Serie "It's a Sin" Ein bitter-süßer Love Song an die 80er

Sie ist eine der besten Serien des Jahres: Serienschöpfer Russel T Davies verewigt in seiner Coming-of-Age-Serie "It's a Sin" seine Erinnerungen an die 80er Jahre: an schwules Empowerment, Verschwörungstheorien, Homophobie und die vielen Opfer der AIDS-Epidemie.

Von: Vanessa Schneider

Stand: 18.06.2021 | Archiv

Olly Alexander als Ritchie in der Starzplay-Serie "It's A Sin"  | Bild: ©RED Production Company & All3Media International

Der kleinstädtischen Enge entfliehen Ritchie, Roscoe, Colin und Ash nach London zum Studium. Sie sind schwul – für ihre Familien Sünder, unmoralisch, eine Last. Die Großstadt verspricht den jungen Männern die Freiheit sie selbst zu sein und die kosten sie in vollen Zügen aus.
Eine klassische Coming of Age Story ist "It's A Sin" trotzdem nicht, denn sie spielt in den 80er Jahren - einer Zeit also, in der schwule Männer ihre Sexualität nicht unbedarft ausleben konnten. In den fünf Folgen von "It's A Sin" vergehen im Schnelldurchlauf zehn Jahre. Deshalb stehen weniger die kleinen Alltagsdramen im Zentrum, sondern die großen Fragen: Was will ich eigentlich vom Leben? Und: mit wem will ich es verbringen?

Eine Dekade zwischen Lebenslust und Lebensgefahr

"Die offizielle Geschichtsschreibung sagt, Männer wie wir müssen sich immer verstecken," heißt es an einer Stelle in der neuen Starzplay-Serie "It's a Sin" über schwule Männer: "Und dann ist da noch die reale Welt," eine Welt, die selten ihren Weg auf die Bildschirme und Leinwände findet – geschweige denn in die Geschichtsbücher. Serienschöpfer Russel T Davies ist schwul – und thematisiert in seinen vielfach ausgezeichneten Serien wie "Queer as Folk", "Cucumber" oder auch "Years and Years" die Erfahrungen und Perspektiven von queeren Menschen. "It's A Sin" ist sein bisher persönlichstes Projekt: Hier verarbeitet er eigene Erlebnisse als junger Mann während der AIDS-Krise in den 80er-Jahren. Dass die queeren Charaktere größtenteils auch von queeren Darstellern und Darstellerinnen gespielt werden, war Davies ein Anliegen. Gastauftritte von schwulen Ikonen wie Neil Patrick Harris und Stephen Fry vervollständigen das Ensemble. Die Hauptrolle übernimmt der Musiker und Aktivist Olly Alexander von der Popband "Years & Years". Sein Ritchie ist kapriziös, sensibel, neugierig. Und zu Beginn der Serienhandlung im Jahr 1981 noch sehr naiv. Wie viele hält auch er die Warnungen vor einer mysteriösen Krankheit, die schwule Männer trifft, für konservative Panikmache und glaubt, dass es sich um eine Erfindung der Pharmaindustrie handelt, oder von Neidern: "Die wollen dafür sorgen, dass wir keinen Sex mehr haben. Die wollen, dass wir langweilig werden, weil sie selbst keinen haben, der sie flachlegt. Das ist die Wahrheit!"

Ritchie ist mit seinen Theorien nicht allein. Die Verschwörungserzählungen von damals hallen heute umso nachhaltiger wider. Gleichzeitig zeigt die Serie auch: individuelle Vorsicht allein schützt nicht vor der Ansteckung. Als staatliche Stellen die Gefahr der Epidemie anerkennen, ist es längst zu spät. Die Freunde feiern derweil weiter fröhlich Partys, schmieden Pläne und genießen ihr Leben in der Großstadt – frei von den Konventionen ihrer Familien und der Gesellschaft. Doch das heimtückische HI-Virus rückt auch ihnen Jahr für Jahr näher, und durchkreuzt bald schon ihre Träume.

Eine mitreißende Serie, die nachklingt

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It’s A Sin | Offizieller Trailer | STARZPLAY | Bild: STARZPLAY Germany (via YouTube)

It’s A Sin | Offizieller Trailer | STARZPLAY

In "It's a Sin" sehen wir diese unterschiedlichen, komplexen jungen Männer auf der Suche nach Freiheit und Zugehörigkeit. Sie geben nicht auf, obwohl die ganze Welt gegen sie zu sein scheint: die homophobe, britische Gesellschaft, Familien, die sie nicht akzeptieren, ein tödliches Virus, Rassismus, und eine Regierung, die Erkrankte wie Kriminelle behandelt. Davies gelingt es Leichtigkeit und Tragik gleichermaßen Raum zu geben. Das unbeschwerte Lebensgefühl der Figuren macht er in schillernd bunten, rauschhaften Partybildern anschaulich, in schnellen Schnitten und mit einem Soundtrack, der uns präzise im jeweiligen Jahr zwischen 1981 und 1991 verortet. Diese Szenen sind nicht weniger bewegend, als die einsamen Momente am Krankenbett oder die unheimliche Sprachlosigkeit nach einem weiteren Todesfall im Freundeskreis.
"It's a Sin" erinnert so auch an die vielen Opfer der AIDS Epidemie, die einfach vergessen wurden – weil sie schwul waren. Die Serie endet auf einer bitteren Note, die wie die Epidemie noch lange nachklingt. Alles andere wäre höhnisch: Schließlich bleibt Homophobie, trotz aller Fortschritte, auch heute für queere Menschen lebensgefährlich.

Ein Beitrag aus der kulturWelt vom 20.06.2021. Den Serien-Podcast "Skip Intro" können Sie hier abonnieren.

Die Serie "It's a Sin" ist beim Streamingdienst Starzplay abrufbar.