Zwischen Werkzeug und Gestiken Was uns Hände und Handwerk bedeuten

Wir leben in handvergessenen Zeiten, sagt der Literaturwissenschafler Jochen Hörisch. Zugleich wachsen die Branchen, in denen Handgemachtes zählt. Welchen Wert schreiben wir Händen und dem, was sie schaffen, heute zu?

Von: Astrid Meyerle

Stand: 29.01.2021 | Archiv

Hände, die Teig bearbeiten | Bild: picture alliance/dpa | Jan Woitas

Der Vater von Iris Winkelmeyer war Ingenieur. Gerne erinnert sich die Leiterin der Restaurationsabteilung des München Lenbachhauses daran, wie sie mit ihm am Motorrad schraubte oder den Ölwechsel am Auto besorgte: "Mit dieser ständigen Pflege und Wartung der Motoren bin ich aufgewachsen, mit dem Geruch des Öls, wenn es aus dem Zylinderblock heraus läuft. Das mochte ich unheimlich gerne. Damals hab ich auch diese Freude entwickelt, etwas mit den eigenen Händen zu machen. Etwas, das danach wieder funktioniert, vielleicht sogar besser funktioniert als vorher."

Feinarbeit am Fettfleck

Iris Winkelmeyers Hände, die diese Ölwechsel und Motorradreparaturen hinter sich haben, können inzwischen auch lebensgroßen Barockskulpturen die oberste Malschicht abnehmen oder sogar einen Fettfleck von Joseph Beuys im Schwebezustand halten. Eine knifflige Aufgabe, wie sie erzählt: "Das war ein winziger Fettfleck, der gar nicht so herausfordernd aussah. Da ist Joseph Beuys einfach einmal mit dem Daumen ins Fett und hat es dann an einem betttuchartigen Gewebe abgestreift. Dieser Fettfleck war in sich noch zusammenhängend, aber er hat sich vom Gewebe abgelöst und hing nur noch an wenigen Stellen fest. In diesem Fall bestand die Herausforderung darin, etwas zu finden, was absolut unsichtbar ist, aber den Fettfleck veranlasst sich entweder wieder anzuhaften oder zumindest in der Position stabil zu bleiben."

Iris Winkelmeyer schnitt unter dem Mikroskop winzige Papierstreifen und brachte sie mit einem Spezialkleber in dem etwa einen Millimeter großen Zwischenraum an. Wie Brückenpfeiler halten die Streifen den Fettfleck auf dem Betttuch. Nur mit dem Mikroskop kann man sie sehen. Maßarbeit auf kleinstem Raum. In Zeiten, in denen viele Menschen bei der Arbeit mit ihren Händen nur mehr eine Tastatur bedienen, eine sehr besondere Fähigkeit.

Handvergessene Zeiten

Wie steht es überhaupt um unsere Hände? Welche Bedeutung haben sie in unserer Kultur? Diesen Fragen geht der Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch in seiner jüngst bei Hanser erschienenen Kulturgeschichte mit dem schlichten Titel "Hände" nach. Seine These: Wir leben in "handvergessenen" Zeiten. Anders als in anderen Epochen haben wir inzwischen sehr wenig Aufmerksamkeit für die Hand übrig: "Ich habe das in meinem Buch an dem Verbot des Handspiels beim Fußball illustriert. Fußball ist mit Abstand der populärste Sport. Hier ist es verboten die Hand einzusetzen. Wenn man den Ball vom Spielrand wieder ins Feld wirft, dann darf man das, und der Torhüter darf es als Ausnahmefigur beim Fußballspiel. Aber ansonsten ist das Handspiel das größte Tabu. Denken wir an den jüngst verstorbenen Maradona, der sagte, es war ein bisschen die Hand Gottes und ein bisschen meine Hand, die da ein Handspiel gemacht hat. Das ist ja einer der erhabensten Augenblicke der Fußballgeschichte."

Nun scheint Fußball ein sehr spezielles Feld, um daran gleich eine so starke Gegenwartsdiagnose festzumachen. Wichtiger als Fußball und Maradona, so Jochen Hörisch, sei die Tatsache, dass wir heute in virtuellen Welten leben: "Das ist keine intellektuelle Diagnose, sondern eine handgreifliche. Und eine ökonomisch wichtige Erfahrung. Die wichtigsten und am höchsten dotierten Börsenunternehmen stellen keine Güter mehr her, die wir mit Händen fassen können: Facebook, Instagram, Twitter produzieren keine Autos, Häuser, Kleidung, Essen. Sie sind aber als Börsenwerte und in unserem Alltagsleben unendlich viel wichtiger als alte Industrien, als Handwerk oder eben auch Industrien, die noch Computer, Autos und sonstiges produzieren. Kein anderes Zeitalter dürfte so distanziert zu den Produkten von Händen gestanden haben wie unsere Gegenwart."

