Hessens Kunstministerin Dorn zur Documenta "Der Schaden ist nicht zu entschuldigen und zu relativieren"

Der Antisemitismus-Skandal der Documenta war absehbar. Aber wie konnte es soweit kommen und welche Konsequenzen müssen folgen? Die hessische Kunstministerin Angela Dorn findet deutliche Worte und sieht die Verantwortung beim Kuratorenkollektiv.

Von: Matthias Hacker

Stand: 22.06.2022 | Archiv

Kassel: Ein documenta-Mitarbeiter entfernt am 21.06.2022 einen Teil des umstrittenen Großbanners "People's Justice" des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi auf dem Friedrichsplatz. Die heftig kritisierte Installation auf der documenta fifteen in Kassel wurde am Vortag verhüllt. Nach öffentlicher Kritik wegen des als antisemitisch kritisierten Inhalts wurde das Kunstwerk entfernt. | Bild: dpa-Bildfunk/Uwe Zucchi

Das wegen antisemitischer Bildmotive heftig kritisierte Banner "People's Justice" des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi auf der Documenta fifteen ist am Abend entfernt worden. Auf dem Kasseler Friedrichsplatz steht nur noch das Gerüst. Zunächst hatte die Documenta-Leitung das Werk mit schwarzem Stoff abgedeckt. Am Dienstag verkündete Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) schließlich, dass das Banner entfernt wird. Nun wird die Forderung laut, den Skandal aufzuarbeiten. Als hessische Kunstministerin ist Angela Dorn von den Grünen die zuständige Ministerin.

Matthias Hacker: Das umstrittene Kunstwerk auf der documenta ist jetzt abgehängt worden. Aber wie konnte es denn überhaupt so weit kommen, dass es aufgehängt wurde?

Hessen grüne Kunstministerin Angela Dorn

Angela Dorn: Es ist absolut richtig, dass dieser entstandene Schaden nicht zu relativieren ist. Ich habe von Beginn an gesagt, dass antisemitische Ressentiments, Antisemitismus auf der documenta nicht zum Ausdruck kommen dürfen. Das haben auch die Documenta-Leitung und das Kuratorenkollektiv Ruangrupa immer wieder gesagt. Ich kenne jetzt erste Erklärungen, wie es dazu kommen konnte, aber die sind auf jeden Fall noch nicht ausreichend. Und ich distanziere mich sehr deutlich von der Erklärung, die mit der Abdeckung kam. Das hat mich sehr geärgert, zu sagen, es sei ein Mahnmal der Trauer, Trauer darüber, dass kein Dialog stattfinden kann. Das geht gar nicht. Das sind antisemitische Inhalte, darüber kann es keinen Dialog geben. Das muss sofort entfernt werden. Antisemitische Inhalte dürfen nicht gezeigt und reproduziert werden.

Und doch wurden sie erst mal gezeigt. Der Oberbürgermeister Kassels, Christian Geselle, sagte, er sei wütend, enttäuscht und verletzt. Es sei ein immenser Schaden für Kassel, die Documenta und Hessen – nicht zu vergessen für das jüdische Leben in Deutschland. Wie sieht Ihre Schadensbegrenzung jetzt aus?

Ausschnitt aus dem Banner "People's Justice", das wegen antisemitischer Bildmotive abgehängt wurde

Zum einen müssen wir natürlich die weiteren Werke genau analysieren. Das ist Aufgabe der documenta GmbH von Frau Schormann und dem Kuratorenteam. Ich halte es weiterhin für wichtig, dass wir auf der Documenta über das Thema Antisemitimus reden. Das hat nicht zuletzt auch das International Auschwitz Komitee gesagt, dass wir ein Gespräch darüber führen müssen, warum diese Bilder hier auf Widerstand und Ablehnung stoßen und auf welcher Weltsicht diese Bilder entstanden sind. Es ist unglaublich wichtig, dass indonesische Künstler und Künstler, wenn sie in Deutschland sind, verstehen, was hier in Deutschland passiert ist. Wir sind die Verantwortlichen in Deutschland für die Shoah. Wir kennen diese Bilder und zu was sie führen. Insofern geht diese Erklärung, dass das alles so nicht gemeint war, gar nicht.

Glauben Sie, dass dieses Angebot zum Dialog jetzt überhaupt noch wahrgenommen wird nach den Vorfällen?

Es war ja von Anfang an schwierig, diesen Dialog zu führen. Deswegen mussten auch die Foren abgesagt werden, was ich weiterhin sehr bedauere. Aber ich glaube, es ist wichtig. Wir brauchen einen differenzierten Dialog. Ich habe ich mit vielen Expertinnen, Experten, vielen Jüdinnen und Juden zum Thema Antisemitismus in den letzten Wochen gesprochen. Es gibt eine große Verletzung und die müssen wir sehr ernst nehmen, die nehme ich sehr ernst. Dieser Schaden, der entstanden ist, ist nicht zu entschuldigen und nicht zu relativieren. Aber jetzt geht es tatsächlich um eine Aufarbeitung und um einen Dialog, der zeigt, dass wir das sehr ernst nehmen. Und ich nehme es mehr als ernst.

Als Kunstministerin in Hessen müssen Sie sich natürlich zu diesem Fall erklären, andererseits müssen Sie aber auch die anderen Künstlerinnen und Künstler in Schutz nehmen, müssen die Kunstfreiheit schützen. Wo endet die Kunst und wo beginnt Antisemitismus?

Es gibt klare Grenzen von der Kunstfreiheit, spätestens dann, wenn es strafrechtlich relevant wird. Wenn wir selbst Kunst fördern, ist natürlich wichtig, dass sie auch auf unseren Werten basiert. Antisemitische Inhalte dürfen nicht gezeigt werden. Da warten wir nicht, dass eine Entscheidung getroffen worden ist, ob es das Strafrecht berührt. Aber es ist am Ende eine schwierige Abwägung in einzelnen Punkten. Als gefordert wurde, dass Künstlerinnen und Künstler ausgeladen werden, weil sie diese BDS-Aufrufe unterstützen, war das aus meiner Sicht ein Schritt zu viel. Die Kunstfreiheit muss man sehr ernst nehmen. Aber es darf keine antisemitischen Darstellungen auf der Documenta geben. Die gab es und wir haben unverzüglich gehandelt. Und ich bin sehr unglücklich und sehr verärgert darüber. Gerade angesichts der vorangegangenen Debatte, hätten alle Kunstwerke von Seiten der Kuratoren durchgeschaut werden müssen. Ruangrupa hat da die Verantwortung und das ist nicht ausreichend passiert. Dieser Schaden, der für uns alle und für die documenta entstanden ist, hätte vermieden werden können, und das muss jetzt aufgearbeitet werden.

Das Gespräch wurde für die radioWelt auf Bayern 2 am 22. Juni 2022 aufgezeichnet. Das Interview können Sie hier in voller Länge nachhören.