Netflix, Prime & Co Die Macht der Streamingdienste

Sie sind die Gewinner der Corona-Krise: Streaming-Dienste wie Netflix, Disney+ oder Amazon Prime. Neue Machtstrukturen, neues Sehverhalten: Wie verändert das unseren Film- und Serienkonsum? Filmwissenschaftler Marcus S. Kleiner sieht darin sogar eine Bedrohung für die Demokratie.

Von: Daniel Ronel, Florian Kummert

Stand: 22.12.2020

Netflix-Icon auf einem iPhone | Bild: xim.gs/picture alliance

Die Hauptfigur im neuen Disney-Pixar-Animationsabenteuer "Soul" schlägt gern entspannte Töne an. Joe ist Musiklehrer in New York. Seine wahre Leidenschaft, selbst auf der Bühne Jazz zu spielen, aber bleibt ihm verwehrt. Bis er eines Tages doch die Chance bekommt, ihn nur dummerweise kurz darauf das Zeitliche segnet. Er landet über den Wolken, im Reich der kleinen, ungeborenen Seelen. Soll es das schon gewesen sein? Joe will sich als Seele damit nicht abfinden und beginnt, sich zurück ins Leben zu kämpfen.

"Soul" erinnert an das herrliche Gefühls-Abenteuer "Alles steht Kopf" – deshalb ist er halb-originell. Aber immer noch auf gewohnt hohem Pixar-Niveau, Corona-bedingt leider nur zu sehen beim Streamingdienst Disney+. Und das stört den Seelenfrieden in der Filmbranche und unterstreicht den Trend: Kino schwächelt, Streaming wird immer mächtiger. Was auch für Kritik sorgt, etwa beim Medien- und Kommunikationswissenschaftler Marcus S. Kleiner, der sagt: "Streaming hat die Möglichkeit, dieses Gefühl zu geben: Ich bin im Schlaraffenland für Bewegtbild, ich kriege im Endeffekt alles was ich sehen möchte, immer dann wenn ich es sehen möchte. Das ist natürlich bequem und gut, aber das ist nicht die einzige Alternative, um Film zu nutzen."

Streaming-Kunden – die komplett gläsernen Nutzer

Kleiner untersucht Phänomene der Popkultur. Sein neues Buch "Streamland" stellt die These auf, dass Streaming-Anbieter die Demokratie "bedrohen". Weil wir zu gläsern werden, kritisiert er: "Unser ganzes Streamingverhalten wird in jeder Sekunde ausgewertet, es gibt keine Marktforschung, die uns genauer vermisst wie Streaming, weil wir jede Sekunde das abgeben, was wir grade tun und das beobachten lassen. Wir kriegen Vorschläge durch die algorithmische Auswertung unseres Streamingverhaltens, die uns dann Empfehlungen geben."

Die Folge: ein Bombardement an Vorschlägen, die uns lenken sollen. Marcus S. Kleiner spricht von Manipulation: "Ich fühle mich wirklich beobachtet. Man merkt dann auch was Streaming-Beobachtung heißt: Man wird in jeder Sekunde wahrgenommen, und wenn man nicht genügend konsumiert, dann wird man freundlich daran erinnert: Du musst mehr konsumieren."

Der österreichische Oscar-Kandidat läuft auf Netflix

Denn nur so wachse das Geschäft, für das die großen Player exklusive Inhalte brauchen. So wie das österreichische Drama "Was wir wollten", eigentlich geplant fürs Kino, nun bei Netflix. "Was wir wollten" erzählt vom unerfüllten Kinderwunsch eines Paares, das sich in Italien eine Auszeit nimmt. Für Österreich soll der Film mit Lavinia Wilson und Elyas M'Barek ins Oscar-Rennen gehen. Statt Kino nun Netflix.

"Ich bin auf der einen Seite sehr dankbar, dass mein Film trotz der Pandemie zu sehen ist und er von so vielen Menschen schon gesehen wurde überall auf der Welt. Wahrscheinlich sogar von viel mehr Menschen als das mit einem regulären Kinostart überhaupt der Fall gewesen wäre", sagt die Regisseurin des Films Ulrike Kofler. "Ich liebe das Kino und habe 'Was wir wollten' für das Kino gemacht. Aber wirtschaftliche Faktoren gibt es eben auch, die spielen dann natürlich auch eine große Rolle."

Kino oder Couch? Viele Studios und Verleiher setzen seit Corona verstärkt auf Streaming. So zeigte Disney die 200 Millionen Dollar teure "Mulan"-Neuauflage zuerst bei Disney+. Für viele Cineasten ein Sakrileg. "Streamland"-Autor Marcus S. Kleiner hingegen sieht das nüchterner. "Wenn ich mich einem Film hingeben möchte, kann ich das an jedem Ort machen, das kann ich im Zug auf dem Laptop machen oder zuhause, das ist vollkommen egal, weil der Film muss so stark sein, dass er mich an ihn bindet."

Warnung vor Filter- und Geschmacksblasen

Streaming-Hochglanz-Serien wie "The Crown" oder "The Mandalorian" oder Filme wie der neue "Borat" oder David Finchers "Mank" können auch ohne die große Leinwand zum beliebten Gesprächsstoff werden und das sei den Streaming-Plattformen gegönnt. Viel wichtiger ist Kleiner, dass sich die Umstände beim Streamen ändern. Subtile Beeinflussung und das Auskundschaften müssten aufhören. Kleiner plädiert für mehr Transparenz, für das Recht, das Daten-Sammeln ablehnen zu können: "Es passieren zwei Dinge mit mir als Streaming-Nutzer im schlimmsten Falle: Ich gewöhne mich an die digitale Selbstentmündigung, indem immer wieder vorselektiert wird, ausgesucht wird, was mir gefallen könnte. Und so komme ich zum anderen in eine Geschmacksfilterblase, die mich nur noch um micht selbst kreisen lässt, um meine Interessen und Themen."

Kleiner sieht darin eine Gefahr für Bildung, Aufklärung und letztendlich auch die Demokratie: "Diese drei Instanzen leben von Fremdheitserlebnissen, die mich mit etwas konfrontieren, was nicht ich bin, was jenseits meiner Ordnung ist, und mich öffnet für eine Welt außerhalb von mir." Eine Welt, für die immer noch das Kino steht, hoffentlich auch in Zukunft.

"Streamland. Wie Netflix, Amazon Prime & Co. unsere Demokratie bedrohen" von Marcus S. Kleiner, erschienen bei Droemer Knaur, 20 Euro