Villa Concordia Bamberg Nora Gomringers lyrischer Kummerkasten gegen Corona-Tristesse

Sie sind durch den Lockdown kulturell völlig ausgehungert? Dann sollten sie vielleicht die Nummer der Villa Concordia in Bamberg wählen: Die Autorin Nora Gomringer hat eine Art Kummerkasten eingerichtet und bietet per Telefon-Hotline Hilfe und Trost an – durch Gespräche und Poesie!

Von: Andrea Mühlberger

Stand: 19.11.2020 | Archiv

Nora Gomringer, Kuratorin des Literaturfest München 2020  | Bild: Judith Kinitz

Eine Lyrikern als Kummerkasten und poetische Wundertüte! Was für eine schöne Idee in der Krise! „Ich wollte nicht so passiv wirken“, erzählt Nora Gomringer, „gerade jetzt, wo die Hilflosigkeit doch irgendwie in allem durchscheint“. Seit 2010 ist sie Direktorin der Villa Concordia in Bamberg. Und normalerweise herrscht in dem Internationalen Künstlerhaus immer reger Betrieb – dafür sorgen die Stipendiat*innen, die dort untergebracht sind. Und natürlich die Hausherrin selbst. Jetzt sind in dem barocken Schloss wegen Corona die Schotten dicht. „Die Leute fürchten immer, dass da drin nichts mehr passiert, gerade wenn die Tore geschlossen sein müssen.“

Kummer-Sprechstunde am Di. und Do. um 14 Uhr

Um trotzdem im Dialog zu bleiben, bietet die Lyrikern zweimal in der Woche eine Art „Sprechstunde“ an – immer dienstags und donnerstags von 14.00 bis 15.00 sitzt Gomringer in ihrem Büro und versucht sich am Telefon als Trösterin (unter 0951 / 95 501-0). Natürlich habe Sie keine professionelle Ausbildung wie Menschen bei der Seelsorge. Es sei einfach ein Angebot, um vielleicht ein bisschen Frust loszulassen, weil jemand gerade nicht ins Kino gehen oder unsere Villa besuchen kann: „Wer mich anruft, kann mit mir reden über Kultur, kann Fragen stellen zur Villa, zu unserem Programm. Wir tauschen uns aus, und dann, um quasi einen schönen Ausklang aus dem Gespräch zu finden, trage ich ein Gedicht vor – von unseren Stipendiat*innen oder eben ein Nora-Gomringer-Gedicht. In der Tat rundet ein Gedicht die Kommunikation meistens ab!“

Gedichte als Trost

Hinter dieser Idee steckt natürlich auch ein unerschütterlicher Glaube an die Kraft der Poesie, die verstören und aufwühlen, aber auch beglücken und trösten kann. Mit diesem Glauben ist Nora Gomringer aufgewachsen: Eugen Gomringer, ihr Vater, gilt als Begründer der Konkreten Poesie. Und ihre „weise Mutter“, erzählt die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin, habe ihr, als sie mit 14, 15 Jahren furchtbaren Liebeskummer hatte, die Lektüre von Dorothy Parker ans Herz gelegt, eine folgenreiche Empfehlung, denn bis heute präge Dorothy Parker noch ihr Bild von Beziehungen. „Ich bin mit Lyrik und Literatur als Trostmittel immer wieder in Berührung gekommen und empfinde das Wort durchaus als magisch und kraftvoll. Ein gut platziertes Wort oder ein Literatur-Tipp kann immer weiterführen.“ Allein dass jemand liebevoll an einen denke und sagt: „Du, ich hab` da mal ein Buch gelesen, es hat mir so gut getan. Ich gebe dir das hier mit auf den Weg.“ Dass man es dann lese, sei gar nicht so wichtig. Aber dass es einem aus einem lieben Gedanken heraus anvertraut worden sei.

Als eine Art Trostpflaster für die lyrische Seite des Ichs ist auch die Kummer-Hotline der Villa-Concordia gedacht gewesen. Zumindest war das ein wichtiger Aspekt. Nur: Die meisten Anrufer*innen seien gar nicht so trostbedürftig gewesen. Stattdessen habe sie in den Gesprächen ganz viele konstruktive Anregungen bekommen, wie den Wunsch nach Streaming-Angeboten. „Da muss ich noch innerlich mit mir kämpfen!“, meint Gomringer. Natürlich wolle sie Künstlerinnen und Künstler de facto unterstützen, aber ihr gehe es dabei eigentlich um das Ephemere, Lebhafte, um Live-Events.

Kunst für Bushaltestellen

Ein anderes Projekt der Bamberger Villa Concordia, das trotz Corona-Lockdown gerade stattfinden kann, ist der ART BUS STOP. Hier geht es darum, die Stipendiat*innen des Künstlerhauses in der Krise sichtbar zu machen. Die Villa hat dafür zwei leere Plakatwände an Bamberger Bushaltestellen gemietet, die von Stipendiat*innen immer zehn Tage lang gestaltet werden, damit sie sich vorstellen können. Dazu gibt es Führungen an freier Luft: „Das hat sich als sehr fröhlich erwiesen!“, meint Gomringer. „Viele Leute nehmen das bewusst wahr, klicken dann auch bei uns auf die Seite, lesen die Interviews dazu.“ Und die Künster*innen bleiben sichtbar - auch aus der Distanz. „Mein Ansatz war, dass wir die Leute, die ja im Haus leben, die in diesem Jahr aus ihrer Heimat Slowenien gekommen und die jetzt hier in Bamberg erst einmal gestrandet sind, sichtbar machen mit dem Bus.“    

Und zur Abrundung vielleicht noch ein bisschen lyrischer Trost für uns, Nora Gomringer? „Ich rate dazu, das Gedicht „Guter Rat“ von Heinrich Heine zu lesen…ein sehr kluges Gedicht….und da kommt als letzte Strophe: „Wirst du diesen Rat erproben, dann, mein Freund, genießest du das Himmelreich dort oben - und du hast auf Erden Ruh.“ Und um dieses Rezept zu verstehen, muss man eben dieses Gedicht lesen. Ich lege es jedem ans Herz!