Heimat ist für alle da Lisa Miller sucht neue Perspektiven im Heimatfilm

Lisa Miller dreht Neo-Heimatfilme: Geschichten aus dem Dorf, im Dialekt mit ländlichen Mikrokosmen. Doch ihre Filme sind weit entfernt von Heile-Welt-Kitsch. "Landrauschen" war vor zwei Jahren Überraschungssieger beim Max-Ophüls-Festival.

Stand: 22.07.2020

Fenster mit weißrote Vorhängen | Bild: picture alliance

Am 24. Juli jährt sich der Todestag des bayerischen Heimatschriftstellers Ludwig Ganghofer zum 100. Mal – des Mannes, der an der Erfindung und Etablierung des weiß-blauen Urlaubsbayerns erheblichen Anteil hatte. Bis heute ist Ganghofer der meistverfilmte deutschsprachige Schriftsteller, besonders durch den Heimatfilmboom der 1950er-Jahre. Aber sowohl das Genre Heimatfilm als auch der Begriff "Heimat" erscheinen aus heutiger Perspektive - drücken wir es vorsichtig aus - diskussionswürdig. Judith Heitkamp hat mit der Neo-Heimatfilmemacherin Lisa Miller gesprochen.

Judith Heitkamp: Frau Miller, haben Sie jemals darüber nachgedacht, einen Ganghofer-Stoff aufzugreifen?

Lisa Miller: Nicht direkt darüber, einen Stoff von ihm aufzugreifen. Aber ich habe mich bei meinem Film schon am klassischen Heimatfilm orientiert. Also an Figurentypen, wie Ganghofer sie auch geschaffen hat. Nicht nur orientiert, ich habe sie teilweise auch parodiert. Auf jeden Fall war es mir wichtig, diese Elemente zu verwenden und in einen neuen Kontext zu setzen. Aber ich wüsste jetzt nicht, welches Buch von Ganghofer ich neu verfilmen könnte.

Eine gewisse Modernisierungsbedürftigkeit bei den Männer- und Frauenfiguren gibt es ja auf jeden Fall.

Ich würde die Herausforderung natürlich annehmen.

Mögen Sie es, wenn man Ihren Film "Heimatfilm" nennt?

Ja, ich habe das so angelegt. Tatsächlich wollte ich einen Genre-Film machen. Das Genre bedienen, es modernisieren, feministischer und queerer machen.

Wobei Sie im Unterschied zum klassischen Heimatfilm echten Dialekt verwenden. Auch auf die Gefahr hin, dass den nicht versteht, wer nicht aus dem Dorf kommt. Üblicherweise wird ein eher kunsthandwerkliches Bairisch verwendet.

Ja, die Sprache war mir sehr wichtig. Ich habe penibel darauf geachtet, welchen Dialekt die Leute sprechen, wie etwas genau dort heißt, wo sie herkommen, selbst in diesem kleinen Mikrokosmos. Allgemein finde ich, dass es so eine Art dogmatisches Hochdeutsch gibt und die echte Sprache der Leute ausradiert wird – nicht nur die Dialekte, auch Sprachfarben, Sprachfehler, Akzente. Für mich macht all das aber einen großen Teil der Charakterisierung der Menschen aus, die ich darstelle. In meinem Film geht es um zwei Frauen, zwischen denen etwas entsteht – einen queeren Film im Dialekt zu machen heißt, dass über alle Themen auch in dieser Sprache gesprochen wird. Mir war aber auch speziell der Dialekt in Bayerisch-Schwaben sehr wichtig. Natürlich weil ich dort herkomme und die Handlung dort spielt, aber auch, weil das in Bayern ein Dialekt ist, der nicht beachtet wird. Weil es so eine Mischung aus Bairisch und Schwäbisch ist.

Welcher Begriff von Heimat transportiert sich denn auf diese Weise?

Natürlich mein eigener, ein sehr offener, der sich natürlich abgrenzt von dem, was sonst klassisch als Heimat betitelt wird. In der Art und Weise zum Beispiel, dass ich mich nie so richtig eingeschlossen gefühlt habe in diesen "Blau-weiß-mir-san-mir-Bayern-Diskurs". Ich glaube, das ist ein sehr ausgrenzender Diskurs. Oder war ein sehr ausgrenzender Diskurs, das ändert sich ja gerade. Man merkt inzwischen, dass man nicht einfach sagen kann: Die anderen müssen so sein wie wir oder sie gehören nicht dazu. Aber in meiner Jugend habe ich das schon so empfunden. Heimat ist für mich etwas, das wirklich für alle da ist und keine Ausgrenzung bedeutet.

Sie haben lange in einer Metropole gelebt, in London, und sind dann ins Dorf zurückgegangen.

Ich war so müde von dieser Metropole: London ist auch eine sehr anstrengende Stadt, die einen sehr fordert. Und da hatte ich diese Sehnsucht nach einem Ort, an dem ich weiß, wie es funktioniert, und an dem alles so ist wie immer. Was natürlich überhaupt nicht funktioniert hat, weil nichts so ist wie immer, und auch diese scheinbar unberührten Mikrokosmen sich wandeln. Es war eine Romantisierung zu denken, man könne die Zeit zurückdrehen. Und da war auch Angst, nach vorne zu gehen – statt dessen bin ich einen Schritt zurückgegangen.

Warum ist Heimat gerade so in Mode? Immer mit dieser ironischen Brechung, mit der auch Leute, die weder Jäger noch Förster sind, sich die Hirschgeweihe ins Wohnzimmer hängen.

Ich weiß es nicht. Vielleicht als Ausdruck einer Art Verortung und Identitätssuche in einer sehr globalen Welt mit vielen Eindrücken, in der man alles sein kann und überall hingehen kann. Der Heimatboom hat diesen Retro-Touch, ist auch Kitsch, wird zum Deko-Element. Warum ich die 1950er-Jahre so spannend fand? Das waren nicht die Filme selbst. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob ich jemals einen von Anfang bis Ende geguckt habe. Aber die Filme haben diese heile Welt in eine Welt transportiert, die total in Ruinen lag. Im Heimatfilm ist alles wieder grün. Ein gutes Gefühl. Die Welt dreht sich immer schneller und man sucht etwas, woran man sich festhalten kann.

Gibt es etwas von dieser heilen Welt auch im Neo-Heimatfilm?

Ich finde schon. Aber ich habe gemerkt, dass die Reaktionen teilweise sehr unterschiedlich waren, je nachdem, wo die Leute herkamen. Ich habe versucht, eine heile Welt zu konstruieren und dann zu brechen, sodass es nie richtig abdriftet in Kitsch. Manche waren total bestürzt und verwundert darüber, dass ich dort selbst aufgewachsen bin. Aber aus meiner Empfindung heraus war das schon auch eine … Liebeserklärung würde ich jetzt nicht sagen, aber eine Verarbeitung und dadurch auch eine Aufwertung. Als Jugendliche im Dorf denkt man sich, ich will nur weg. Und im Nachhinein denkt man, wir hatten es wirklich schön.