Leander Haußmann über seine "Stasikomödie" "Es gibt keinen anderen Weg als Versöhnung, leider"

Für seine Stasikomödie wurde der Regisseur Leander Haußmann gerade mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Im Interview spricht er über Erich Mielke auf Motto-Parties, Hamster und Kaninchen als Observationsobjekte und was es heißt, frei zu sein.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 20.05.2022

Leander Haußmann, Film- und Theaterregisseur und Schauspieler, bei einem Fototermin vor dem Kinostart seines Films "Stasikomödie". | Bild: dpa-Bildfunk/Carsten Koall

Die DDR-Staatssicherheit, 90 000 hauptamtliche Mitarbeiter, wahrscheinlich doppelt soviele inoffizielle, die zum Beispiel die "negativ-dekadente Szene" in Ost-Berlin zersetzen sollten. Hier verbinden sich viele schreckliche Schicksale. Der Regisseur Leander Haußmann macht jetzt eine Komödie daraus. Bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises bekam "Leander Haußmanns Stasi-Komödie" gleich eine der wichtigen Auszeichnungen des Abends, nämlich den Produzentenpreis. Ein Gespräch.

Judith Heitkamp: Ist die Stasi lang genug her, dass man über sie lachen kann, soll, darf? Oder ist das für Sie gar keine Frage des zeitlichen Abstands?

Es ist für mich eine Frage der Meinungsfreiheit. Darum haben wir lange gekämpft. Und deswegen will ich so was wie "darf" gar nicht hören. Sonst hätte sich ja nichts geändert. In einer Sache können wir uns einig sein: dass ich diesen Film zu DDR-Zeiten nicht hätte machen können, dürfen, wollen. Ganz im Gegenteil, ich wäre da wahrscheinlich für einige Zeit abgegangen. Die Staatssicherheit nicht nur ausschließlich getötet und gefoltert und eingesperrt, 97 Prozent der Tätigkeit des Geheimdienstes waren banal. Und sie werden von Menschen gemacht, die ebenfalls relativ banale Charaktere haben, oder auch nicht, die wie bei der Stasi 70 Prozent junge Menschen waren, unter 25 und Männer.

So jung?

So jung waren die. Und da können Sie sich vorstellen, was da an Testosteron und an Liebesmangel umgesetzt wurde in die Maßnahmen, die wir kennen und in der Schule lernen. Aber was wir nicht in der Schule lernen, ist die andere Seite, nämlich dass wir – die negativ-dekadente Szene, die tatsächlich mit "NEG-DEK" abgekürzt wurde – unseren Spaß hatten. Man muss es so sagen und möchte es heute nicht so gerne hören, weil die Schwarz-Weiß-Bilder in Geschichtsbüchern natürlich besser funktionieren.

Zu DDR-Zeiten hätten Sie den Film nicht machen können, klar. Hätten Sie ihn nach der Wende früher machen können? "Sonnenallee und "NVA", Ihre Filme über die DDR von 1999 und 2005, sind ja schon lange her.

Da hatte ich die Idee noch nicht. Ideen kommen ja nicht auf Zuruf oder auf Befehl. Ich wurde vor elf Jahren durch ein Buch auf dieses Thema aufmerksam, was wahnsinnig lustige Fotos enthielt, die real waren, die aus dem Stasi-Archiv kamen. Mit Fotos, die man sich nicht erklären konnte, zum Beispiel wurden bei der Observation oder Präparation von Wohnungen Haustiere fotografiert: Hamster, Kaninchen, Katzen.

Warum?

Das hat man sich auch gefragt. Und man kam dann auf die simple Erklärung, dass es auch Tierfreunde bei der Stasi gab und dass die diese Tiere einfach niedlich fanden. Und es gab auch Fotos von Motto-Parties.

Die Stasi plant ein betriebliches Kostümfest mit der schönen Idee, wir verkleiden uns als die Zielperson, die wir werktags beschatten. Das hat sich nicht Leander Haußmann für den Film ausgedacht?