Sehnsucht nach Handgemachtem

Einspruch: Seit einigen Jahren etablieren sich Internetplattformen wie etsy.com, die sich fast ausschließlich auf Handgemachtes verstehen: Besondere Schreinerarbeiten und Designobjekte, aber auch Keramik, Schmuck, Handgeschneidertes. Nicht genug: Etsy, 2005 gegründet, ist seit 10 Jahren an der Börse notiert. Die Restauratorin Iris Winkelmeyer teilt natürlich die Faszination am Handgemachten und die Sehnsüchte dahinter: "Man will vielleicht auch weg von diesem ewig Makellosen. Weil man auch scheitert an dieser Makellosigkeit. Selbst nach 300 Gesichtsoperationen sieht man nicht mehr so aus wie die Leute, die überall abgebildet sind. Diese Makellosigkeit des beginnenden 21. Jahrhunderts empfinde ich als einen ästhetischen Entwurf, der unglaublich anstrengend ist."

Von unzählig neuen Craft Beer Brauereien bis zum Dachgartenimkern haben sich überall im Land in den letzten Jahren verschiedenste Szene-Manufakturen entwickelt. Nicht genug: In manchen Straßenzügen reiht sich ein klassisches Handwerksatelier ans nächste. Wer etwa durch die Münchner Türkenstraße im Univiertel streift, trifft nur wenige Schritte voneinander entfernt auf eine Goldschmiede und zahlreiche Künstlerstudios. Im Schaufenster eines Lederateliers liegt zwischen maßgeschneiderten Taschen ein Buch mit dem Titel: "München. Handgemachte Qualität". Untertitel: "Maker and Crafter". Ein Manifest für Handwerkskunst und Leidenschaft. Solche Initiativen entstehen mittlerweile in vielen bayerischen und deutschen Städten. Die Hutmacherin Nicki Marquardt hat ihr Atelier und Ladengeschäft in der Türkenstraße. Ihre Spezialität sind frei Hand genähte Strohhüte, die aus nur vier Millimeter breiten aneinandergenähten Strohbändern bestehen.

Hände: Werkzeuge, die wachsen

Nicki Marquardt sitzt zwischen deckenhohen Regalen mit Fäden, Knöpfen, Federn und anderen Hutaccessoires. Sie blickt auf ihre Hände, man sieht ihnen an, dass sie auch zupacken können. Ihre Hände sind für sie das wichtigste Werkzeug, weiß Nicki Marquardt: "Sie ermöglichen mir meinen Beruf vom Anfang bis zum Ende. Mit meinen Händen erfasse ich Materialien, Oberflächen, indem ich sie anfasse. Wenn ich meine Materialien angreife, begreife ich auch meine Materialien, die ich bearbeiten möchte, das ist für mich ganz wichtig. Denn ohne dieses Begreifen kann ich nicht in das Material eingreifen und es formen. Das ist der Anfang von allem."

Vor über 20 Jahren eröffnete Nicki Marquardt ihr Atelier. Anfangs hatte sie nur zwei Mitarbeiter. Zu Hochzeiten zählt ihr Team heute zehn Leute. Haben sich in der Zeit auch ihre Hände verändert? "Ich hätte vor 30 Jahren bestimmte Dinge noch nicht machen können, die ich jetzt machen kann. Da ist sehr viel Koordination und sehr viel Gefühl drin, was sich erst in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Es macht Spaß mit so einem Werkzeug, das sich weiterentwickelt, zu arbeiten und mir irgendwann das ermöglicht, was ich mir nicht hätte vorstellen können. Vielleicht bin ich in 15 Jahren nochmal ganz woanders."

Ersetzt durch Technik

Andererseits: Viele Handwerksberufe wurden und werden von neuen technischen Produktionsmöglichkeiten abgelöst. In Jochen Hörischs Kulturgeschichte der Hände klagt bereits 1797 Johann Wolfgang von Goethe in seinem Tagebuch über die Krise des Kunsthandwerks, ausgelöst durch Fabrikarbeit und eine frühe Industrialisierung. Die Manufakturen wurden einfach zurückgedrängt. Bei der Untersuchung, Dokumentation und Restauration von Kunstwerken kommen mittlerweile auch Techniken wie etwa der 3D Druck zum Einsatz. Für Iris Winkelmeyer, Leiterin der Restaurationsabteilung des Lenbachhauses, sind sie hochinteressant. Etwa für die Rekonstruktion eines Kruzifix aus dem Sammlungsbestand von Franz von Lenbach. Dessen originale Farbigkeit konnten durch eine sehr genaue Untersuchung der Fassungsreste rekonstruiert werden. Das Restaurationsteam hat zwei verkleinerte 3D Modelle des Originals angefertigt und diese Modelle dann farblich entsprechend der beiden Rekonstruktionen gefasst.

Im Moment sitzt Iris Winkelmeyer an einem Selbstportrait der Künstlerin Käthe Hoch von 1923 und nimmt die alte Firnisschicht ab. Das Bild soll im kommenden Jahr in einer Ausstellung über Künstlerkarrieren zu sehen sein. Die Firnissabnahme gehört zu den ganz typischen und manchmal sehr langwierigen Aufgaben ihres Berufszweigs. Ebenso wie das Ablösen von Malschichten. Millimetergenaue Handarbeit. Hält sie es für möglich, dass auch hier einmal Roboter zum Einsatz kommen könnten? "Das ist durchaus vorstellbar. Es ist vielleicht sehr kühn. Und trotzdem glaube ich, dass es an den marktstrategischen Interessen scheitern wird. Denn es wird unheimlich aufwändig sein, einen Roboter zu programmieren, der das kann. Niemand wird das Geld aufwenden wollen, weil es immer noch günstiger ist, eine ausgebildete Restauratorin oder einen Restaurator hinzusetzen. Aber die technische Möglichkeit, die wird es geben. Davon bin ich überzeugt."

