Ulrike Folkerts #allesdichtmachen "Ich kann es nur als Fehler sehen"

Als Tatort-Kommissarin Lena Odenthal ist sie seit Jahrzehnten omnipräsent in deutschen Wohnzimmern, jetzt hat sie ihre Autobiografie veröffentlicht: Ein Interview mit Ulrike Folkerts über Fluch und Segen der Tatort-Rolle und über die Aktionen #actout und #allesdichtmachen.

Von: Christoph Leibold

Stand: 03.05.2021

Ulrike Folkerts | Bild: Kirsten Nijhof/picture alliance

Ulrike Folkerts kennt ein Millionenpublikum als ARD Tatort-Kommissarin Lena Odenthal. Als Folkerts 1989 beim Tatort begann, war sie eine der ersten Frauen, die in der Reihe ermittelten. Inzwischen ist Ulrike Folkerts oder besser Lena Odenthal die Dienstälteste unter allen Tatort-Kommissarinnen und -Kommissaren. Folkerts hat aber auch viele andere Rollen gespielt, auch im Theater. So war sie zum Beispiel zwei Sommer lang der Tod in Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen – als erste und bisher auch einzige Frau. Nun hat Folkerts ein autobiografisches Buch geschrieben: "Ich muss raus". Heute Abend stellt sie es in einem Stream des Münchner Literaturhauses vor. Für die kulturWelt hat Christoph Leibold mit der Schauspielerin gesprochen.

Christoph Leibold: Lassen Sie uns mit Lena Odenthal beginnen. Die Rolle ist für Sie, so wie Sie das im Buch schreiben, Fluch und Segen gleichermaßen. Worin liegt der Fluch, worin der Segen?

Ulrike Folkerts: Der Fluch ist dieses Gefühl, dass man auf eine Rolle festgelegt ist und alle Menschen, die in diesem Land das natürlich rauf und runter geschaut haben und mit mir älter geworden sind und auch die vielen Wiederholungen geschaut haben, mit mir nur diese eine Rolle verbinden. Und natürlich habe ich ganz viel Anderes gespielt. Natürlich habe ich andere Fernsehrollen gehabt. Die haben aber lange nicht diese Präsenz und diese Wirkung gehabt, die ich mit Lena Odenthal erzielt habe. Darunter habe ich manchmal gelitten und dachte mir: Wie komme ich von diesem Stigma weg? Inzwischen lebe ich damit ganz gut und habe deswegen auch meinen Frieden mit Lena Odenthal gemacht. Und es war ein Segen, weil die Figur mir natürlich eine Kontinuität geschaffen hat, die ich mir so hätte gar nicht ausmalen können – dass ich so lange diese Rolle spielen darf, dass ich so lange diese Rolle mitkreieren kann, dass ich viele unterschiedliche Regisseure und Regisseurinnen kennenlernen durfte. Das ist schon ein echtes Geschenk. 

Es gibt einige Fotos im Buch. Zwei davon möchte ich herausgreifen. Das eine stammt von Jim Rakete, der sie zu Beginn ihrer Tatort-Karriere für den Stern inszeniert hat. Das andere ist bei einem Fotoshooting für das Buch entstanden. In beiden Bildern tragen sie, obwohl sie eigentlich am liebsten Hosen tragen, ein kurzes Strickkleid, Netzstrumpfhosen und High Heels. Auch die Pose ist ähnlich, aber wenn man die Fotos vergleicht, fällt auf, dass sie auf dem Bild von 1989 verschämt von unten herauf in die Kamera schauen. Auf dem neuen Foto dagegen sehen sie der Betrachterin oder dem Betrachter ins Auge. Die Entwicklung, die zwischen den beiden Fotos liegt, das ist im Grunde die Geschichte, die das Buch erzählt, oder?

Toll, dass Sie das erkannt haben. Viele bringen diese Fotos gar nicht unbedingt in Verbindung. Obwohl das genau so gemeint war. Das Foto damals von Jim Rakete war mein erstes großes Fotoshooting, weil ich gerade mit dem Tatort begonnen hatte und Lena Odenthal bekannt werden sollte. Ich war total scheu. Ich wusste gar nicht, wie ich über mich reden sollte. Aber man hat mich gefragt, wie ich denn fotografiert werden möchte. Da habe ich gesagt, ich fände "Frühstück bei Tiffany" so toll. Und Audrey Hepburn. Und dann hat man mir dieses Outfit übergestülpt, und ich war einfach irre unsicher damals. Das war auch ein Grund, wie ich auf den Titel des Buches gekommen bin: Ich muss raus, ich muss raus auf die Bühne. Ich muss raus vor Publikum, ich muss raus, mich zeigen. Und das neue Foto zeigt, das ich tatsächlich eine Entwicklung gemacht habe und inzwischen viel selbstbewusster, gerader und direkter schauen kann. 

Wieso war es Ihnen wichtig, von dieser Entwicklung zu erzählen? Sie schreiben in Ihrem Buch, eigentlich liege Ihnen das gar nicht so sehr, etwas von sich preiszugeben als Privatperson. Klar, im Buch können Sie steuern, was Sie preisgeben und was Sie lieber nicht erzählen wollen. Aber bei einem autobiografischen Buch kommt man ja dennoch nicht um Privates herum, das liegt in der Natur der Sache.

