Vegane Köchin Sophia Hoffmann über Esskultur "Lebensmittelkonsum ist eine politische Entscheidung"

Tierrechte, das Klima, die Ausbeutung von Menschen in Schlachthöfen: Das sind nur einige Gründe, auf Tierprodukte zu verzichten, sagt die vegane Kochbuchautorin Sophia Hoffmann. Uns hat sie erzählt, warum Fleischverzicht und Feminismus zusammengehören.

Von: Ronja Mira Dittrich und Friedrich Müller

Stand: 01.04.2021

Eine Frau Ende 30 mit tätowierten Armen und Kochschürze umarmt eine Karotte aus Stoff | Bild: Annabell Sievert-Erlinghagen

Die Köchin Sophia Hoffmann schreibt Bücher über veganes Essen und arbeitet in einem Neuköllner Café, in dem Müll komplett vermieden wird: Zero Waste Küche nennt sie das – Küche ohne Verschwendung. Die gebürtige Münchnerin isst seit über zehn Jahren grundsätzlich kein Fleisch mehr. Sie bezeichnet sich selbst als Aktivistin, bloggt, podcastet und hat einen Youtube-Kanal. Fotos von regionalem Gemüse sind auf ihrem Instagram-Profil ebenso zu sehen wie ein Bild, auf dem sie Begriffe wie "Sexismus" und "Patriarchat" symbolisch mit dem Küchenmesser schreddert. Wir treffen Hoffmann zuhause in ihrer Berliner Wohnung.

BR: Würden Sie sagen, es geht beim Essen um Moral?

Sophia Hoffmann: Also für mich schon (lacht). Ich weiß nicht, ob ich das Wort Moral benutzen würde. Aber klar ist unser Lebensmittelkonsum ein politisches Thema, eine politische Entscheidung. Daran hängt ganz schön viel. Und es gibt dabei Komponenten, die wir als Konsumentinnen gut selber entscheiden können: Wo wir unser Essen kaufen, ob wir uns damit auseinandersetzen, woher es kommt, wer es hergestellt hat. Wenn man sich zum Beispiel mit Biolandwirtschaft beschäftigt und mit fairem Handel, stellt man fest: Manche Dinge, die fast alle von uns täglich konsumieren – Kaffee, Schokolade, Bananen –, werden sehr häufig unter schrecklichen Bedingungen hergestellt. Menschen werden ausgebeutet werden, es gibt Kinderarbeit. Dessen muss man sich einfach bewusst sein.

Treffen Menschen, die vegan leben, auch in anderen Lebensbereichen politischere Entscheidungen? Oder ist es anders herum, und Menschen entscheiden sich für vegane Ernährung, weil sie ohnehin politisch denken?

Ich glaube schon, dass Menschen, die grundsätzlich politischer sind, auch offener für Veganismus sind. Es gibt aber auch da das Phänomen, dass Leute sich zum Beispiel sehr für Feminismus und Gleichberechtigung oder gegen Diskriminierung einsetzen, und dann aber das Thema Fleischindustrie voll ausblenden. Obwohl man ja mittlerweile auch weiß, dass dort sehr viele Menschen unter schlechten Bedingungen diskriminiert werden und arbeiten. Also ich erlebe beides. Aber wenn man anfängt, sich mit solchen Missständen auseinanderzusetzen, dann kommt man dem Thema eigentlich nicht aus.      

Es gibt Öko-Landwirte, die einen riesigen Aufwand dafür betreiben, Tiere möglichst artgerecht zu halten, gut zu ernähren und stressfrei zu schlachten. Viele Konsumentinnen sagen: Das ist gutes Fleisch. Was antworten Sie denen?

Man muss sich immer wieder vor Augen führen: Die Situation mit glücklichen Tieren auf dem Biobauernhof, die dann ein fröhliches Leben führen und am Ende kurz geschlachtet werden, das sind ein Prozent. Der unfassbare Großteil tierischer Produkte kommt aus industrieller Haltung und industrieller Erzeugung, wo Tiere systematisch gequält werden. Das ist der Standard, der Rest sind romantische Einzelfälle. Wenn sich das fördern lässt, dann ist das sicherlich eine Möglichkeit, tierische Produkte zu konsumieren, wenn man das möchte. Am Ende des Tages ist es eine empathische oder eine ethische Entscheidung, die sich jeder Mensch selber überlegen muss. Und wenn ich einfach weiß, dass ein Schwein einen ähnlichen Intelligenzquotienten wie ein zweijähriges Kind hat und schlauer ist als ein Hund, dann möchte ich dieses Tier einfach nicht mehr essen.

Vor zwei Jahren gab es einen großen Hype um fleischlose Burger-Patties vom Discounter: Die waren wochenlang ausverkauft. Ist veganes Essen Küche auch einfach was tolles Neues, eine Mode?

