Podcast zum NSU-Prozess "Rassismus gefährdet den Kitt unserer Gesellschaft"

David Mayonga alias Roger Rekless ist Rapper, Buchautor und moderiert den Podcast "Saal 101" über den NSU-Prozess. Ein Gespräch über die schmerzhaften Folgen des Prozesses, alltäglichen Rassismus und die Macht der Empathie.

Von: Simone Stern

Stand: 26.02.2021

David Mayonga steht vor dem Oberlandesgericht München und im Saal 101 | Bild: BR

Das Dokumentarhörspiel "Saal 101" beruht auf den Protokollen von ARD-Reportern und Reporterinnen aus 438 Tagen NSU-Prozess. Daraus wurde ein dokumentarischer Hörspiel-Podcast mit 24 Folgen, den David Mayonga alias Roger Rekless anmoderiert. Simone Stern hat den Rapper zum Projekt befragt.

Simone Stern: Warum braucht es, einige Jahre nach Ende des Prozesses, eine solche Bearbeitung?

David Mayonga: Ich finde die Aufarbeitung des Prozesses durch die Protokolle der Journalisten und Journalistinnen und der Gerichtsreporter und Gerichtsreporterinnen ist wichtig, weil sie in das komplette Verfahren Einblick gibt. Taucht man in die Protokolle derer ein, die vor Ort gewesen sind, die Zeugenaussagen mitgeschrieben und die Reaktionen aufgenommen haben, dann hat man die Möglichkeit, emotional die Größe dessen nachzuvollziehen, was hier überhaupt verhandelt worden ist. Der Mord an diesen Menschen ist unglaublich schrecklich, aber diese Taten hatten auch eine Strahlwirkung auf das Umfeld der Opfer. Es wird aufgedeckt, ohne zu bewerten, in welcher Art und Weise die Ermittler und Ermittlerinnen höchst brisante Entscheidungen getroffen haben – nämlich die Entscheidung, gegen die Familien zu ermitteln, mit Verdacht auf Drogen oder ähnliches. Ich glaube und hoffe, dass dadurch deutlich wird, wie sich rassistische Bedrohung in unserer Demokratie breit macht.

Warum ist für Sie Empathie der Weg zu einer antirassistischen Gesellschaft?

Dass man Empathie mit Opfern hat, ist das eine. Aber wenn ich davon spreche, Empathie für Betroffene zu empfinden, dann fängt das weitaus früher an. Ich meine, man muss dafür empathisch sein, was es bedeutet, in diesem Land zu leben und dabei ständig rassistischer Diskriminierung ausgesetzt zu sein. Man muss verstehen, dass allein Worte, die wir gelten lassen, dass rassistische Diskriminierung, wie wir sie in der Mitte der Gesellschaft, im Fernsehen finden, solche Taten begünstigen. Hier muss die Empathie ansetzen. Wenn Leute glauben, sie wären selbst von Rassismus nicht betroffen, dann stimmt vielleicht, dass sie selbst nicht direkt betroffen sind, aber indirekt betroffen sind wir alle. Wir verändern den Kitt unserer Gesellschaft, wenn wir Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gewähren lassen. Und das fängt nicht erst bei Mord, der der verbalen Entgleisung oder dem tätlichen Angriff an, sondern weitaus früher.

Kein Wendepunkt

Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen, das Oktoberfest-Attentat – lange vor dem NSU mordeten Neonazis in Deutschland. Trotzdem hatte man nach Auffliegen der Terror-Zelle den Eindruck, jetzt lässt sich die Bedrohung von rechts nicht mehr weg reden. War der NSU-Prozess ein Wendepunkt für unsere Wahrnehmung von rassistischer Bedrohung?

Nein, ich würde nicht sagen, dass es ein Wendepunkt war. Ich glaube eher, der Prozess hat vielen Leuten gezeigt, dass die Problematiken von institutionellem Rassismus, von Fremdenfeindlichkeit und rechts-terroristischen Gruppierungen real sind. Und gleichzeitig hat es eben nicht zu der Wende geführt, die man sich erhofft hätte und die nötig gewesen wäre: Dass man das ernst nimmt und in den Fokus rückt. Es ist meines Erachtens eine verpasste Chance.

Wie sieht Deutschland nach dem NSU-Prozess denn aus?

