Ausstellung im DHM Die NS-Kontinuitäten der Documenta

Ab 1955 versuchte die Documenta, mit ihrer Kunst an die Moderne anzuknüpfen – und verfing sich damals oft trotzdem in der Vergangenheit der Nazizeit. Eine neue Ausstellung beleuchtet diese Wechselwirkungen von Kunst und Politik.

Von: Maria Ossowski

Stand: 17.06.2021 | Archiv

Federal President Theodor Heuss at documenta 1, 1955 © documenta archiv / Photo: Erich Müller / Weiterer Text über ots und www.presseportal.de/nr/150323 / Die Verwendung dieses Bildes ist für redaktionelle Zwecke unter Beachtung ggf. genannter Nutzungsbedingungen honorarfrei. Veröffentlichung bitte mit Bildrechte-Hinweis. Foto: Deutsches Historisches Museum/obs | Bild: dpa-Bildfunk/Deutsches Historisches Museum

Die erste Documenta im Jahr 1955 sollte sowohl Anknüpfspunkt als auch Neubeginn sein: Anknüpfen wollte man an die Moderne aus der Zeit vor Hitlers Machtübernahme, der neue Beginn sollte wiederum sollte eine bewusste Abgrenzung vom repressiven Kunstbegriff der NS-Zeit sein.

Über den Anschließen an die Moderne habe ein Bruch gekittet werden sollen, sagt Raphael Groß, Präsident des Deutschen Historischen Museums. Sein Haus zeigt ab dem 18. Juni die Ausstellung "Documenta.Politik und Kunst" – eine Retrospektive über die ersten zehn Ausgaben der bedeutendsten Ausstellungsreihe für zeitgenössische Kunst, die bis heute im hessischen Kassel stattfindet.

Zu Beginn habe man die Kontinuität der Kunst markieren wollen, sagt Gross, um sodann einen künstlerischen und ästhetischen Neubeginn zu behaupten. "Hinter der Fassade der Abgrenzung von der NS-Kunst verbargen sich allerdings in mehrfacher Weise NS-Kontinuitäten", sagt Gross. 21 Gründungsmitglieder hatte das erste Documenta-Team rund um den sozialdemokratischen Künstler Arnold Bode, davon waren 10 Mitglieder in der NSDAP, der SA oder der SS gewesen. 

Kaum jüdische Künstler

"Während sich auf der einen Seite die Kuratoren um eine kunsthistorische Distanzierung vom NS bemühten und die Moderne ins Zentrum ihrer Ausstellung rückten", so Gross, "wurden auf der anderen Seite jüdische Künstler - mit Ausnahme von Marc Chagall – auf der ersten Documenta nicht gezeigt." Noch bis vor einigen Tagen sei unbekannt gewesen, dass der intellektuelle Kopf der ersten Documenta-Ausstellung, Werner Haftmann, nur wenige Jahre zuvor in Italien wegen Folter und Mord an italienischen Partisanen gesucht worden sei.

Marc Chagalls großformatiges Bild "Die roten Dächer" empfängt die Besucherinnen und Besucher im DHM. Werner Haftmann jedoch zählte Chagall nicht zur Moderne, denn er schrieb, "kein Maler der Moderne war Jude". Dass das nicht stimmt, wusste Haftmann. "Den Maler Rudolf Levy etwa kannte er aus seiner Zeit in Florenz", sagt Julia Voss, eine der Kuratorinnen. "Auf der Documenta aber wird Haftmann Levy nicht zeigen. Wir aber stellen die beeindruckende Malerei von Levy aus." Darunter ist sein letztes Selbstporträt von 1943. Im Jahr darauf stirbt Levy während der Deportation nach Auschwitz.

Holocaust? Kein Thema

Es dürfte in den fünfziger Jahren praktisch niemandem aufgefallen sein, dass der Holocaust auf Documenta in keiner Weise ein Thema darstellte, so Voss: Werke von jüdischen Künstlerinnen oder Künstlern fehlten gänzlich. "Damit lag die Documenta genau auf der Linie der damaligen Diskussion, beziehungsweise Nicht-Diskussion", sagt er. Die großen Dokumenta-Diskussionen begannen später. Studenten protestierten, als die 68er-Documenta die amerikanische PopArt feierte, ab 72 wilderte Harald Szeemann in Subkulturen. Die Abkehr von der Konsumkultur wurde gefeiert.

Das Beeindruckende der Ausstellung zum einen: Es ist ein Wiedersehen mit guten alten Bekannten, weltberühmten Kunstwerken, die in Kassel ausgestellt waren, Max Beckmanns "Eisgang" beispielsweise oder Gerhard Richters "Graues Bild" von 1975, auf dem er lediglich die Machart und das Jahresdatum seines Werks vermerkte. Beuys ist dabei, Lehmbrucks Knieende, auch Willi Sitte. DDR-Kunst war am Anfang, 55, zunächst komplett unerwünscht. Denn die neue Euphorie für die Moderne richtete sich vor allem gegen den Osten und gegen den Sozialistischen Realismus.

Die Berliner Ausstellung beeindruckt, weil sie ein Wiedersehen mit weltberühmten Kunstwerken ist, die in Kassel ausgestellt waren. Darunter sind beispielsweise Max Beckmanns "Eisgang". Gerhard Richters "Graues Bild" von 1975, auf dem er lediglich die Machart und das Jahresdatum seines Werks vermerkte. Beuys ist dabei, Lehmbrucks "Knieende", auch Willi Sitte.

Bitte kein Sozialistischer Realismus

DDR-Kunst war am Anfang, 1955, komplett unerwünscht. Denn die neue Euphorie für die Moderne richtete sich vor allem gegen den Osten und gegen den Sozialistischen Realismus. Damit "hatten die Ausstellungsmacher eine dezidierte Grenzmarkierung gen Osten gezogen", sagt Museums-Präsident Groß, "und sie hatten ein Aushängeschild gleich: die außenpolitische Leitlinie der BRD, die Westintegration ideologisch unterstrichen." 1977 waren dann auch DDR-Künstler eingeladen, und manche Documenta-Macher der ersten Stunde waren darüber entsetzt.

Zehnmal Documenta bis 1997, 42 Jahre, 390 Objekte, 45 Medienstationen, zeigen die Verflechtungen von Politik und Kunst. Die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum ist selbst ein kuratorisches und forschungspolitisches Kunstwerk - als eine Ausstellung über eine Ausstellung ist sie ein Ereignis. Theodor Heuss, ein Freund der Documenta, sagte einst: "Mit der Politik lässt sich keine Kultur machen, vielleicht aber kann man mit der Kultur Politik machen." Heute in einem Jahr eröffnet die nächste, die 15. Documenta.

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