Anthologie "Echoräume des Schocks" Fotograf und Kurator Andreas Rost über Veränderungen durch Corona

Wie wirkt sich die Pandemie auf unser Leben aus? Fotograf Andreas Rost war unter anderem auf Corona-Demos unterwegs: Er findet vor allem die Veränderung im sozialen Miteinander beunruhigend – auch mit Blick auf die Zukunft.

Von: Barbara Knopf

Stand: 03.09.2020 | Archiv

Impression von der Anti-Corona Großdemo in Berlin: Einzelne Flyer von Qanon-Anhängern liegen auf einem Bürgersteig | Bild: picture alliance/SULUPRESS.DE

Corona ist einschneidend. Nicht nur, dass es unsere Gewohnheiten verändert und unsere Freiheit der Bewegung und Begegnung einschränkt – unterschwellig wirkt eine große Verunsicherung. Kein Wunder, dass Räume entstehen, in denen krude Theorien und Ängste widerhallen. Zeit, mit aufklärerischer Vernunft an den großen gesellschaftlichen Umbruch heranzugehen.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat Kulturschaffende und Kreative gebeten, ihre Reflexionen niederzuschreiben, wie uns Corona verändert. "Echoräume des Schocks" heißt der Band, der gerade erschienen ist, und den Auswirkungen der Pandemie nachspürt. Der Berliner Fotograf, Dozent und Kurator Andreas Rost schreibt zum Beispiel: das Unbegreifliche, Traumatische der Krise braucht vielleicht eine Sprache der Kunst, um es sichtbar zu machen, noch bevor die Wissenschaft es definieren kann. Barbara Knopf hat mit Andreas Rost gesprochen.

Barbara Knopf: Ihre künstlerische Sprache ist die Fotografie, die Dokumentarfotografie. Was haben Sie denn durch das Objektiv Ihrer Kamera an Veränderungen wahrgenommen während dieser jetzt schon einige Monate andauernden Epidemie?

Andreas Rost: Mit den Veränderungen ist das so eine Sache. Ich vermute einige Veränderungen, aber was sich konkret verändern wird, das werden wir natürlich erst in ein paar Jahren wissen. Ich habe jetzt im Moment sehr viel in der Stadt fotografiert, und ansonsten habe ich auch gearbeitet auf diesen Demonstrationen der Menschen, die glauben, Corona wird es nicht geben. Da sehe ich eine starke, beunruhigende Veränderung im sozialen Miteinander der Menschen.

Woran machen Sie das fest?

Andreas Rost, Fotograf und Kurator der Anthologie "Echoräume des Schocks"

Ich war schon überrascht und schockiert über die Aggressivität der Demonstranten. Das hatte ich in dieser Massivität nicht erwartet. Vor allen Dingen waren es Leute, denen ich auf den ersten Blick nicht unbedingt unterstellen würde, dass es Spinner sind oder Idioten, die wirken wie Handwerker oder Lehrer, Menschen, wie du und ich, wie man so sagt.

Ich gehe mit meiner Arbeit eigentlich immer mitten in die Demonstrationen rein. Aus Corona- technischen Gründen habe ich das jetzt nicht gemacht, ich habe eher am Rand fotografiert. Da sitzt also so eine schwäbische Familie, die haben sich einen Hocker und belegte Brote mitgebracht und unterhalten sich ganz freundlich und nett. Aber wenn man genauer hinguckt, dann sieht man eben auf den T-Shirts dieses Q von dieser QAnon- Bewegung, und dann wird einem irgendwie ein bisschen anders.

Das Interessante für mich ist natürlich, wenn jemand zu einer Demonstration geht, dann verfolgt er in aller Regel ein politisches Ziel, aber er will sich auch zeigen. Und in dem Moment des Sich-Zeigens äußert sich unbewusst sehr viel mehr als nur das politische Ziel. Wir sehen dahinterliegende Emotionen, und das kann Fotografie sehr gut aufzeigen. Ich bin überzeugt, dass so etwas auch in wissenschaftliche, in soziologische Forschung, vielleicht auch in psychologische Forschung einfließen kann.

Da würden sie sich sowieso mehr Kooperation wünschen, haben sie in den Band "Echoräume des Schocks" geschrieben, den die Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegeben hat.

