Corona und Mode Müssen Masken chic sein?

Mode ist total schnell, nichts wirkt älter als der Trend von gestern. Aber bei den Masken, die jetzt schließlich so viele tragen, scheint der Bekleidungsindustrie nicht viel einzufallen – was vielleicht ein gutes Zeichen ist.

Von: Martin Zeyn

Stand: 26.09.2020

Junge Frau mit Maske und Sonnenbrille | Bild: picture alliance/dpa Themendienst

Wo gab es während des Lockdowns massive Einbrüche? Beim Verkauf von Lippenstiften. Das kann ich gut verstehen – wieso sich schmücken, wenn es niemand sieht? Aktuell meldet die Modebranche ein Wochenminus von 23 Prozent – fast ein Viertel! Wieso sich auch neue Sachen kaufen, wenn die Angst aufkeimt, demnächst wieder nicht raus zu können, weil es schlimmer wird? (Bitte, bitte keinen zweiten Lockdown wie in Spanien oder Israel!)

Die Maske als Trend

Das Accessoire der Saison? Da hat Covid-19 Fakten geschaffen: Es ist die Maske. Zwei Trends zeichnen sich ab: die Motivmaske oder die Maske aus demselben Stoff wie das Kleid oder das Hemd. Ersteres erleidet das Schicksal vieler T-Shirt-Aufdrucke: Was lustig sein will, ist es selten. Letzteres ist interessanter. Kein Kleidungsstück sagt so deutlich, dass es nicht älter als sechs Monate sein kann, wie der identische Stoff einer Kombi, ganz gleich ob nun die Abendrobe in Salzburg oder das Oberhemd im selben Muster wie der Gesichtsschutz. Trendsetter sind – Überraschung – ältere Herren, die ihr Einstecktuch schon immer passend zur Krawatte gekauft haben. Ich selbst, obwohl sonst keiner Modesünde abhold, zeige mich da reserviert. Meine Masken sind meist klinik-weiß. Da hat die wohl leider trügerische Hoffnung, dass wir demnächst die Pandemie überwunden haben werden, mich falsch beraten. Und wie beim Fahrradhelm (nein, meiner ist echt nicht schön) stand Sicherheit und Praktikabilität an erster Stelle: notfalls waschbar bei 90 Grad (die Maske, nicht der Helm).

Was machen die Designer*innen?

Und die Designer*innen, haben sie eine Antwort auf die Pandemie? Die allermeisten machen das, was sie vorher auch gemacht haben: Das Logo draufpappen und dann einfach mehr Geld verlangen als alle anderen. Und natürlich gibt es auch den Trend zum lokalen Einkauf. All das wirkt aber ein bisschen wie: Uns fällt nichts ein, also machen wir weiter wie bisher. Brutale Werbung wie weiland bei Benetton, bei der Fotograf Oliviero Toscani einen abgemagerten Aids-Kranken auf dem Sterbebett zeigte – den erbitterten Kampf um die Ressource Aufmerksamkeit gab es schon vor dem Internet –, ist bisher ausgeblieben.

Mode ist meistens unernst, aber keineswegs immer. Schon vor Jahren hat einer der spannendsten Modeschöpfer, Hussein Chalayan, bei einer Modenschau Frauen in Verschleierung auftreten lassen, wobei die Models abgesehen vom Schleier immer weniger trugen, bis schließlich das letzte Model außer dem Schleier völlig nackt war. Nie wurde anschaulicher das Argument entkräftet, dass Frauen ihr Gesicht verhüllen müssten, um vor den lüsternen Blicken der Männer geschützt zu sein. Der ägyptische Journalist Youssef Rakha wies in seinem Essay "Arab Porn" darauf hin, dass in Ägypten immer mehr Frauen belästigt werden, seit sich die saudische Mode der Ganzkörperverhüllung verbreite.

Masken auf dem Laufsteg

Und interessanterweise gab es schon vor Corona Masken auf den Laufstegen. Da mag mit hineingespielt haben, dass in asiatischen Großstädten viele Menschen ihre Mitbürger*innen schon länger vor Atemwegsinfektionen zu schützen versuchten. Manchmal war es offenbar nur eine Hilfe, wenn wir mal einfach keinen Bock hatten, unser Gesicht zur Bewertung freizugeben (bei Alessandro Michele vielleicht auch ein Spiel mit Sado-Maso). Aber vielleicht ist die Lösung auch ganz einfach: Wie beim Kabarett fällt es der Mode schwer, sich Corona zu nähern. Die Lage ist ernst und niemand will sie verharmlosen (niemand von Verstand). Wichtig ist vor allem, eine Maske korrekt zu tragen. Wie sie ausschaut, das soll jede und jeder selbst entscheiden. Und wenn ein Logo hilft, sich besser damit zu fühlen – mir soll es recht sein.