Diversität in der Kultur "Das Offene ist das, was uns mit anderen verbindet"

Bühne, Leinwand, Kunstmarkt und Literatur werden endlich diverser – das Ergebnis zäher Kämpfe von Minderheiten. Aber sich nur auf Identitäten zu fixieren, verengt den Blick, meint Kunstwissenschaftler und Bodybuilder Jörg Scheller.

Von: Joana Ortmann

Stand: 28.05.2021 | Archiv

Bodybuilder, Kunstwissenschaftler, Autor Jörg Scheller | Bild: Julius Hatt

In der Medienöffentlichkeit ist Identitätspolitik zum Kampfbegriff geworden. Das stört den Kunstwissenschaftler und Bodybuilder Jörg Scheller schon länger. In seinem Buch "Identität im Zwielicht" schreibt er gegen allzu definierte Selbst- und Fremdbilder an. Mit Joana Ortmann spricht Jörg Scheller über Identitäten und Ambivalenzen.

Joana Ortmann: Sie beanspruchen für sich, Herr Scheller, eine ziemlich widersprüchliche Person zu sein, nämlich Wissenschaftler in Zürich, Musiker, Kraftsportler, Professor, Schwabe, Wahl-Schweizer,Teilzeit-Pole. Außerdem sind Sie liberal, sozial, progressiv und konservativ. Das ist ein Zitat aus Ihrem Buch. Aber Sie sagen auch, dass es heute ziemlich kompliziert geworden, sich so zu sehen.

Jörg Scheller: Das ist richtig. Es ist wieder eine Sehnsucht nach klaren, definierbaren Identitäten entstanden, die man so in bestimmte Formulare oder in Twitterprofile eintragen kann. Also die etwas hybriden, schwebenden Identitäten, die haben es heute schwer.

Sie schreiben gegen diese geschlossenen Identitäten an – und damit gegen den Trend der Identitätspolitik, dem wir gerade ein bisschen erliegen. Wir sind in so einer Phase der Identitäts-Definitionswut von verschiedenen Seiten. Da wäre es vielleicht mal interessant, sich klarzumachen, woher das kommt, warum man dahin gekommen ist.

Mir ist es ganz wichtig, darauf hinzuweisen, dass ich Identitätspolitik nicht ablehne. Im Gegenteil, ich finde sie wichtig, um konkrete Situationen von konkreten Menschen in den Blick zu nehmen, statt mit so einem müden Universalismus über alles hinwegzureden. Aber Identitätspolitik hat seit den 1970er-Jahren eine eigene Dynamik entfaltet. Das ging los mit den Anliegen von Minderheiten in den USA 1977, ganz konkret im sogenannten allgemein Combahee River Collective Statement schwarzer lesbischer Frauen, die auf ihre spezifische Situation aufmerksam machen wollten. Sprich: Identitätspolitik ist mit Minderheiten-Anliegen verknüpft, hat sich heute aber auf eine Art und Weise verselbstständigt und wird auch von rechten Gruppierungen in Anspruch genommen. Und vor allem erleben wir heute die Situation, dass diese berechtigten Anliegen von unterschiedlichen Identitäten gegeneinander ausgespielt und in der Wirtschaft mythologisiert und klischeehaft zugerichtet werden.

Vielleicht können Sie da mal ein Beispiel nennen, an dem sich zeigt, zu welchem Dualismus und zu welchem Schwarz-Weiß-Denken das dann führen kann.

Vor allem in der Debattenkultur, die sich mittlerweile stark aus den sozialen Netzwerken speist, ist ein Klassiker, dass sich Menschen vorschnell auf eine angebliche Identität reduzieren statt Argumente auszutauschen. Dass ich also sage: Sie als Frau können eigentlich gar nicht anders, als dieses und jenes zu behaupten. Durch sie spricht nur die Identität, die ich in Ihnen sehe. Das nennt man Essentialismus. Früher war es ein großes Anliegen gerade der feministischen Kritik, von solchen Zuschreibungen wegzukommen und wieder konkrete, echte, lebendige Menschen in den Blick zu nehmen. Was Streit- und Debattenkultur betrifft, neigen wir heute dazu, genau das wieder zu tun: Wir reduzieren Menschen auf einen kleinen Aspekt ihrer Identität und verabsolutieren diesen Aspekt.

Auch bei sich selber haben Sie das beobachtet. Sie schildern in Ihrem Buch, wie Sie sich ein Video von Bruce Springsteen anschauen und plötzlich merken, dass Sie eigentlich gar nicht mehr auf die Musik hören, sondern nur analysieren: Sind da auch genug Frauen im Publikum, sind People of Color im Publikum? Also Sie machen sozusagen einen Diversitäts-Check. Und das kam Ihnen seltsam vor.

Genau. Das Buch ist auch eine Selbstkritik. Ich habe gemerkt, dass ich mich eigentlich in den letzten Jahren gewissermaßen zum Identitäts-Politiker gewandelt habe und dadurch geraten bestimmte Aspekte der Wirklichkeit aus dem Blick. Also zum Beispiel die Offenheit des Ästhetischen. Und ich habe gemerkt, dass mein Blick sich in eine Art Scanner verwandelt hat, der mir minutiös Identitäts-Merkmale ausspuckt, die ich dann mit anderen Identitätsmerkmalen vergleiche. Ich finde das alles gar nicht falsch, ich finde es sogar sehr wichtig, diesen analytischen Blick auf die Wirklichkeit zu werfen. Aber man sollte ihn nicht verabsolutieren, und es gibt einfach Bereiche der Wirklichkeit, die man damit nicht erfasst.

Jetzt fordern Sie als Konsequenz, dass wir Verwirrung zulassen müssen. Sie loben die Ambivalenz, und das ist eine große Herausforderung, weil der Mensch ja so gerne einordnet. Verwirrung zuzulassen ist, glaube ich, eins der schwierigsten Vorhaben, das man einem Menschen zumuten kann.

Genau, deswegen würde ich das auch gar nicht ausspielen gegen Identität oder Identitätspolitik. Im Gegenteil, man kann Verwirrung, Offenheit, das Spielerische, die Fantasie … dann zulassen, wenn man eine starke Identität hat. Wenn man nicht das Gefühl haben muss, man verliert sich unablässig selbst. Aber ich glaube, dass es für eine gerechte Gesellschaft unerlässlich ist, dass wir imaginieren lernen – dass wir es lernen, aus unseren Identitäten raus zu schauen. Denn gerade das Offene und das etwas Verwirrende, Spielerische ist das, was uns mit anderen verbindet. Nicht meine eherne, definierte Identität verbindet mich mit anderen, sondern eben die Offenheit, das Träumerische, die Fantasie, das sich-in-andere-Hineinversetzen, Hineinfühlen. Und da kommen für mich Kunst, Kultur und die Ästhetik ins Spiel, die im besten Falle all das erlauben.

Jörg Scheller: Identität im Zwielicht: Perspektiven für eine offene Gesellschaft, ist im Claudius Verlag erschienen.