Ja, das stimmt, ich würde mir mehr Kooperation wünschen. In der deutschen Wissenschaft gibt es immer noch so eine gewisse Bilderfeindlichkeit. Bilder werden bestenfalls zur Illustration genutzt. Ein Historiker schreibt über ein Ereignis, dann wird ein Foto von dem Ereignis dazu geheftet, damit man sich vorstellen kann, wie es gewesen ist. Aber dass man direkt aus Bildern etwas lesen kann, das kommt leider nicht vor. Dabei gibt es natürlich hochinteressante Experimente in diese Richtung in der Geschichte. Ich denke vor allen Dingen an die Farm Security Administration, ein Fotoprojekt zu Zeiten der Großen Depression in den USA, von Präsident Roosevelt damals angelegt. Da sind Fotograf*innen gemeinsam mit Ökonom*innen und Sozialwissenschaftler*innen in die Gebiete gegangen, wo es wirklich schlimm war, wo es gebrannt hat. Und die Erkenntnisse sind konkret in Hilfsprogramme mit eingeflossen. Die Regierung wusste dann besser, wo man mit den Hilfen ansetzen muss.

Da haben berühmte Fotografen mitgemacht?

Ja, Walker Evans, Dorothy Lange, Gordon Parks, ein schwarzer Fotograf – auch das war damals durchaus ungewöhnlich. Wenn wir heute etwas über diese Zeit erfahren wollen, dann lesen wir entweder John Steinbeck, "Früchte des Zorns", oder wir gucken uns eben die Fotografien der FSE an, und die sind immer noch ikonografisch.

Und wenn man zum Beispiel etwas über den Umbruch 1989/1990, also die deutsche Wiedervereinigung, erfahren will, dann könnte man sich Ihre Bilder anschauen! Da blickt man in fassungslose, traurige, auch leere Gesichter, als ob die Menschen nicht wüssten, wie es weitergeht.

Ich habe in der Nacht der Wiedervereinigung fotografiert. Anders als andere Kolleg*innen habe ich eben nicht die Menschenmenge fotografiert, die vor dem Gebäude des Deutschen Reichstag stand, sondern ich habe Porträts gemacht und versucht, eine möglichst große Spannweite an sozialen Schichten und Altersgruppen in Ost und West zu fotografieren. Und das Erstaunliche an diesen Bildern war, dass sich gar nicht so sehr viele Leute gefreut haben. Viele Leute waren nachdenklich bis wütend.

Als ich nach 25 Jahren die Bilder in die Hand genommen habe, war ich selber etwas irritiert. Und jetzt ist klar, warum man diese Bilder damals nicht gemocht hatte. Ich habe erst einmal kurz darüber nachgedacht, ob ich die Bilder richtig beschriftet habe, einiges sah aus wie bei einer Pegida –Demonstration: Schon damals standen Leute mit Reichskriegsflaggen am Brandenburger Tor und haben diese Nacht der Wiedervereinigung gefeiert. Die Indizien waren schon damals sichtbar. Vielleicht konnten wir noch nicht alle Bilder so deuten, wie wir das heute deuten können. Aber da war Fotografie fast so etwas wie ein Blick in die Zukunft. Und das ist natürlich erstaunlich bei einem Medium, das sozusagen immer nur die Vergangenheit zeigen kann.

Das Interessante an Umbrüchen, diese Erfahrung haben Sie als Fotograf glaube ich immer wieder gemacht, ist das Überraschende, aus dem heraus sich etwas entwickelt?

Umbrüche lassen sich nicht so einfach positiv oder negativ bewerten, sie passieren einfach. Mir fällt ein, wenn ich so die Nachrichten gucke: Ich habe vor drei Jahren in Minsk in einem Underground-Club Jugendliche aus Belarus porträtiert. Ich war damals unglaublich fasziniert von der Kraft, die diese jungen Menschen haben. Die waren sehr offen. Und die waren auch sehr aggressiv gegen diese Regierung Lukaschenko. Mir war klar, da wird irgendwann mal was passieren.

Ein Beitrag des Berliner Fotograf Andreas Rost findet sich in der von der Friedrich-Ebert-Stiftung initiierten Anthologie zur Corona-Krise "Echoräume des Schocks", erschienen im Dietz Verlag.