#allesdichtmachen Ist die Aufregung um Volker Bruch berechtigt?

Volker Bruch, prominenter Unterstützer der Video-Satire #allesdichtmachen, soll einen Aufnahmeantrag in die Querdenker-Partei "Die Basis" gestellt haben. Was uns das über das Selbstbildnis von ihm und Schauspielerkollegen wie Jan Josef Liefers sagt. Ein Kommentar

Von: Knut Cordsen

Stand: 04.05.2021

Volker Bruch | Bild: allesdichtmachen (via YouTube)

"Die Maßnahme" heißt ein berüchtigtes Theaterstück von Bertolt Brecht. Die Handlung spielt in China, und auch wenn das in unseren Zeiten kaum mehr vorstellbar scheint: die Masken, die die Darsteller darin tragen, sind keine Corona-Schutzmasken. Die Titel gebende Maßnahme hat nichts mit Seuchenbekämpfung zu tun. Das erste und das letzte Wort in diesem 1930 uraufgeführten Drama um kommunistische Agitatoren, die notfalls über Leichen gehen, hat ein Parteigericht, der sogenannte "Kontrollchor". Vor allem seinetwegen kommt einem dieses finstere Lehrstück wieder in den Sinn. Denn der Kontrollchor tagt heutzutage auf Twitter.   

Gericht gehalten wird gern in diesem sozialen Netzwerk. Mit Urteilen ist man dort schnell bei der Hand. Kontrollchöre jedweder Couleur formieren sich in diesem Empörungstheater täglich neu, mal kommen sie von rechter, mal von linker Seite. Immer aber geht es um bedingungslose Gefolgschaft und um das, was Jan Josef Liefers am Montag in einem Tweet vollmundig "Treue" genannt hat. Beachtliche 260.000 Follower hat der Schauspieler auf Twitter und er hielt es für angezeigt, dort all denen zu danken, die "mit uns durch dick und dünn gehen".

Der nächste Twitter-Trend nach #allesdichtmachen

Dabei vermengte er zwei Dinge, die nicht zusammengehören: Die stattliche Zuschauerzahl des jüngsten Münsteraner "Tatorts" von gut 14 Millionen wollte Liefers alias Professor Boerne als "eindrucksvolles Statement", vulgo Solidaritätsgeste für die offenkundig misslungene Video-Aktion unter dem Hashtag #allesdichtmachen verstanden wissen. Natürlich ist das Unsinn. Nein, wahrlich nicht jeder Fan sonntäglicher Fernsehunterhaltung ist automatisch ein Unterstützer des von ihm und anderen prominenten Schauspielern artikulierten Protests gegen die Corona-Maßnahmen. Das Anschauen eines Krimis bezeugt gar nichts – außer vielleicht den Wunsch nach Zerstreuung, nach ein wenig "Radiergummi fürs Gehirn", wie Gottfried Benn den Konsum von Kriminalromanen so treffend genannt hat.

Die Hauptfigur eines erfolgreich verfilmten historischen Kriminalromans, den Kommissar Gereon Rath, verkörpert Liefersʼ Kollege Volker Bruch in der Serie "Babylon Berlin". Volker Bruch, auch er ein bekannter Kopf der gründlich missglückten #allesdichtmachen-Kampagne, rangierte den gesamten Dienstag über auf Platz 1 der Twitter-Trends, weil er offenbar der Partei "Die Basis", einem Sammelbecken der "Querdenken"-Bewegung, beitreten möchte. Der "Aufnahme-Prozess" läuft noch Spiegel-Online zufolge, der Antrag ist noch gar nicht bewilligt, aber auf Twitter war die Verhandlung mit der bloßen Meldung über sein von ihm selbst so noch gar nicht bestätigtes Ansinnen schon wieder geschlossen. Skandal! und Gefahr für die Demokratie!, riefen die einen; Recht so!, die anderen, die politisch mit der obskuren 1-Prozent-Partei "Die Basis" sympathisieren und sich über die "Gesinnungsschnüffelei" ihrer Gegner erregten. So weit, so erwartbar.

Schauspieler sind Schauspieler sind Schauspieler

Bemerkenswert bleibt daran einzig dies: dass man einem Schauspieler überhaupt größere politische Kompetenz zubilligt. Beziehungsweise ihnen eine fast schon mephistophelische Macht zuspricht, die geeignet wäre, Einfluss zu nehmen auf Wahlentscheidungen ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Aber hat irgendwer 2002 Gerhard Schröder gewählt, weil Til Schweiger ihn unterstützte? Oder Edmund Stoiber die Stimme gegeben, weil Uschi Glas seinerzeit öffentlich für ihn warb? Falls ja: unser Mitleid.

Man darf vielleicht an eine schlichte Tatsache erinnern: Schauspieler sind Schauspieler sind Schauspieler. Immer dann, wenn sie aus der Rolle fallen, machen sie etwas falsch: Romane schreiben können sie in den allermeisten Fällen genauso wenig wie ihr Publikum missionieren oder agitieren. Am besten fahren sie, wenn sie den Schustern folgend bei ihren Leisten bleiben, bei ihrer Domäne, der darstellerischen Kunst. Das Bohren harter Bühnenbretter, um hier mal Max Weber mit Friedrich Schiller zu kreuzen, sollte ihnen lieber nicht die Welt bedeuten. Andernfalls ziehen sie sich nur unnötig Zorn zu, rufen die üblichen Kontrollchöre auf den Plan und verlieren sich in ermüdenden empörungstheatralen Gefechten und Posen. Und das war nun wirklich noch nie eine gute Maßnahme.

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