Michaela Melián Ein Bein in der Kunst und eines in der Musik

Sie malt mit der Nähmaschine, hat das Cello gegen die E-Gitarre ausgetauscht und Interviews lässt sie von Schauspielern nachsprechen. Michaela Melián bewegt sich mit einer Punk-Attitüde in vielen Genres. Eine Frau, die den Kunstmarkt aufgemischt hat: mit ihren Bildern von Weiblichkeit und dem Mikroskopieren der deutschen Geschichte.

Von: Martin Zeyn

Stand: 14.06.2021 | Archiv

Electric Ladyland | Bild: Michaela Melián, VG Bild-Kunst, 2016, Thomas Meinecke

Ein Leben, das einiges zu bieten hat. Michaela Melián, studierte mit ihrem Cello zuerst Musik, dann Kunst, gründete die Band FSK, wurde zur wichtigen weiblichen Stimme im Kunstbetrieb mehrfach für ihre Hörspiele ausgezeichnet und lehrt als Professorin für zeitbezogene Medien in Hamburg. Eine Kurzbiografie, die aus lauter Einzelteilen zu bestehen scheint. Und doch vereinigt Melián ganz einfach mindestens drei Professionen: Künstlerin, Musikerin, Hörspielmacherin.

Bilder, mit Nähmaschine genäht

Wenn es darum ginge, Michaela Melián ganz schnell zu porträtieren, dann würde ich eine einfache Skizze bevorzugen: ein paar Striche, die die Umrisse nachziehen. Und statt eines Stiftes eine Nähmaschine benutzen. Warum? Meliáns Kunst ist ganz einfach: wenige Konturen, klare Verweise. Und dann gibt es bei ihr immer eine Überraschung. Die Zeichnung, die von weitem so aussieht, als habe sie die Künstlerin einfach mal schnell hingeworfen, verändert sich ganz und gar, wenn ich vor sie trete. Tatsächlich hat sie eine Nähmaschine benutzt. Ich erkenne die Einstichlöcher, bemerke die Ziehfäden, wo sie das Blatt wenden musste oder der Faden zu Ende ging. Aber nicht auf der visuellen, sondern auch auf einer gedanklichen Ebene verändert sich etwas. Die Zeichnung, die erst einmal so aussieht wie tausende andere in der Mitte der Nullerjahre, bekommt einen ganz anderen Charakter. Anders als viele Künstlerinnen und Künstler ihrer Generation scheint Melián keineswegs an den direkten Ausdruck der Persönlichkeit durch das Führen eines Stiftes zu glauben. Sie hat die Zeichnung verfremdet, indem sie mit der Nähmaschine ein kunstfremdes Werkzeug benutzt hat. Nicht zufällig, denn bei Melián, daran lässt sie in Interviews keinen Zweifel, erfolgt nichts zufällig, sondern alles entsteht aus einem Reflexionsprozess, der jede Arbeit mit Verweisen unterfüttert.

Was einfach erscheint, ist es nicht. Nicht einmal die Schönheit. Drei Überwältigungsmomente fallen mir sofort ein: der Blick auf das all over aus 140 Meter langen Zeichnungen (Electric Ladyland) auf Stoffbahnen, die dem Kunstbau des Lenbachhauses seine schroffe Unterführungsanmutung nahm (und gleichzeitig die brachiale Hallen-Akustik verbesserte, worauf der Ohrenmensch Melián sehr stolz war); die Installation Lunapark in ihrer langjährigen, leider 2020 geschlossenen Galerie Barbara Gross, nur ein paar Gläser, ein Dia-Projektor und ein magisches Spiel mit Licht; die Hörspielinstallation Chantes du Nix, ein Gesamtkunstwerk aus Stimmen, Musik, Projektionen, Raum und jede Menge dezenter Verweise auf die Radiogeschichte – die Verweishölle ist ein höchst angenehmer Ort bei Melián. Schönheit dient bei ihr nicht als ein Überwältigungsmoment, sondern stellt eine Einladung dar, sich auf die Arbeit und ihren Unterbau voller Anspielungen einzulassen.

