Ausstellung "Works" bei Murnau Elektroakustische Musikkreationen von Portmanteau-Labs

Alte Bundeswehrkisten, eine simulierte Bergziegenherde oder ein übergroßer Musikroboter mit 380 Einzelmotoren: Die Westtorhalle bei Murnau feiert ihr 25-Jähriges mit den außergewöhnlichen Arbeiten von Portmanteau-Labs.

Von: Max Büch

Stand: 01.10.2021

Musikroboter von Portmanteau-Labs | Bild: BR

"Wie akribisch kann denn die Vernichtung von Mensch und Material geplant werden?", haben sich Taison Heiß und Greulix Schrank von Portmanteau-Labs gefragt, als die Ersatzteilkisten, die sie im Internet bestellt hatten, ankamen. Es waren 40 Millimeter Flakgeschütz-Batteriekästen von der Bundeswehr. Im Inneren: viele weitere Kisten und extrem aufwändig und liebevoll gearbeitetes Holzinterieur.

"Wir suchen Schrott in großen Mengen"

"Disassemble ensemble" heißt die fünfteilige Musikinstallation, die aus dem alten Kriegsmaterial entstanden ist. Eine Umwidmung von alten Materialien – und eine ziemlich typische Genese für die Arbeiten von Portmanteau-Labs. "Wir stöbern ziemlich viel im Internet rum und suchen Schrott, der ziemlich günstig in großen Mengen hergeht und lagern den eigentlich erstmal ein", beschreibt Greulix Schrank das Prozedere. "Dann fällt uns schon irgendwann das Passende dazu ein."

Alten Dingen eine neue Bedeutung geben und sie in einen anderen Kontext setzen: Upcycling könnte man das nennen. Doch gehen die automatisierten Musikinstallationen und -skulpturen von Portmanteau-Labs, die derzeit in der Werkschau "Works" in der Westtorhalle in Riedhausen bei Murnau zu sehen sind, weit darüber hinaus. Sie erschaffen eigene kleine Welten für sich: Es blinkt, kracht, wackelt, klingelt, leuchtet – und zwar im Rhythmus.

Musikroboter aus 380 Motoren und 186 Steuerelementen

Dass Klang und Musik fester Bestandteil der Arbeiten von Portmanteau sind, ist nicht weiter verwunderlich: Seit über 20 Jahren betreiben sie das gleichnamige Tonstudio in München, Greulix Schrank und Taison Heiß waren und sind zudem in verschiedenen Bandformationen aktiv: von der 90er-Jahre Punk-Metal-Band Schweisser (Schrank), über die Elektropop-Kombo Lali Puna (Heiß), bis zur ungesüßten Kindermusik von Café Unterzucker (Schrank).

Mit den Musikkonstruktionen hat es durch eine Auftragsarbeit für ein Theaterstück richtig angefangen. Für das Stück "20.000 Meilen unter den Meeren" nach Jules Vernes Science-Fiction-Klassiker an der Schauburg München bauten Schrank und Heiß die "große Musikmaschine" als eine neue "Nautilus". Ein stählernes Ungetüm aus 380 Motoren und 186 Steuerelementen, in dem jedes Instrument über MIDI zentral programmiert werden kann: vom pneumatischen Schlagzeug, einer automatisierten Gebläseorgel, Xylophonen, Glockenspielen, diversen Percussionsinstrumenten bis hin zu einem Klavier. "Die Maschine kann alles spielen, was man ihr sagt", erklärt Taison Heiß. "Es ist nur die Frage: Wie viel Zeit hat man, es ihr zu sagen?" Rund drei Tage brauche er, um ein Stück für die Musikmaschine zu transponieren.

25 Jahre Westtorhalle

Zeit war letztlich auch für die gesamte Werkschau der entscheidende Faktor, denn ohne die Ausnahmesituation der Corona-Pandemie wäre die Westtorhalle in Riedhausen nie so lange leer gestanden. Rund sechs Wochen hat der Um- und Aufbau für die aufwändigen Arbeiten von Portmanteau-Labs in Anspruch genommen, was bei Normalbetrieb mit Konzerten und anderen Kulturveranstaltungen schlicht nicht möglich gewesen wäre. "Das ist echt ein Traum, der sich da erfüllt hat", sagt Anke Stöhrer, die gute Seele des Hauses und Teil des Vereinsvorstands des Forums Westtorhalle e.V., das die Halle ehrenamtlich betreibt. Die Idee zu der Ausstellung habe es lange schon gegeben, nur die Umstände hätten bisher nie gepasst.

