Taylor Swift Album "Red" Wie Taylor Swifts Selbst-Konservierung für Pop 2021 steht

Popstar Taylor Swift veröffentlicht alte Alben erneut und wärmt alte Gerüchte um ihre Beziehung zum Schauspieler Jake Gyllenhaal auf. Schmeckt weniger nach gepfefferter Selbstermächtigung im Pop und mehr nach fadem Aufgewärmtem.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 18.11.2021 | Archiv

Taylor Swift hält einen goldenen Grammy in den Händen. | Bild: Jordan Strauss/Invision/AP/dpa

Sie hat sich Stück für Stück auf den Pop-Olymp gehievt: Angefangen hat Taylor Swift als moralisch integeres Country-Starlet. Der Übergang zur Volljährigkeit wurde für die Öffentlichkeit nicht durch nacktes Schwingen auf einer Abrissbirne markiert oder durch Urinieren in den Kübel einer Hotelzimmerpflanze. In den Relationen von Taylor Swifts Songs waren Schimpfwörter und sexuelle Andeutungen schon Aufsehen erregend genug. Auch wenn das wohl eher den eingefleischten Fans aufgefallen ist. Taylor Swift wurde anders erwachsen: Indem sie sich medienwirksam mit Strukturen im Musikgeschäft auseinandergesetzt hat - ein selbst geschaffenes Image. Und doch hat sie gerade herausragenden Erfolg mit einem Song, der eine Rückkehr zu dem von Klatschspalten bestimmten Image bedeutet. Die Taylor Swift lange als junge Frau porträtierten, die zwar Songs schreibt, aber viel interessanter durch den jeweiligen Mann an ihrer Seite wird.

Ein deutlicher Hinweis auf einen neuen Abschnitt ihrer Karriere waren Swifts öffentliche Stellungnahmen zur Popindustrie, wie ihr offener Brief an Apple Music, in dem sie die Vergütungsmodalitäten der Streaminglattform kritisierte. Oder der Streit um die Rechte an ihren alten Alben. Ihre ehemalige Plattenfirma behielt die Rechte, wurde von schließlich von einem Musikmanager gekauft, mit dem Swift keine gute Vorgeschichte verbindet. Was Taylor Swift laut monierte - und so den Umstand, dass die Rechte an Songs eben nicht immer bei den Urhebern liegen, für eine jüngere Generation erst klargemacht hat. Weil solch ein Rechte-Verkauf zwar ein vielleicht für Swift unangenehmer, aber keinesfalls illegaler Vorgang ist, zog sie Konsequenzen: Jedes dieser Alben würde sie erneut einspielen und erneut herausbringen. Für die allermeisten Musiker wäre das ein möglicher finanzieller Ruin. Für einen Weltstar aber ist es eine praktische Möglichkeit, den eigenen Backkatalog zurückzugewinnen. Eine Machtgeste ist es obendrein. Zumal die neu aufgenommen Alben und die darauf enthaltenen Songs allesamt den Zusatz "Taylor's Version" im Titel tragen.

Das eigene Werk als work in progress?

Aber lohnt sich das auch musikalisch? Ja, für Taylor Swift. Tatsächlich wurden alle Songs neu eingespielt und eingesungen. Es finden sich darauf auch Song aus der beliebten "Hat es zuvor nicht aufs Album geschafft"-Kategorie. Das gibt treuen Fans neue alte Songs zu hören und vor allem Taylor Swift die Chance, ihre eigenen Songs zeitloser zu gestalten. Der Song "I Knew You Were Trouble" etwa war auf dem Originalalbum und bedeutete bei seinem Erscheinen einen klaren Bruch mit Swifts Country-Sound, die Hook wird im Original mit EDM Bässen eingeläutet. Die waren 2012 schon nicht der neuste Trend - 2021 klingen sie wie im Rückblick die meisten Jugendfrisuren aussehen: Ein netter Versuch cool auszusehen, aber jetzt doch etwas albern.

