Lou Ottens Der Erfinder der Kassette ist gestorben – sein Medium bleibt

Der Ingenieur Lou Ottens war an der Erfindung der Kompaktkassette und der CD federführend beteiligt und hat doch immer betont: Die Erfindungen waren Teamarbeit. Der Mann, der die Musikwelt revolutioniert hat, ist mit 94 Jahren gestorben – die Kassette aber lebt wieder auf.

Von: Max Büch

Stand: 11.03.2021 | Archiv

Lou Ottens mit einer Kompaktkassette | Bild: Jerry Lampen/epa/pa

Seine Erfindung hat die Musikindustrie revolutioniert, war bahnbrechend für den Umgang mit Musik: Mit der Einführung der Kompaktkassette im August 1963 wurde es möglich, mit einfachen Mitteln eigene Aufnahmen zu machen. Es war eine Demokratisierung der Tonaufnahme und der Beginn einer ganz besonderen Kunstform: des Mixtapes. Lou Ottens, Erfinder dieses eigenwilligen Speichermediums, ist am vergangenen Samstag im Alter von 94 Jahren in den Niederlanden verstorben, wie das NRC Handelsblad berichtet.

Vom "Germanenfilter" zur Kassette

Lou Ottens wurde 1926 im niederländischen Bellingwolde geboren und baute schon als Jugendlicher ein eigenes Radio mit einem sogenannten "Germanenfilter" zusammen, um während des Zweiten Weltkriegs den Rundfunk der Alliierten trotz der deutschen Störsender heimlich hören zu können. Als Ingenieur ging er später zu Philips und war dort ab 1960 in der Abteilung für Produktentwicklung tätig. Er trieb die Entwicklung der Kompaktkassette entscheidend voran und war später maßgeblich auch an der Erfindung der Compact Disc, der CD, beteiligt.

"Wir gingen davon aus, dass es ein Erfolg würde, aber keine Revolution", sagte Ottens noch in der 2016 erschienenen Dokumentation "Cassette: A Documentary Mixtape" von Zack Taylor. Und obwohl beide Tonträger eben doch die ganze Musikbranche weltweit revolutioniert haben, ist der Ingenieur bescheiden geblieben und hat immer darauf Wert gelegt, dass beide Erfindungen im Team entstanden sind. Ein Holzblock, der in die Innentasche seiner Jacke passe – so klein sollte die Musikkassette sein. Und auch in den Verhandlungen mit Sony zur Entwicklung der CD war die Jackentasche die maßgebende Größe. Nur musste sich Ottens hier mit dem Kompromiss von 12 Zentimetern statt den von ihm präferierten 11,5 cm zufriedengeben.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Cassette: A Documentary Mixtape - Documentary Film Trailer (2016) | Bild: CineGardens (via YouTube)

Cassette: A Documentary Mixtape - Documentary Film Trailer (2016)

Boom Box & Walkman: Designikonen der 80er-Jahre

Die Kassette jedoch hat die Musikbranche, vor allem aber die ganze Musikkultur viel nachhaltiger geprägt, als die technisch versiertere und klanglich hochwertigere CD. Die Kassette hatte den bestechenden Vorteil, dass sie bespielbar war. Auch die Radioproduktion wurde damit stark vereinfacht, weil die Aufnahmegeräte kleiner und leichter wurden, aber im Privaten war die Revolution am weitreichendsten. Man konnte sich selbst und andere aufnehmen, Musik kopieren und vor allem: mobil abspielen. Ob über die große Boom Box (der hiesige "Ghettoblaster") oder den kleinen Walkman – beide sind neben den Kassetten selbst zu Designikonen der Musikgeschichte geworden und aus der Ästhetik der 80er-Jahre kaum wegzudenken. Ottens hatte insofern recht, als er auf die kompakte Größe der Kassette und später der CD setzte. Denn der portable Discman für die CD hat sich auch deshalb nie richtig durchsetzen können, weil er noch immer zu groß und unhandlich war und die CD bei kleinsten Erschütterungen mitten im Song abbrach: Was für ein Abturner!

Das Mixtape – Kunstgattung und Basis von Hiphop

Die Kassette war da nicht nur robuster. Solange jedenfalls das Abspielgerät nicht die Kassette "auffraß", also das Magnetband im schier grenzenlosen Innenraum des Recorders oder Walkmans verteilte. Das war oft dann kein Abturner mehr, sondern ein Riesendrama.

Denn in den Abspielgeräten lagen manchmal unersetzliche Schätze: das Mixtape, das eine eigene kleine Kunstgattung schuf. Die mechanische Bespielbarkeit der Kassetten macht es möglich, eigene Compilations zusammenzustellen. Selten waren die Mixtapes einfache Kopien von unterschiedlichen Songs. Oft waren es sehr persönlich und in liebevoller Kleinstarbeit gemixte Zusammenstellungen von Songs, Sounds, Stimmen, Samples. Die Inlets mitunter kunstvoll ausgestaltet und beschriftet. Kleine Kunstwerke, von Pubertierenden gerne als Liebesbeweis oder als Zeichen einer wirklich guten Freundschaft verschenkt. Auch die ganze Hiphop-Kultur ist ohne die Musikkassette nicht denkbar: Das Abspielen und Aufnehmen von Samples und Rap, dazu die niedrigschwellige Verbreitungsmöglichkeit, waren für Hiphop die entscheidenden technischen Grundvoraussetzungen.

Revival der Kassette

Knapp 20 Jahre war die Kassette schon von der Bildfläche verschwunden oder nur noch als Design für Handyhüllen-Nostalgie zu gebrauchen. Zu recht? Die Soundqualität war wirklich katastrophal und irgendwann haben sie immer zu leiern angefangen. Vielleicht waren aber auch die seelischen Wunden, die der Kassettenfraß hinterließ, auf Dauer einfach zu groß.

Doch seit ein paar Jahren erlebt die Musikkassette wieder ein erstaunliches Revival. Längst veröffentlichen auch die großen Stars ihre Alben wieder auf Kassette: Gorillaz, Dua Lipa, Kylie Minogue oder Ozzy Osborne. 2020 wurden in UK so viele Kassetten verkauft wie seit 17 Jahren nicht mehr, mit einem Zuwachs von fast 100 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Lady Gagas "Chromatica" verkaufte sich mit 14.000 Kopien dort am besten. Nach Vinyl entwickelt sich gerade das nächste physische Speichermedium zum Hype.

Schön und schön billig

Nostalgie spielt dabei sicherlich eine entscheidende Rolle, aber es gibt auch ganz pragmatische Gründe, warum die kleinen Tonträger wieder en vogue sind. Kassetten sind nicht nur kompakt und schön, sondern auch recht billig in der Herstellung. Gerade für das Merchandising von Musiker*innen ist das nicht zu unterschätzen, wenn man Kassetten für nur 5 Euro anbieten kann.

Nur einer hat diesen Trend nicht nachvollziehen können: Lou Ottens hielt die wieder aufkommende Popularität der Kassette für Unsinn. "Nichts kann mit dem Sound der CD mithalten", sagte er gegenüber dem NRC Handelsblad in einem Interview von 2018. "Er ist absolut geräusch- und rumpelfrei. Das hat mit Klebeband nie funktioniert." Und auch das Schwärmen für den Sound von Vinyl erklärte er sich mit der Psychologie: "Ich habe viele Plattenspieler gemacht und weiß, dass die Verzerrung mit Vinyl viel höher ist. Ich denke, die Leute hören hauptsächlich, was sie hören wollen."