Für Leute, die hier schon ihr ganzes Leben lang von Rassismus betroffen sind, hat sich einiges geändert. Denn auf so großer medialer Ebene sehen zu müssen, wie ein System versagt, ist sehr schmerzvoll. Zu bemerken, dass latenter Rassismus oder latent rassistische Vorurteile dazu führen, dass Ermittlungen ins Stocken geraten oder in eine Richtung gehen, die ganz klar vorurteilsmotiviert ist, das ist unglaublich schlimm. Die Art und Weise des Umgangs mit Opfern, die einen Migrationshintergrund haben, ist nicht dieselbe wie mit Opfern aus der weißen Mehrheitsgesellschaft. Deswegen ist es auch für diese Leute danach ein anderes Deutschland. Ein schmerzhaftes Erkennen der Schutzlosigkeit. Ich zähle mich auch zu der Menge derer, die direkt von Rassismus betroffen sind. Wir leben in einem Deutschland, von dem wir jetzt wissen, selbst wenn man das Schlimmste erlebt hat, wird man im Stich gelassen.

Rassisten als Gewinner rausgegangen

Der NSU-Prozess endete 2018. Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, die vier Mitangeklagten zu geringeren Strafen. Viele Fragen zum Helfernetzwerk der Terrorzelle blieben ungeklärt.

Nazis, nationalistische, aufpeitschende Menschen, die diese Ideologie, dieses Rassismus weitertragen, sind – das muss ich leider sagen – als Gewinner rausgegangen. Das haben sie am letzten Tag des Prozesses auch gezeigt: Da wurde gejubelt. Wenn ich zudem von Netzwerken innerhalb der Bundewehr und der Polizei höre, dann ist mir klar, dass während das auffliegt und ein Aufschrei durch einen Großteil der Bevölkerung geht, sich diese Leute sicher fühlen. Das ist eines der schlimmsten Signale, die man in einem demokratischen Land setzen kann: Wenn eine terroristische Vereinigung ein Sicherheitsgefühl hat.

Rassismus reproduziert sich auch in Institutionen. In Ihrem Buch "Ein N**** darf nicht neben mir sitzen" schildern Sie auch, wie oft Sie schon als Jugendlicher mit Racial Profiling konfrontiert waren. Ist ein Gericht für von Rassismus Betroffene ein Ort der Gerechtigkeit?

Ich bin mit Racial Profiling groß geworden, mit rassistischer Diskriminierung, Diskriminierung auf dem Bildungsmarkt. Wenn man sich ansieht, dass unter diesen Voraussetzungen Recht gesprochen wird, dann kann es im schlimmsten Fall bedeuten, dass daraus vor einem Gericht eine Ungerechtigkeit entsteht. Einfach weil die Leute, die dort sitzen, nichts tun können, gegen die Ermittlungsergebnisse von Beamten und Beamtinnen, die rassistische Vorurteile haben. Die Ergebnisse sind da und aufgrund derer muss man entscheiden, was nun Recht ist. Man kann nicht per se sagen, es ist ein Ort der Ungerechtigkeit. Aber es ist ein Ort, an dem sich Rassismus innerhalb einer Institution zeigen kann und an dem sich gleichzeitig institutioneller Rassismus ereignet.

Vor dem Gesetz sind wir alle gleich, sagt Artikel 3 Grundgesetz. "Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse …benachteiligt werden." Hat der Begriff Rasse etwas in unserer Verfassung zu suchen?

Der Begriff "Rasse" muss auf jeden Fall aus dem Grundgesetz. Der hat da nichts verloren. Es gibt keine menschlichen Rassen. Doch solange wir diesen Begriff nutzen, verhalten wir uns so als ob. Man muss verstehen: Den Begriff gibt es nur wegen Rassismus. Also wegen einer pseudowissenschaftlichen Lehre, die versucht hat, Menschen in Rassen einzuteilen und dann abzustufen. Allein deswegen gibt es diesen Begriff "Rasse" im Bezug auf den Menschen. Wir wissen heute, dass das nicht nur moralisch, emotional und rational Quatsch ist, sondern auch wissenschaftlich. Ich fände es sehr wichtig ein Zeichen zu setzen und diesen Begriff aus dem Grundgesetz zu nehmen. Um zu zeigen, wir sind hier einen Schritt weitergekommen.