Als Frau die Produktionsmittel übernehmen

Frauen haben es schwer auf dem Kunstmarkt – zumindest was die Auktionserlöse angeht, wo sie bis heute niedriger gehandelt werden als Männer. Allerdings hat sich in den vergangenen Jahrzehnten der Kunstmarkt immer mehr zu einer eigenen Sparte entwickelt, die ihre eigenen Stars produziert – die wiederum auf Biennalen oder in engagierten Museen niemanden interessieren. Melián gehörte zur ersten Generation von Frauen, für die es immerhin schon Vorbilder gab, etwa Kiki Smith, Valie Export, Charlotte Moorman. Wie einige Mitstreiterinnen genügte es Melián nie, allein eine bildende Künstlerin zu sein. Sie ist Hörspielautorin und Musikerin, solo und als Bandmitglied von FSK, eine Entscheidung, um den festgefahrenen Rollenbildern zu entkommen: "Da bin ich nicht alleine, denn in meiner Generation gibt es da eine ganze Reihe von Leuten, die ähnlich agiert haben. Und es gab sie auch schon im 20. Jahrhundert, Leute wie John Cage, die unterschiedlichste Sachen gemacht haben. Und dass man ein Bein in der Pop-Welt hat und ein Bein in der Kunstwelt, das finde ich eher spannend. Sonst würde mir auch langweilig werden." Aber Mehrfachbegabungen können auch ein Problem sein, wenn man nicht eine etablierte Marke ist wie beim Komponisten John Cage – bei dem hatte sich das Anti-Label Unkalkulierbarkeit zum Alleinstellungsmerkmal gewandelt, nämlich ein Stilbrecher seiner selbst zu sein. Denn der Markt, auch der angeblich so offene Kunstmarkt bevorzugt klare Zuschreibungen, die beim Verkaufen helfen, auch das Ausstellen ist eine Form davon.

Melián zieht ihre Stärke daraus, die Erwartungshaltungen des Markts wie der art crowd zu konterkarieren, also das, was sie nervt am Betrieb, in ihre Arbeiten einzubauen. So erklärt sich auch ihr Kapern der Nähmaschine. Die steht für Hausarbeit und für ausgebeutete Näherinnen quer über den Erdball. Aus diesem Symbol für schlecht bezahlte Frauenarbeit machte Melián ein Werkzeug weiblicher Selbstbestimmung. Nicht, indem sie diese Konnotation ausblendet. Nein, sie nahm sie bewusst auf. Sie wollte, dass ihre Nähmaschinenbilder erst einmal Befremden hervorrufen: Was soll das denn, das ist doch Weiblichkeit, wie wir sie gerade nicht mehr wollen, weil wir sie eigentlich längst überwunden glauben? Ihr Kapern von kontaminierten Inhalten und Werkzeugen ist eine Art von Empowerment: Sie führt Diskriminierung vor und verkehrt sie in ihr Gegenteil: „Im Endeffekt gibt es bei all diesen Anfängen einen gemeinsamen Impuls: Die Produktionsmittel übernehmen, sie selber definieren, Sachen machen, die nicht vorgesehen waren, mit den Leuten, die man sich dazu selber sucht. Es geht darum, dass es sich auch nicht umstandslos in eine Verwertungslogik einspeist. Gleichzeitig besetze ich damit auch bestimmte Orte.“

Eine Band "für die deutsche Intelligenz“

Einer dieser Orte, die es zu besetzen galt, für die, die alles anders machen wollten, war Pop. Einige selbst gesuchte Leute waren Justin Hoffmann, Thomas Meinecke (heute ihr Ehemann) und Wilfried Petzi – die Stammbesetzung der 1980 gegründeten Band Freiwillige Selbstkontrolle, kurz FSK. Fotos in den Booklets zeigen Melián mit Bass, Mischpult und Band-Bus, einmal sogar steht ihre Tochter Juno mit auf dem Bandgruppenbild. FSK musizierte laut dem Kritiker Diedrich Diederichsen "für die deutsche Intelligenz". 1982 war das ein wichtiger Satz, der einem Aufmerksamkeit und viele Follower einbrachte. Damals hieß das noch Fans. FSK war eine der frühesten art school bands in Deutschland, schulbildend für den Diskursrock, aber musikalisch von einer Offenheit, die mich als Rezipienten immer wieder an meine Grenzen führte (und nicht immer schaffte ich es, sie zu überschreiten): von Polka bis House war alles dabei. Melián war die einzige ausgebildete Musikerin der Band, sie hatte lange Cello am Münchner Konservatorium studiert. Damit war sie eigentlich zu gut für FSK, denn die Band folgte dem alten Punk-Motto: "Das Nichtkönnen produktiv machen". Kennengelernt haben sich die Musiker Hoffmann, Petzi und Meinecke beim Fanzine Mode und Verzweiflung. Fanzines (für die jüngeren unter uns: die analoge Form des Blogs) waren ziemlich heißer Scheiß in den 80ern. Melián lieferte für Mode und Verzweiflung Zeichnungen, Collagen und Fotos zu, lernte dort auch Christoph Schlingensief kennen. Der geniale Dilettant versuchte sich damals als Musiker: "Im Januar 1982 ist Christoph Schlingensief alleine mit Keyboard und Trompete in der Mensa der Universität Innsbruck als unsere Vorgruppe aufgetreten", so erinnert sich Melián. Bis zu Schlingensiefs frühem Tod hielten die beiden Kontakt.

