Lob auf das kleine Museum Wie kleine Ausstellungen das Sehen schulen

Platz vor den Kunstwerken, Ruhe und neue Entdeckungen: Kleine Ausstellungen schulen das Sehen und die Konzentration. Und zuweilen reicht sogar nur ein Werk.

Von: Martin Zyn

Stand: 22.03.2021

Hier bleibt Platz zur Kunstbetrachtung - Quadratrelief aus Plexiglas von Hartmut Böhm | Bild: dpa/picture-alliance

Schlagzeilen machen meist nur die Großen - aber meine Haltung zu riesigen Ausstellungen ist gespalten. Natürlich ist es immer toll, ganz viele farbenfrohe Matisse oder düstere Rembrandts nebeneinander zu sehen. Aber schon bei Amseln Kiefer oder Neo Rauch geht mir relativ schnell die Luft aus, ganz zu schweigen von gehypten Kunst-Investments wie Damian Hirst oder Jeff Koons.

Kunst verträgt Distanz

Mein Problem bei diesen Blockbuster-Ausstellungen: Ich sehe kaum etwas. Denn ich bin nun einmal nicht der einzige Besucher. Ja, es gab mal eine Zeit vor Corona, in der ging es im Museum manchmal zu wie in Popkonzerten: Alles drängte sich vor für einen Platz in der ersten Reihe. Und je mehr Menschen vor einem Gemälde stehen, desto schwieriger wird es, die Bilder zu sehen. Und zwar so richtig: In der Totale, von der Seite, im Detail, konzentriert und dabei die Perspektive wechselnd. Und da ich zu den Menschen gehöre, die auch schon vor Corona gerne einen Mindestabstand zu meinen Mitmenschen eingehalten haben, fühlte ich mich in messehallen-vollen Museen eher unwohl – und beeilte mich, aus der Ausstellung herauszukommen.

Ein Ort, ein Bild

Eine meiner Taktiken, um mir meinen Kunstgenuss nicht vermiesen zu lassen, habe ich von Marcel Proust. Der unternahm eine Reise, um ein Bild zu sehen. Gut, das liegt über 100 Jahre zurück und es war ein Privileg eines wohlhabendes Mannes, der sich nie um Karriere oder Beruf scheren musste. Und heute? Eine halbe Millionen Besucher hatte die Vermeer-Ausstellung in Amsterdam in den 90ern, durchschnittlich 5.000 pro Tag. Obwohl ich lange darüber nachgedacht habe, bin ich nicht hingefahren. Warum? An manchen Mittwochvormittagen in Dresden, aber auch in New York stand ich allein vor einem Vermeer. Und genoss es. Auch weil ich auch nicht dem Stress ausgesetzt war, ganz viel in ganz kurzer Zeit aufzunehmen. Ein Ort, ein Bild.

Kleine Museen: Schulen des Sehens

Wegen dieser Erfahrung habe ich eine zweite Taktik entwickelt: Ich besuche gerne Museen abseits der touristischen Hotspots. Manchmal muss es gar kein Museum sein, sondern es reicht auch ein einzelnes Kunstwerk wie der "Steinerne Reiter" aus dem Bamberger Dom. Wenn ich es irgendwie schaffe, halte ich in Wolfsburg oder in Herford an, um mir dort die Ausstellungen anzusehen. Oder ich fahre nach Ingolstadt ins Museum für Konkrete Kunst, nach Kochel ins Franz-Marc-Museum oder ins Museum Georg Schäfer nach Schweinfurt. Die Sammlungen oder Ausstellungen sind klein, die Räume unter der Woche oft leer, zumindest ruhig. Und ich kann viel besser hinschauen. Ich habe Zeit für Entdeckungen, freue mich an einer kleinen Zeichnung oder einem skurrilen Motiv. Und ich verstehe die Kunstgeschichte auf einmal viel besser. Ich sehe nicht nur das Meisterwerk, sondern Nebenlinien, Zuspätkommer, Kopisten, vergessene Malerstars.

Kleine Museen sind für mich eine Schule des Sehens. Weil ich hier nicht von einem Meisterwerk zum nächsten hetze wie in Wien, weil es nicht wie in New York noch 60 Galerieausstellungen gibt, die ich mir auch ganz dringend anschauen muss. Kleine Museen fördern die Konzentration. Sie zeigen mir, dass es auch abseits der Meisterwerke schöne Arbeiten gibt. Mein Blick ist frei. Und wenn ich herausgehe, bin ich erfrischt. Ein wunderbares Gefühl. Ein Augen-Öffner. Ein echter Kunst-Genuss. Mehr kann man eigentlich nicht von einem Museumsbesuch erwarten.