstlerin Nevin Aladağ in der Villa Stuck laden skurrile Musikinstrumente und Videos zu einem besonderen Hörerlebnis ein.

Von: Flora Roenneberg

Stand: 28.10.2021

Nevin Aladağ
Traces, 2015, Film still
Filmstil mit Trompete, aus deren Mundstück ein Luftballon herauskommt. Drei-Kanal-Video mit drei Tonspuren, jeder Film 6 min / 3-channel video with 3 sound tracks, each film 6 min
| Bild: © Nevin Aladağ / VG Bild-Kunst, Bonn

Ein schmaler orientalischer Teppich hängt aus dem oberen Fenster der Villa Stuck bis auf die Straße hinunter und lädt zum Eintritt ein. Es regnet. Auch in der Villa Stuck regnet es. Aber dort spielt der Regen auf einer Trommel. Mit Filmen, Bildern und Geräuschen wird man hier in eine andere Welt entführt, in die Welt der Künstlerin Nevin Aladağ mit ihrer Ausstellung: "Sound of Spaces". In dieser Welt gerät das Alltägliche in Bewegung, Objekte fangen an zu musizieren. Alles hier ist Klang, selbst alte Möbel verwandeln sich in Instrumente. "Und dieses Musikzimmer hier", so erzählt Nevin Aladağ, "besteht aus zwei Sesseln, aus einer akustischen Gitarre, aus einer Bassgitarre, einem geflochtenen Stuhl, der in der Rückenlehne Harfensaiten bespannt hat, einen zusammenklappbarer Tisch mit einer Trommeloberfläche, ein Staubsauger zu einem Blasinstrument umfunktioniert, eine Stehlampe, die auch leuchtet, zu einer Violine umfunktioniert, und ein Zeitungsständer auch zu einer Trommel. Und die Frage war, wie klingt ein Sessel, wie klingt ein Stuhl, wie klingt ein Tisch?"

Aladağs Welt klingt ein Sessel so. Eine türkische Teekanne hingegen hat ihren ganz eigenen Rhythmus. Kunst und Klang verschmelzen. Der Gang durchs Museum wird zur Choreographie. Mit dieser Ausstellung kehrt die Künstlerin nach 20 Jahren zurück nach München, wo sie einst studierte, und fühlt sich in der Stuck Villa wie zu Hause: "Dass ich das schon als mein Haus empfinde, weil sich alles so gut integriert. Und zum Teil manche Besucherinnen und Besucher, vielleicht manchmal gar nicht erkennen können, welche Möbel jetzt die historischen Möbel von Stuck sind, und welche vielleicht die Möbel, die sich da eingeschlichen haben."

Kanonenkugeln verwandeln sich in Noten

Schranklaute von Nevin Aladağ

Behutsam und doch schrill bringt die Künstlerin immer wieder festgefügte Vorstellungen und Objekte ins Wanken, und lässt dabei Neues entstehen. Mit Mozarts "Rondo alla Turca" verwandelt sie Kanonenkugeln in Noten, die zu Partituren an der Wand werden. Ein einzelner Stöckelschuh lässt sich kaum noch von einem Hammer unterscheiden, ein Teppichmosaik nicht von einem Kirchenfenster, und gescheiteltes Haar, sowie Stromkabel, nicht mehr von einem Theatervorhang. Instrumente vereinen sich zu merkwürdigen hybriden Mischwesen und Klangskulpturen. Aladağ: "Ich habe einfach sehr viel Freude am Experimentieren! Es gibt ja nichts, was nicht zusammenpasst, wenn man es nicht sozusagen richtig zusammenfügt. Es klingt nie gleich. Also jedes Stück, jede Minute klingt anders, als die davor, und vielleicht ist das Klang für mich - auch das ist unaufhaltsam, auch das entwickelt sich immer weiter - ich glaube, das kann man gar nicht greifen."

Klischees? Eine Einladung zum Tanz

Von Ost nach West ließ Aladağ Frauen in Berlin über die Dächer tanzen und mit ihren Higheels wieder neue Kunstwerke formen. Ihr souveräner Umgang mit Rollenbildern und Klischees ist wohltuend, weil er nie bevormundend wirkt. Aladağ ist eine Grenzgängerin: "Wo werden Grenzen gezogen? Wie werden Sie gezogen? Dass man sich fragt, wer hat denn die Grenze im Kopf? Des Objekts, des Raumes, des Stück Landes? Wer hat das eigentlich bestimmt? Und warum muss ich mich an diese Grenze jetzt halten (...) und wie kann man das immer wieder aufbrechen?"

Eine Mundharmonika hängt aus einem Autofenster und lässt durch den Fahrtwind die Symphonie der Großstadt erklingen. Ein Fenster der Stuck Villa erzählt nachts Schattengeschichten. Einsame Musikinstrumente erkunden fremde Orte. Ein Tamburin rollt durch die Wüste, ein Cello spielt auf einem Spielplatz. Von den Arabischen Emiraten bis in ihre Heimatstadt Stuttgart schlägt die Künstlerin einen Klangbogen.

Die kluge und humorvolle Ausstellung "Sound of Spaces" gleicht einer Einladung zum Tanz. Aladağ verschiebt durch ihre Kunst die Grenzen der Wahrnehmung, und fordert dazu auf, unsere Welt neu zu denken: Ich glaube es geht um die permanente Transformation, wenn man so möchte. Vielleicht ist man inspiriert und denkt über diesen Tellerrand hinaus, oder überlegt sich selber, was ist es denn, was ich sehe, ist es wirklich das, was ich erwarte? Oder kann es denn noch viel mehr, oder auch viel weniger sein?"

Haben Sie schon einmal im Museum gepfiffen? Der Direktor der Villa Stuck, Michael Buhrs, hat versprochen, aufgrund der Ausstellung die Hausordnung zu ändern: "Pfeifen ist nun im Museum erlaubt, ja sogar ausdrücklich erwünscht."