Na ja, gut, manchmal denke ich mir etwas aus und dann recherchiere ich. Und es stimmt immer. Wenn ich mir ausdenke, dass Erich Mielke als August der Starke auf eine Rokoko-Party geht und später recherchiere, stellt sich heraus, dass es tatsächlich eine solche Party gab. Nicht Rokoko, sondern Biedermeier. Und er ging als Napoleon. Es ist ja vor allem ein Film über die Jugend, die Liebe und die Schönheit und darüber, wie die hässlichen Leute die schönen Leute verfolgen. Was Fantasie hat, was eine hedonistische Grundeinstellung hat, ist den Erwachsenen, den älteren, den abgefuckten Typen, so wie Henry Hübchen einen darstellt, immer suspekt. In jeder Gesellschaftsordnung versucht man das zu verhindern. Und die Stasi ist für mich der verlängerte Arm des kleinbürgerlichen Spießers, der die jungen Leute – damals uns, heute in anderer Form sicher auch - attackiert.

Komödie heißt in diesem Fall eine ziemlich anarchische, ziemlich durchgeknallte, auch sorglose Geschichte. Man kriegt Lust, in diese Prenzlauer-Berg-Bohème einzutauchen, in der die Stasi zwischendurch als Slapstick auftritt. Wollten Sie das?

Also für mich ist das überhaupt nicht durchgeknallt. Vielleicht ist es so, wenn man durchgeknallt ist, dass man sich immer fragt: Warum finden die anderen einen durchgeknallt? Aber der Film hat ja eine ganz dramatische Grundsituation, nämlich dass sich in der Akte unseres älter gewordenen Helden ein Liebesbrief wiederfindet, der da nicht reingehört und aufgrund dessen er sich seiner Vergangenheit stellen muss. Und dann geht es los und wir erfahren etwas über die durchgeknallten Typen, auf beiden Seiten im Übrigen. Natürlich ist mein ganz großes Vorhaben, diese komischen Geheimdienstleute ad absurdum zu führen, der Lächerlichkeit preiszugeben. Ich glaube, das ist auch eine Chance in der Gegenwart, Menschen, die uns Angst machen und Angst machen wollen, zu entkleiden und nackt zu machen.

Henry Hübchen, haben Sie gerade schon erwähnt, spielt den Führungsoffizier der Hauptfigur Ludger. Unangenehmer Typ, großartig gespielt. Sie mögen die Figur, oder?

Ich liebe diese Figur. Es geht ja um zwei Dinge. Es geht um Versöhnung – ich kann zwar niemandem anderen sagen, er soll jetzt jemandem verzeihen, das ist ganz seine Sache. Wir sollten das bei uns selbst anfangen, die unversöhnlichen Teile in uns suchen und vielleicht mal bearbeiten. Und es geht um Liebe, um Mangel an Liebe. Der Führungsoffizer Siemens sagt, er hat seine Frau zwei Jahre lang beschattet, dann wusste er, dass es die Richtige ist. Das ist natürlich kein Ansatz für die Liebe. Mangel an Zärtlichkeit und an Zuwendung macht Menschen böse. Menschen werden weder böse und noch gut geboren. Sie werden zu dem gemacht, was sie sind. Oder sie treffen irgendwann eine Entscheidung wie der Ludger an jener Kreuzung an der Ampel.

Versöhnung ist ein großes Wort.

Es ist die einzige Chance. Es gibt keinen anderen Weg, dass unser Leben friedvoller wird. Es gibt keinen anderen Weg als Versöhnung, leider – und Verzeihen, Vergebung.

Würden Sie sagen, Sie haben Ihren Frieden gemacht mit der Staatssicherheit?

Es geht darum, dass wir, also wir jungen Menschen, immer unseren Weg finden, an der Doktrin des Staates vorbei unser Leben zu leben und so zu sein, wie wir sind. Das ist für mich der Begriff von Freiheit. Freiheit ist kein Werbeslogan von Neckermann, sondern Freiheit ist etwas, was wir in uns selber finden. Und eine der ganz großen Entscheidungen ist natürlich, so zu sein, wie man ist, und sich nicht zwingen zu lassen, anders zu sein, als man ist. Der Film feiert die Jugend und die Schönheit und die Liebe und die Leidenschaft. Unter anderem. Neben der Vergebung.