Symbolträchtig: der Händedruck

"Handvergessenheit" oder ein neues Handbewusstsein? Sich zur Begrüßung nicht mehr die Hand zu reichen ist seit bald einem Jahr eine neue Gewohnheit geworden. Dennoch: Der alte Reflex, dem Gegenüber zur Begrüßung die Hand zu reichen oder sich mit einem dankbaren Händedruck zu verabschieden, ist da, vor allem in Momenten der Freude. Kurze Momente der Berührung, kleine Offenbarungen. Die Wärme der Haut, die Art und Länge des Händeschüttelns zeigten, wie man gerade gestimmt war und zum Gegenüber stand.

In der westlichen Kultur gibt es bislang keine wirkliche Alternative zum Handschlag, Der Ellenbogenkick wirkt auch bei Anzugträgern sportiv bis teenagerhaft. Das von einem Lächeln begleitete Winken driftet bei offiziellen Anlässen leicht ins Unzeitgemäße ab und erinnert schon mal an eine historische Filmszene – Abschied am Bahnhof vor schmauchender Lok. Iris Winkelmeyer erkennt aber auch im Handschlag etwas Unzeitgemäßes: "Der Handschlag kommt, wenn ich das richtig erinnere, aus diesem Gestus, ich hab nichts in der Hand gegen dich, ich mach dir meine Hand offen, damit du siehst, ich führe keine Waffe. Das ist der Ursprung des Handschlags und das ist auch eines sehr überkomme Geste."

Iris Winkelmeyer würde künftig gerne auf den Handschlag verzichten, auch weil der ein oder andere schon mal recht markig ausgefallen ist. In der Tat, hin und wieder lässt die Geste schon mal den Handabdruck des Gegenübers zurück. Der Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch mit einem bekannten Beispiel: "Denken Sie etwa den Handschlag von Macron und Trump, den wir jetzt Gott sei Dank los sind. Dem merkte man an, dass da ein schwer zu ertragender Mensch versuchte, seine völlig enthemmte Form von Brutalität durchzusetzen. Das war kein freundlicher, das war ein bezwingender Handschlag und der französische Präsident, der graziler gebaut ist als der amerikanische, hat dem mit Charme Stand gehalten und hat die Hand nicht schmerzerfüllt zurückgezogen."

Händeschütteln als Anachronismus?

Iris Winkelmelmeyer wundert sich manchmal über diese Geste, die in anderen Kulturkreisen ja auch gar nicht üblich ist: "Wenn Sie einem Japaner oder einer Japanerin die Hand schütteln, ist das für beide gleichermaßen unangenehm. Wenn sie einem entgegengestreckt wird, dann ist das eine Geste aus Höflichkeit dem Europäer gegenüber. Und der Handschlag ist nie mit Druck. Sie bekommen eine ganz spannungsfreie Hand in die Hand gelegt." Der traditionelle japanische Gruß ist wesentlich subtiler und diskreter als der europäische Handschlag. Man legt die Hände vor der Brust zusammen und verneigt sich. Diese Geste gibt dem Gegenüber Raum. Sie kann nur einer einzelnen Person gelten aber auch einer ganzen Gruppe.

So betritt etwa das Bordpersonal im Shinkansen, dem japanischen Hochgeschwindigkeitszug, wortlos ein neues Abteil, grüßt aber immer mit Verbeugung, auch wenn es das Abteil verlässt. Nicki Marquardt war häufig in Japan auf Messen: "Da gibt es ja ganz unterschiedliche Varianten, wie tief verbeugt sich derjenige, wie schnell, wie oft. Das ist wahrscheinlich was, was ein Europäer nie dechiffrieren oder entschlüsseln kann. Das sind ja Jahrtausende von Erfahrungen, das werden wir nie dechiffrieren können."

Verzicht oder Überleben nach der Pandemie

Der Verzicht auf den Handschlag in Zeiten der Pandemie hat die Diskussion eröffnet, was die Geste eigentlich bedeutet, was wir vermissen, wenn wir sie vermeiden, ob sie unzeitgemäß und vielleicht sogar dauerhaft entbehrlich erscheint. Wer das Händeschütteln für ein schönes Ritual hält, wird gerne dazu zurückkehren. So mancher wird ein neues Verhältnis zu dieser Geste entwickeln und damit ein neues Handbewusstsein. Weniger zupackend dafür mehr Feingefühl. Wer weiß, wie sich der erste bewusste Handgruß nach der Pandemie anfühlt – ein wenig fremd, überraschend anders oder einfach nur entspannt erleichtert? Er wird aber wiederkommen. Hand drauf!