Ich habe schon immer gesagt vegane Lebensweise oder Veganismus ist keine Modeerscheinung. Also ich glaube, dass es für ganz viele Menschen, auch für mich, eine Reaktion auf einen Status quo ist. Das können ethische Beweggründe sein, gesundheitliche Beweggründe oder ökologische, einfach weniger tierische Produkte zu essen. Wir sind mitten in der Klimakrise. Und man muss wirklich sagen zu diesen Burgern: Jeder Rindfleisch-Burger, der weniger gegessen wird, ist besser fürs Klima. Das ist eine ganz klare Rechnung. Genau deshalb würde ich auf keinen Fall sagen, dass das eine Modeerscheinung ist.

Ist die Tendenz zur pflanzlichen Ernährung vielleicht sogar älter, als wir denken?

Die Idee, sich pflanzlich zu ernähren ist überhaupt nichts Neues. Den Anteil an tierischen Produkten, den wir heutzutage essen, den gab es so noch nie in der Menschheit. Selbst vor 150 Jahren haben die meisten Menschen in Deutschland so exorbitant weniger tierische Produkte gegessen, einfach, weil sie sich das überhaupt nicht leisten konnten, weil es überhaupt nicht industriell erzeugt wurde. Gerade Menschen in Großstädten: Da war der große Anteil der Ernährung pflanzlich. Und wir finden in allen kulinarischen Kulturen pflanzliche oder zumindest vegetarische Rezepte. Das war eigentlich eher die Norm. Die meisten Menschen haben bis ins späte 19. Jahrhundert Eiweiß durch Hülsenfrüchte bekommen. Das ist nichts Neues.

Hafermilch statt Kuhmilch, Tofuwürstchen statt Fleisch, Seitan statt Gehacktes: Für viele, die nicht vegan leben, sind das vor allem Ersatzprodukte. Ist diese Idee von Ersatz denn eigentlich sinnvoll oder ist sie irreführend? 

Es ist eigentlich Quatsch, das Ersatz zu nennen. Es gibt ja auch in diesem Spektrum Produkte, die gar keine Ersatzprodukte sind. Ich finde es zum Beispiel total lustig, dass Tofu in Deutschland immer so als Fleischersatzprodukt gesehen wird. Und eigentlich ist es in der asiatischen Küche ein Jahrtausende altes Produkt. Es ist eigentlich eher mit einem Käse zu vergleichen, auch in der Herstellung. Nur wird es halt aus Sojabohnen gewonnen. Und in Asien wird es traditionell gar nicht als Fleischersatzprodukt eingesetzt, sondern sogar oft mit Fleisch serviert.

Oft ist es die Familie, die unser Verhältnis zur Ernährung und zum Kochen prägt. Wie war das bei Ihnen zu Hause?

Ich habe das große Glück gehabt, damit sozialisiert worden zu sein. Kochen war bei uns zuhause ein ganz wichtiges Thema. Auch sozusagen das "zero waste", also, dass nichts weggeschmissen wurde. Meine Eltern sind beide noch am Ende des Zweiten Weltkriegs geboren. Bei meiner Großmutter wurde alles immer irgendwie aufgebraucht, verwertet, eingesetzt. Da gab's dann manchmal Nudeln mit Marmelade oder man hat Apfelschalen-Tee gemacht oder Brennnessel-Spinat gesammelt. So was prägt.

Ist Ihnen da ein besonders einprägsamer Moment in Erinnerung geblieben?

Mein Vater, das werde ich nie vergessen, hat wirklich mal am Abendessenstisch eine noch halbvolle Milchflasche, die schon sauer geworden war, ganz plakativ ausgetrunken und gesagt: Ah, das geht schon noch! Und bei mir zu Hause war es etwas ungewöhnlich. Meine Mama war die Hauptverdienerin, mein Vater war der Hausmann. Ein Konzept, von dem ich noch in der Grundschule dachte, es wäre total selbstverständlich. Und selbst heute, über 30 Jahre später, weiß, dass es immer noch nicht selbstverständlich ist.

Sie treten auch für Feminismus ein: Inwiefern hängt das für Sie mit Veganismus zusammen?

Es gibt verschiedene Verknüpfungen bei dem Thema. Wenn man sich die Tierethik anschaut, dann sind es sehr häufig weibliche Tiere, die zum Beispiel zur Milchproduktion dienen. Hühnereier sind ja auch ein Produkt des Huhns. Da werden zwar die männlichen Küken geschreddert. Aber die Grundidee, dass man weibliche Tiere in Massen züchtet und permanent schwängert, um sie auszubeuten, finde ich sehr unethisch. Auf allen Ebenen ist es eigentlich ein feministisches Thema. Selbst wenn man sich die vegane Bewegung anschaut, sind da die meisten Protagonisten, die Menschen, die am sichtbarsten sind weiße Männer. Und man muss im Kontext mit Feminismus immer sagen: Es geht nicht nur um Männer und Frauen, sondern es geht um Intersektionalität. Es geht auch um die Sichtbarkeit von anderen marginalisierten Gruppen, People of Color, vielleicht auch Menschen mit Behinderung. Und die sind in dieser Bewegung wenig sichtbar. 

Sophia Hoffmanns neues Buch "Die kleine Hoffmann" ist im ZS-Verlag erschienen und kostet 22,99€.

Das Bayern-2-Feature "Die neue Lust am Essen", für das dieses Interview entstanden ist, können Sie hier hören.