Die andere Seite der Musikerin zeigen ihre Soloplatten Baden-Baden, Los Angeles, Monaco. Hier kombiniert sie immer wieder klassische Musikinstrumente mit elektronisch erzeugten Klängen oder benutzt Samples von E-Musik-Komponisten. Viele der Tracks sind für Installationen entstanden. Music for Museums sollte denn auch die erste Platte heißen. Die allermeisten Tracks ohne Gesang, allesamt Ambient Tracks, deren hypnotische Kraft auf der Wiederholung beruht. In sie eingebaut sind Samples, die eine Geschichte erzählen: zum Beispiel das hingehauchte "Ach“ der Olympia – ein weiblicher Automat - aus "Offenbachs Erzählungen“. Dieser Ausruf erzählt bei Melián von der Verdinglichung der Frau: "Es gibt so eine Art kollektives Unterbewusstsein, wo sehr oft Technik analog zu einem weiblichen Körper konstruiert wird. So heißt ja zum Beispiel das erste Auto der Firma Daimler-Benz Mercedes oder die Kanone der Firma Krupp: die Dicke Berta. Das folgt dem typischen Dualismus der europäischen Geistesgeschichte: der Mann bedient das Intellektuelle und die Frau leistet natürlich die Reproduktion, indem sie die Kinder kriegt. Aber wenn es dann an die Maschinen geht, die ja auch reproduzieren sollen, dann bekommen sie Frauennamen. Ich wollte diesen Maschinenbildern, die mit weiblichen Assoziationen aufgeladen sind, eine Art Eigenleben geben - und auch eine Widerständigkeit."

Music for art. Eine ganz eigene Kunstmusik. Musik ohne Worte, die aber doch die Themen ihrer Kunst in sich trägt: vergessene Frauen, vergessene deutsche Geschichte. Meliáns Tracks sind tolle Musik, aber eben auch mehr: eine Art elektronische Geschichtsschreibung, manchmal auch akustische Archäologie.

Föhrenwald – Erinnerung an das DP-Lager

Melián hat in London gelebt (kurzzeitig sogar als Untermieterin beim legendären Radio-DJ John Peel, der FSK zu acht seiner BBC-Sessions einlud) und sie lehrt als Professorin in Hamburg. Lange bevor jeder wusste, dass die Mieten in München für Künstler*innen unbezahlbar sind, zog sie mit Thomas Meinecke in ein winziges Dorf nahe Wolfratshausen (In seinem Roman Musik finden sich Beschreibungen von Spaziergängen im Loisachtal, von denen ich einfach mal behaupte, sie sind autobiografisch). Auch Melián thematisiert ihre direkte Umgebung, am deutlichsten in der Arbeit "Föhrenwald“, in der sie die Geschichte der Gemeinde (heute ein Teil von Wolfratshausen) aufgreift. Gegründet als NS-Mustersiedlung im „Heimatschutzstil“ (klingt wie ein Nazieuphemismus für Lokalkolorit, ist aber schon seit 1910 im Schwange, um einen ebenso reaktionären wie völkischen Regionalstil zu etablieren), dienten die Häuser den Arbeitern der Munitionsfabrik zur Unterbringung.

Für Melián war jedoch die Nachkriegsgeschichte viel interessanter. Ab 1945 quartierten die US-Amerikaner DPs – displaced persons, jüdische Überlebende der Lager - in die Häuser ein. Melián führte Interviews mit ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern, machte Zeichnungen von den Gebäuden, recherchierte in Archiven nach Fotos und Dokumenten. Auf Kunstbiennalen gibt es zuhauf solche Arbeiten: Fotokopiertes Material in Vitrinen oder auf Tapeziertischen (damit es bloß nicht zu schick wird). Melián wählte einen ganz anderen Weg. Sie schuf quasi ein Triptychon aus einer Installation, einem Hörspiel und einem Katalog, in dem sie ihre Recherchen dokumentierte. Das Hörspiel wirkt erst einmal wie ein Fremdkörper. In der zeitgenössischen Kunst ist reines Audio nicht wirklich en vogue. Was dann Melián präsentierte, stieß in der überschaubaren Hörspielgemeinde durchaus auf Befremden. Denn die Künstlerin verstieß gegen ein ehernes Journalistengesetz: im Radio wird O-Ton gesendet, also Originalaufnahmen. Melián aber ließ alles von Schauspielerinnen und Schauspielern nachsprechen – und achtete als Regisseurin darauf, dass sie sich nicht in die Figuren einfühlten. Die zum Teil schwer erträglichen Zeitdokumente trugen Kinder vor. Kurz: Ihr Hörspiel klang nicht wie ein Hörspiel. 2005 war die Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden (auch wenn es nicht so klingt, die wichtigste Auszeichnung dieses Genres) froh, so etwas Frisches zu hören und vergab den Preis an Melián.

