"295 Kilometer" Der Münchner Fotograf Martin Friedrich erkundet die Isar

Rund 295 Kilometer fließt die Isar von ihrer Quelle in den Alpen, bis sie hinter Plattling in die Donau mündet. Der Münchner Fotograf Martin Friedrich hat den Flusslauf festgehalten und ein Buch und eine Ausstellung daraus gemacht.

Von: Niels Beintker

Stand: 05.05.2022

Mündung der Isar in die Donau | Bild: Martin Friedrich

Das kann immer auch ein Geschenk sein: eine Zeitlang am Fluss sitzen, das ewige Rauschen im Ohr, das Grün im Blick, schlanke Weiden, zarte Birken, dahinter der Auwald, oft so dicht. Schauen, Steine werfen, Schweigen. Martin Friedrich ist seit der Jugend an der Isar unterwegs, er hat den Fluss in München in einer Zeit erlebt, in der die Isar noch nicht "renaturiert" war und als Partymeile diente.

Isarmünd – ein Dorf, das nach dem Hochwasser von 2013 verschwindet

Die Wasser- und Lebensader ist für ihn einerseits unspektakulär. Andererseits auch wieder nicht. "Es gibt keine wirklich spannenden Sachen – einen riesigen Hafen, Schifffahrt. Es ist alles überschaubar.", sagt er. "Man geht spazieren am Fluss und man trifft Spaziergänger mit ihren Hunden. Hauptsächlich trifft man Hundebesitzer. Es war lange nicht so aufregend, wie ich es mir anfangs erhofft habe. Ich war aus, aufregende Dinge zu sehen, die man nicht kennt – um dann festzustellen, dass es die kaum gibt und das Besondere in den ganz alltäglichen Dingen liegt."

Quellgebiet im Karwendel, unter der Breitgrieskarspitze

Die alte, stillgelegte Isartalbahn im Süden Münchens

Mehrere Jahre lang hat Martin Friedrich den Fluss und seine Landschaften mit der Kamera erkundet. Nicht systematisch, von der Quelle zur Mündung, und doch Kilometer für Kilometer, heute hier, morgen da, später wieder hier, manchmal tagelang. Ein Lieblingsort des Fotografen und Dokumentarfilmers ist das Quellgebiet im Karwendel, unter der Breitgrieskarspitze. Immer wieder war er dort, eines der Bilder zeigt den Blick in die Weite der Berge, über das Geröll hinweg, ein anderes ein Gipfelkreuz im Schnee. Eine andere Aufnahme lenkt den Blick aus der Tiefe auf eine Brücke aus Beton, ein mächtiger Pfeiler, zur linken ein steiniger Hang, dazu Nebel, ein geheimnisvolles, rötliches Licht. Der Grund des Sylvensteinspeichers, am Oberlauf in den Bergen.

"Da wurde der Damm erneuert, in den letzten Jahren. Und dazu musste der ganze See abgelassen werden. Man konnte am Grund des Sees entlang laufen", erzählt Freidrich. Man sieht auf dem Bild die Überreste von den Bäumen, die damals gefällt worden sind, bevor es geflutet wurde, vor 60 Jahren etwa, glaube ich. Und man sieht auch noch Überreste von ein paar Häusern am Grund des Sees. Und da hatte ich Glück, dass ich dort hin konnte, zu dieser Zeit".

Die Spuren im Kulturraum

Brücke am abgelassenen Sylvensteinspeicher

Eine weitere Fotografie zeigt die dicken Betonwände des Überlaufbeckens vom Sylvensteinspeicher, einerseits massiv, andererseits mit einer spannenden Geometrie von Linien und Fluchtpunkten. Und mit dem Schriftzug "I love you all", den irgendjemand dort mal hingepinselt hat, warum auch immer. Martin Friedrich interessieren die Spuren, die wir in den verschiedenen Flusslandschaften hinterlassen haben: hier illegal entsorgte Schläuche auf einer Lichtung im Schnee, dort Schienen der alten, stillgelegten Isartal-Bahn, da schließlich ein Wandgemälde in Niederbayern, der schöne Oberlauf in den Bergen, die Idylle als Sehnsucht. "Ich halte nichts von der Fotografie, die versucht, ein romantisches Bild herzustellen von Natur und Landschaft, das nicht real ist. Der Mensch hat gerade in einem Kulturraum wie bei uns überall seine Spuren hinterlassen. Selbst im letzten Winkel, im letzten Naturschutzgebiet im Karwendel. Alles ist erschlossen."

Menschen fehlen auf diesen Bildern, es geht um die Orte, ihre Textur, ihre Geschichte, etwa auch im Fall des Weilers Isarmünd – an der Mündung in die Donau. Er ist aufgegeben worden, nach der Hochwasserkatastrophe von 2013, der größte Teil der Häuser wurde abgerissen. Die Bilder, die an der Isar entstanden sind, sind für Martin Friedrich Dokumentationen: Er will denen, die ihm folgen, zeigen, was er gesehen und auch empfunden hat. Andererseits sind seine Fotografien immer auch Ausdruck einer intensiven Erkundung – und ebenso eine persönliche Reflexion über die Möglichkeiten der Fotografie. Die Bilder sind mit einer Großkamera – also analog – aufgenommen worden, der Aufbau der Apparatur verlangt Zeit – und bietet so Gelegenheit zum Umherschauen. Auch die spätere Bearbeitung der Aufnahmen am Computer, die Retusche, ist Teil der langen Annäherung an den jeweiligen Ort.

Martin Friedrichs Isar-Fotografien künden mit ihrer enormen graphischen Tiefe von einer bewundernswert großen Neugier. So unspektakulär, wie dieser Fluss gelegentlich erscheinen mag, ist er nicht. Gerade auch dann, wenn man den Blick in die Landschaft am Flusslauf weitet. So viele Geschichten, begleitet vom steten Rauschen.

Martin Friedrichs Buch "295 Kilometers" ist gerade im schottischen Verlag Another Place Press erschienen und über das Internet bestellbar. Ab 19. Mai sind Isar-Fotografien von Martin Friedrich in einer Ausstellung zu sehen, in der Münchner Galerie "Atelier Au".