Anke Stöhrer

Und so kommt es nun, dass die Westtorhalle ihr 25-jähriges Bestehen im 26. Jahr mit dieser besonderen Ausstellung nachfeiern – und damit auch ihren ursprünglichen Sinn und Zweck wieder erfüllen kann: "Kunst und Kultur aufs Land zu bringen", wie es Anke Stöhrer auf den Punkt bringt, "und für alle zugänglich zu machen." Passend dazu ist das "Alpinium", eine elektrisch betriebene Klangskulptur, die "eine Bergziegenherde in alpinem Umfeld" simuliert, bei einer lokalen Metzgerei in der Altstadt von Murnau ausgestellt und weist auf die Ausstellung hin.

Retro-Futurismus zwischen "Brazil" und Orchestrion

Wer die Musikmaschine live in Action erlebt hat, versteht auch, warum sich die beiden diesen gigantischen Aufwand für die Musikmaschinen antun. Einerseits könnte heutzutage die entsprechende Software am Computer natürlich die Maschine recht leicht ersetzen. Andererseits macht gerade die Mechanik den Charme dieser gewaltigen Apparatur aus: ein elektroakustischer Musikroboter, der Futurismus, Faszination und Nostalgie in sich vereint, irgendwo zwischen Terry Gilliams "Brazil" und den alten Orchestrien auf Dulten und Jahrmärkten.

Die mechanischen Musikautomaten oder davor die Spieluhren und Drehorgeln waren lange Zeit ein wahr gewordener Menschheitstraum. Über Jahrhunderte waren sie die einzige Möglichkeit, mechanisch Musik zu hören, d.h. Musikstücke technisch zu reproduzieren. Schon in der griechischen Antike schrieb Heron von Alexandria in seinem Werk "Automata" von Musikmaschinen wie einer windgetriebenen Orgel. Und auch in einer aktuellen Performance des Künstlers Arturas Bumšteinas, die er kürzlich im Haus der Kunst präsentierte, wird dieser alte Traum sichtbar. Für "Navigations" aus seiner Serie "Bad Weather", hat er Theatermaschinen aus der Barockzeit nachbauen lassen, die Geräusche wie Wind simulieren.

Grammofon killed the Musikmaschine

Karl Valentin als Clown Charles Frey und sein "lebendes Orchestrion"

Erst mit der Erfindung des Grammofons 1887 verloren die Musikmaschinen an Reiz und Relevanz. Vielleicht erklärt auch das den mäßigen Erfolg Karl Valentins, der als Clown Charles Frey Anfang des 20. Jahrhunderts, noch vor seiner Bühnenkarriere, als "lebendes Orchestrion" auf Tour ging. Mit seinem selbstgebauten Musikapparat konnte er gleichzeitig 20 verschiedene Instrumente gleichzeitig spielen. Valentin, der sich selbst als "Sprechmaschine" bezeichnet haben soll, wollte die Maschine ersetzen und nicht, wie sonst üblich, andersherum. Leider ohne Erfolg. "Der Musikapparat wog acht Zentner und hatte nur einen großen Nachteil", berichtete er später dazu in seinen Lebenserinnerungen: "Das Publikum war entsetzt darüber, sonst war er gut."

Portmanteau-Labs nehmen diese uralte Faszination für Maschinen auf, befördern sie in einerseits in die heutige Zeit – arbeiten mit Licht und Elektronik – und bleiben der Tradition andererseits doch treu, dass die Mechanik sinnlich und live erfahrbar bleibt.

Das gute alte Morgen von gestern

Nur das Alpinoptikum fällt im Rahmen der Werkschau etwas aus der Reihe: Es hat keinerlei musikalische oder klangliche Elemente. Die Idee und Programmierung stammen schließlich auch von dem befreundeten Astrophysiker Leonard Scheck. Die Umsetzung aber, der Druckwasserkessel als Kaleidoskop, der alte Hometrainer aus den 70er-Jahren, der die Drehung des Monitor-Bilds antreibt, zeigt einmal mehr, was diese Arbeiten so besonders macht: Sie sind schräg, humorvoll und bezaubernd. Frei nach Karl Valentin wird hier das gute alte Morgen von gestern wahr.