Taylor Swift befreit ihre Musik also von derartigen "Jugendsünden", gibt anderen Songs das folkig-handgemachte Flair ihres gelobten "Folklore"-Albums und lädt sich Gäste wie Ed Sheeran und Phoebe Bridgers dazu. Sie macht ihr Werk zeitloser, stellt das gekonnte Songwriting heraus. Ein Song zeigt aber exemplarisch, dass Taylor Swift nicht nur musikalisch etwas auf der Stelle tritt: Auch "All Too Well" war schon auf der ersten Version des "Red" Albums und ist nun in einer ungekürzten Version veröffentlicht. Über zehn Minuten ist der Songs lang und Anlass für viele Reels und Memes auf Tiktok, Instagram und Twitter. Befeuern tut Swift das selbst durch einen neuen Kurzfilm als Musikvideo, mit Sadie Sink aus der Serie "Stranger Things" in einer der Hauptrollen. Drehbuch und Regie? Taylor Swift!

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Taylor Swift - All Too Well: The Short Film | Bild: TaylorSwiftVEVO (via YouTube)

Taylor Swift - All Too Well: The Short Film

Dabei geht Taylor Swift höchstpersönlich in die Gerüchteküche und panscht ganz ordentlich darin herum. In diesem Song gibt es Anspielungen auf ihre Beziehung zu Schauspieler Jake Gyllenhaal. Begleitet von der Yellow Press hatten die beiden wohl eine kurzzeitige Beziehung, die auf diesen Song gebannt schon zur Erstveröffentlichung von "Red" Kreise im Internet zog. Daran nun mit einer extralangen Version anzuschließen, zeugt nicht nur von einer gewissen Einfallslosigkeit, es ist auch ein Zugeständnis an die Relevanz von Gerüchten, von Gossip. Mit denen Swift schon länger spielt. Andeutungen in Songs, aber auch Easter Eggs in Musikvideos, überall konnten Fans Referenzen an Swifts Liebeleien und Fehden finden. Davon gab es lange Zeit genug. Und all das sichert Aufmerksamkeit. In den letzten Jahren ist es allerdings ruhiger geworden: Streitigkeiten mit Stars wie Katy Perry wurden beigelegt, Swift ist seit Jahren in einer festen Beziehung, die sie privat hält. Also Yellow-Press-Skandälchen von gestern für die alten und neuen Fans auf Insta- und TikTok? Die Vermarktung ihrer Privatsphäre aus einer Phase, in der sie keine hatte, zugunsten der Privatsphäre, die sie jetzt genießt?

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Taylor Banks Jake Gyllenhaal spotted watching the #AllTooWellShortFilm on his phone at dinner. Anon please https://t.co/6onC47hRLE

Jake Gyllenhaal spotted watching the #AllTooWellShortFilm on his phone at dinner. Anon please https://t.co/6onC47hRLE | Bild: MsTaylorBanks (via Twitter)

 Wie gut das Konzept aufgeht, zeigen nicht nur Fan-Reaktionen, sondern auch wohlwollende Album-Rezensionen. Sie läuft noch wie geschmiert, diese sich selbst sampelnde Maschinerie Pop. Das Jahr 2021 ist wohl der beste Beweis dafür, dass nicht nur alte Melodien, sondern auch verflossene Liebhaber immer noch funktionieren. Immerhin wurden auch durch die Social Media Plattform TikTok und das Spiegeln dieser Inhalte auf anderen Plattformen Songs wie Boney M.s "Rasputin" wieder erfolgreich, auch die Band Fleetwood Mac feiert nach Zahlen ein Comeback und ABBA haben nicht nur gefühlt sich selbst auf ihrem aktuellen Album gecovert, sie kopieren sogar ihre Körper als ewig aufspielende Avatare.

Nur eben mit dem Unterschied, dass Taylor Swift ihr Erbe noch während ihrer aktiven Karriere verwaltet. Oder sollten wir eher sagen: ausschlachtet. Die künstlerische Hinterlassenschaft selbst in der Hand zu haben und die Ziele und geschäftlichen Strategien derart offen zu kommunizieren, wie Taylor Swift das tut, ist zwar eine schlaue Strategie, bringt aber leider keine neue relevante Musik hervor. Bleibt zu hoffen, dass Taylor Swift von der Selbstverwaltung wieder zur Kreativverwaltung übergeht. Und mit ihr der Pop ab 2022 wieder nach vorne schaut, statt schlummernd im Corona-Kreativ-Schlaf zu verharren.