Zu einem Leben gehören Höhen und Tiefen, Scheitern und Siegen und eben auch die Dreh- und Angelpunkte, wo man sich für bestimmte Dinge entscheiden musste und weswegen der Weg dann so war, wie er war. Ich habe gedacht, wenn ich die Chance bekomme, mein Leben aufzuschreiben, kann ich diese wichtigen Dreh- und Angelpunkte nicht auslassen. Da muss ich hineinpiksen. Und ich glaube, wenn man so einen Weg hingelegt hat wie ich, hat man ja auch ein bisschen Vorbildcharakter, sei es für junge Schauspieler und Schauspielerinnen, sei es für Menschen, die sich homosexuell orientieren und nicht wissen, wie sie damit am besten umgehen sollen, sei es als Frauen in dieser Branche und wie man sich da positioniert. Viele Aspekte schienen mir erzählenswert. 

Damit sprechen sie etwas an, das sich ebenfalls auf den Titel beziehen lässt: "Ich muss raus". Sie sind auch raus an die Öffentlichkeit, 1999, mit ihrer Homosexualität, wobei das Outing, wie Sie schreiben, eher unfreiwillig war. Sie haben beim Cologne Song Contest – so einer Art ESC für Lesben und Schwule – in der Jury mitgemacht; fast naiv, ohne vorher drüber nachzudenken, dass das einem Outing gleichkommt. Sind Sie im Nachhinein froh drüber, dass es so gelaufen ist?

Ja, auch wenn ich im ersten Moment geschockt war. Andererseits habe ich natürlich auch mit dem Feuer gespielt und war dann zwei Wochen später eigentlich total froh, dass ich raus konnte damit. Es war natürlich eine einsame Position, denn in dieser Branche wird immer noch ziemlich viel Geheimnistuerei um dieses Thema gemacht. Auch von jüngeren Kollegen und Kolleginnen weiß ich, dass man ihnen nach wie vor – 2021! – davon abrät, sich zu outen, weil es beim Besetztwerden für Rollen schadet. Mein Problem damals war, dass ich dachte, es sei völlig unwichtig, wie man sexuell ausgerichtet ist und wie man lebt. Aber es gibt halt die Boulevardpresse, die dann ein Riesending draus macht. Ich musste mich zwei, drei Wochen ganz akut dazu verhalten. Und ich bin halt nach vorn gerannt. Im Nachhinein bin ich heilfroh, dass das so gut gelaufen ist.

Anfang des Jahres haben sich ja 185 Schauspielerinnen und Schauspieler unter #actout offen zu ihrer Homosexualität bekannt, um sich für mehr Akzeptanz einzusetzen. In den Interviews der Initiatorinnen und Initiatoren haben viele Sie als Vorbild genannt, weil Sie eben schon so früh offen mit dem Thema umgegangen sind. Macht Sie das stolz? 

Ja, natürlich macht mich das stolz. Ich habe auch viel Fanpost bekommen von Menschen, die am Suchen waren, wie sie mit diesem Thema umgehen sollen. Mein Credo war eigentlich immer: Niemand muss sich outen, jeder darf sich outen, wenn er dazu Bock hat.

Wir müssen noch kurz, obwohl er nicht im Buch vorkommt, über einen anderen Hashtag reden. Sie waren vor knapp zwei Wochen dabei, als unter #allesdichtmachen gut 50 Schauspielerinnen und Schauspieler in satirisch-ironischen Videos die Corona-Maßnahmen kritisiert haben. Da gab's dann einerseits Zuspruch aus einer problematischen Ecke – von den Querdenkern; und andererseits einen Shitstorm, unter anderem von vielen Kolleginnen und Kollegen. Sie waren dann bei denen, die ihr Video schnell zurückgezogen haben. War die Aktion rundheraus falsch? Und was hat Sie ursprünglich bewogen, mitzumachen? 

Weil ich das Gefühl hatte, wir sind echt 50 gute Leute. Ich schätze die Kollegen und Kolleginnen, die da mitgemacht haben, und leg die Hand ins Feuer, dass niemand von denen zu den Querdenkern tendiert, geschweige denn zur AfD. Aber wir haben das unterschätzt. Ich glaube tatsächlich im Nachhinein, dass die Satire, die Form der Videos, komplett der falsche Weg war, um einen Diskurs über Corona-Maßnahmen zu beginnen und Kritik an Corona-Maßnahmen zu vermitteln. Ich habe sehr persönliche, schlimme Mails bekommen, die mich wahnsinnig getroffen haben. Und meine Agentur und ich haben dann beschlossen, ich ziehe mein Video zurück und werde online auch den Fehler eingestehen, denn ich kann es nur als Fehler sehen. Wir waren da ein bisschen blauäugig und vielleicht auch zu sehr von uns selbst überzeugt, dass wir da den richtigen Weg wählen. Im Nachhinein würde ich sagen, wir hätten vielleicht lieber Videos drehen sollen mit Clips, wo man erzählt, was man mit Corona-Maßnahmen alles Tolles anstellen kann.

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