Milliardäre in der Erdumlaufbahn  Mondhotel statt Monaco? #Weltraumtourismus

Die Unternehmer Richard Branson und Jeff Bezos sind Weltraumtouristen, dank eigener Raumfahrtunternehmen. CO2-Ausstöße werden angemahnt. Aber was ist mit der Symbolik? Und der Frage danach, wer ins Weltall darf und wer nicht?

Von: Katja Engelhardt

Stand: 19.07.2021

Richard Branson war am 11. Juli 2021 selbst an Bord der VSS Unity im All. Damit hat er das Wettrennen vor seinem Konkurrenten Jeff Bezos gewonnen. | Bild: picture-alliance/dpa/ABACA

In den Weltraum zu fliegen ist einer der größten Menschheitsträume. Fliegen, das haben einige von uns schon gemacht – aber schwerelos im All? Das konnten bisher trainierte und hochspezialisierte Astronauten, mit ganz spezifischen Aufträgen auf hochwissenschaftlichen Missionen. Sonst niemand. Richard Branson und Jeff Bezos haben zuletzt dem Weltraumtourismus einiges an Dynamik wiederverliehen. Denn vor dem Virgin Chef und dem Amazon-Gründer gab es durchaus einzelne zahlende Weltraumtouristen, aber nicht mit so viel Lärm und Wumms und Presse. Allerdings gibt es jetzt auch die Hoffnung, dass bald regelmäßig Touristen ins All fliegen – was für einige ein Alptraum sein mag. Für andere ein Kindheitstraum. Endlich in Galaxien vorzudringen, die kaum ein Mensch zuvor gesehen hat.  

Die weltweite Aufmerksamkeit ist Folge einer geschickten Selbstvermarktung. Richard Bransons Ausflug wurde medial aufbereitet begleitet. Und wir können in einem YouTube Video bestaunen, wie er vermeintlich wichtige Sätze sagen möchte, nun wo er sich in der Schwerelosigkeit befindet. "I was once a child with a dream, now I’m an adult in a spaceship." Diese Ansprache beinhaltet ein offenes Geheimnis: Natürlich gehört zu solchen Aktionen auch eine gehörige Portion Vorstellungskraft, Eigeninteresse und Eitelkeit.

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Virgin Galactic's First Fully Crewed Spaceflight #Unity22 | Bild: Virgin Galactic (via YouTube)

Virgin Galactic's First Fully Crewed Spaceflight #Unity22

Die lässt sich auch bei Jeff Bezos beobachten, der seinen bemannten Ausflug in das All sicherlich nicht zufällig an dem Tag startet, an dem Neil Armstrong vor 52 Jahren als erster Mensch den Mond betreten hat. Geschmackssache, ob Bezos seine Unternehmung besser dastehen lässt, indem er seinen Bruder mitnimmt und dazu die jüngste und auch die älteste Person, die dann jeweils im Weltraum gewesen sein wird. Die Älteste wird die Pilotin Wally Funk sein, die in den 60ern an einem privaten Astronautenprogramm für Frauen teilnahm, hervorragend abgeschnitten haben soll und dann doch nie von der NASA eingeplant wurde. Bezos kann nun also von sich behaupten, einer verhinderten Astronautin einen Traum zu erfüllen. 
Die jüngste Person ist 18 Jahre alt und Sohn eines Investmentbankers. Sein Platz wurde ersteigert. Für wie viel genau, ist unklar, aber ursprünglich bekam ein Angebot von 28 Millionen Dollar den Zuschlag. So viel zum finanziellen Rahmen.  

Braucht es denn Raumfahrten überhaupt? Diese Zeit, Geld und auch andere Ressourcen fressenden Großprojekte? Ja. Nicht nur gewinnen wir Menschen Aufschluss über die Gegebenheiten über den Planeten Erde hinaus, die Raumfahrt hat uns zahlreiche Errungenschaften für den Alltag beschert, als Nebenprodukt einer größeren Forschung oder als Beschleuniger einer Entwicklung, die ohnehin anstand. 

Raumfahrt bringt uns weiter. Aber bringt uns jede Raumfahrt weiter? 

Jeff Bezos, Richard Branson und Elon Musk, der auch mitmischt, wollen regelmäßig Menschen ins All senden. Bisher allerdingskönnen alle nur Ausflüge in die Erdumlaufbahn unternehmen. Bransons Virgin Galactic soll schon im kommenden Jahr den Tourismus für zahlende Gäste beginnen, Bezos‘ Firma Blue Origin soll Stationen auf dem Mond betreiben, Musk Interesse an einer Besiedlung des Mars haben. Und sicherlich werden aus diesen Vorhaben auch leichter konsumierbare Angebote entstehen, wie extrem schnelle Flüge von einem Ort auf der Erde zum anderen. Musk plant eine Tunnel-Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen New York und Washington. Seine Firma Unternehmen SpaceX etwa wird eine neue Mondlandefähre für die NASA bauen. Zusammenarbeit mit den etablierten staatlichen Playern ist also nicht ausgeschlossen. Und doch meint man auch als Laie erkennen zu können, wer auch an die Wissenschaft denkt und wer nicht. 

Einmal im Weltall gewesen zu sein, ändert die Einstellung zu diesem Planeten und der Menschheit, soll Bezos gesagt haben. Das klingt natürlich außergewöhnlich schön. Aber braucht ein Unternehmer, der seit Jahren für seine Personalführung und Steuerpolitik kritisiert bis gescholten wird, wirklich die Raumfahrt, diesen besonderen Blick von außen auf die Erde, um zu erkennen, wie verwundbar der Planet und wir alle auf ihm sind? Braucht es das als Anregung, wie er die Welt etwas besser machen könnte? Müsste nun jede Person, die vermeintlich eine andere Perspektive braucht, auf einen Trip in die Erdumlaufbahn geschickt werden? Damit sie sieht, was Astronauten schon beschrieben haben: Dass wir doch alle in unmittelbarer Nachbarschaft wohnen, dass man von oben keine Ländergrenzen sieht, sondern zusammenhängende Flächen unterbrochen nur von Wasser? 

 Wer darf mit - und wer nicht?

Die Selektierung, wer darf und wer darf nicht, wenn einige sich aufmachen und andere zurücklassen, das ist natürlich auch ein Zeichen. Während die Welt mit Corona kämpft und dem Klimawandel, einige ihr Leben aufs Spiel setzen, um Menschen aus Überflutungsgebieten zu retten, fliegen andere für eine persönliche Erfahrung davon – dank eines Reichtums, dem materielle Bereicherung oft vorausgeht.

Natürlich kommen sie wieder zurück. Aber für einige Minuten sind die extrem Reichen noch weiter von den anderen entfernt als ohnehin schon. Wer wirklich die Menschheit voranbringen will und nicht nur einige Wenige, der plant wohl eher keine Hotels im All. Denn das mutet nach genau der Einstellung an, aus der wir mit unserer bisherigen Erd-Erfahrung gelernt haben sollten. Einfach mehr Raum zur Ausbreitung, zur Kolonialisierung bringt nicht weiter, wenn es keine Konzepte für Nachhaltigkeit gibt. Wenn mit den Touristen nur die eine Idee auf einen anderen Planeten übertragen wird. Dann bringt uns die Raumfahrt nicht voran, sondern wirft uns zurück.