Das Hörspiel wiederum wurde Teil der gleichnamigen Installation. Die stand ebenfalls 2005 im Hofgarten. Ein temporärer Pavillon, auf dessen Innenwänden Melián 160 Zeichnungen der Siedlung projizierte. Heute ist die Arbeit in leicht veränderter Form im Münchner Lenbachhaus zu sehen – ich bleibe bei jedem Besuch dort sitzen, weil ich immer noch beeindruckt bin von der Präzision und der Klarheit dieser Arbeit. Und fast immer sitzen andere Besucherinnen und Besucher neben mir.

Melián ist auch noch Professorin für zeitbezogene Medien in Hamburg. Mir fällt niemand ein, den ich eher geeignet für so eine Stelle sehe. Und zwar in doppelter Hinsicht. Einerseits, weil sie sich reflektiert, manchmal verfremdend vieler Medien bedient (und gerne auch von solchen, die am Rande des Veraltens stehen wie Diaprojektoren). Andererseits, weil sie Zeit auch als Teil unserer Gesellschaft begreift: Ihre Themen sind politisch, ob nun der Holocaust in München (Memory Loops, immer noch online abrufbar), die RAF oder der Feminismus. "Memory Loops - Tonspuren zu Orten des NS-Terrors in München 1933-1945". Ein fünfstündiges Hörspiel und ein Netzprojekt, das zu konkreten Orten im Münchner Stadtraum die Geschichte der Verfolgung erzählt. Ein Klick Judendeportation. Ein Klick Roma- und Sinti. Einer Homosexuelle. Überall in der Stadt platziert, sodass für uns Nutzerinnen und Nutzer die Kleinteiligkeit der Maßnahmen nachvollziehen können. Der Terror war nicht unsichtbar. Die Geschichte wieder an einen konkreten Ort zurückzubinden durch das ortlose Medium Internet – klingt widersinnig, aber genau das ist Melián mit diesem Projekt gelungen.

Hörspiel Pool Download: Memory Loops  | Bild: Michaela Melián/ Surface.de zum Thema Tonspuren zu Orten des NS-Terrors in München 1933-1945 "Memory Loops" von Michaela Melián

Memory Loops ist ein virtuelles Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus. Memory Loops ist als Audiokunstwerk konzipiert, das auf historischen Originaltönen von NS-Opfern und Zeitzeugen basiert. Alle Zeitzeugenberichte und Interviews wurden transkribiert und von Schauspielern und Schauspielerinnen unterschiedlicher Generationen sowie von Kindern gesprochen. Durch diese Verfremdung gewinnt auch Archiv-Material eine zeitlose Aktualität. [mehr]

Wegen solcher grenzüberschreitenden Arbeiten ist Melián eine der spannendsten Künstlerinnen (Künstler sind hier selbstverständlich mitgemeint), die ich kenne. Die Kunstgeschichte revidiert gerade ihren Chauvinismus (zugegeben nicht die Münchner Pinakotheken, aber sonst alle) und entdeckt die Frauen der 60er und 70er wieder. Noch ist für Künstlerinnen Kunstgeschichte meist Nachgeschichte. Ich bin sicher, wenn die Museen sich an die 1990er und 2000er heranwagen, wenn sie endlich bemerken, wie fade viele "Superkünstler" sind (so nennt der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich die vom Markt gehypten, fast immer männlichen Künstlerstars), dann werden sie an Melián nicht vorbeikommen. Einige, wie die Staatsgalerie Stuttgart, das Lenbachhaus oder die Hamburger Kunsthalle, haben schon Werke in ihrer Sammlung. Für die anderen wird es Zeit, dass sie das Versäumnis, Werke dieser tollen Künstlerin bisher nicht gekauft zu haben, endlich beheben. 

Melian kenne ich seit über 20 Jahren, als ich noch für BR Hörspiel gearbeitet und für die Frankfurter Rundschau über Kunst geschrieben habe, unter anderem auch über eine Austellung Meliáns in Innsbruck. Dieser Text beruht auf meinem DLF-Feature über Melián und meinem Text für die Zeitschrift "Muh".