Der Held Ludger Fuchs wird angeworben zur Szene-Zersetzung, unter anderem, weil er brav an der erwähnten roten Ampel steht, sehr, sehr lange. Er findet dann Geschmack am Bohème-Leben und am Schriftstellern und beschäftigt sich vor allem  mit der Frage, welche Frau es denn sein soll, die eine oder die andere. David Kross spielt das so, dass seine Berichte für die Stasi wirklich irgendwie wurscht sind.

Das eine ist das Talent, das einfach mal da ist. Das hat nichts mit dem Charakter zu tun, er ist einfach ein talentierter Schriftsteller. Hat aber die Aufgabe, Berichte zu schreiben, es passiert ihm einfach. Er ist ein Held, dem die Dinge ununterbrochen einfach nur so passieren, er muss reagieren, am Ende rennt er eigentlich immer hinterher. Andere und das Schicksal selbst treffen für ihn die Entscheidung, ob er nun endlich mal die Wahrheit sagt oder nicht. So eine Figur gibt es schon weit zurück in der deutschen Literatur: Simplicius Simplicissimus, der Held, der die ganze Zeit dem Krieg ausgeliefert ist und nur eine Sorge hat: Wie kann ich überleben? Das ist das, was uns Menschen ausmacht. Wir sind ausgestattet mit genügend Feigheit, um überleben zu können. In Filmen und in Büchern suggerieren wir aber immer, dass Feigheit etwas Schlechtes sei. Und ich feiere die Feigheit als etwas sehr, sehr Menschliches. Manchmal verläuft man sich eben auch wie an dieser Kreuzung.

Damit stellen Sie die klassischen Heldengeschichten von der klaren Entscheidung und Tat in Frage.

Der klassische deutsche Held ist eben kein Marvel-Held. Wir wären es gerne, komischerweise, und propagieren das auch. Und in der Rückschau auf die DDR hätten wir auch gerne Helden - Opfer, Täter. Aber in der Rückmeldung von Bürgerrechtlern, mit denen ich teilweise eng befreundet bin, wird mit einer gewissen Erleichterung wahrgenommen, dass unsere Darstellung nicht immer so schmallippig daherkommt, so flüsternd. Als hätten wir immer geflüstert, als hätten wir Angst gehabt, als wären wir unterjocht gewesen. Dem ist nicht so. Wenn man in so einem Land lebt, aufgewachsen ist, dann findet man Strategien, so zu sein, wie man ist. Dann sieht man durchaus, was falsch und richtig ist und dass man das auch entscheiden kann, gegen jede Regel, die einem auferlegt ist. Im Übrigen ist das in jeder Hierarchie so. Wobei ich, das muss man dazu sagen, damit man nicht gleich wieder einen ganzen Schwarm von Moralisten auf den Hals kriegt, natürlich schon die DDR als Unrechtsstaat einstufe. Aber in der Olympiade von Diktaturen, auch zu ihrer Zeit, würde sie nicht mal Bronze machen, das kann ich Ihnen sagen. Insofern ist das natürlich auch längst nicht auserzählt, das Thema.

Das spiegelt sich auch in der Gegenwartsebene, wo Ludger der gealterte und erfolgreiche Schriftsteller ist und als klassischer Oppositioneller des Systems gilt.

Wir waren ja in dieser Szene, Punkszene, Künstlerszene, und wir haben uns immer eingebildet, wir wüssten, wer dabei ist. Wir dachten, wir hätten es im Griff. Natürlich sahen viele so aus wie unsere drei Stasi-Männer im Film im knallroten Lada. Wir haben über die gelacht, Tränen gelacht. Aber nach der Wende kamen plötzlich die coolsten Typen mit Selbst-Outings und Büchern, dass sie dabei waren. Talentierte, visionäre, avantgardistische Leute, denen man es bis heute nicht übelnehmen kann, weil sie so cool waren, weil sie so viel Spaß gemacht haben. Und da muss es erlaubt sein, nachzufragen, wie sehr sie uns geschadet oder ob sie uns vielleicht sogar genutzt haben. Das ist diese kleine Differenzierung, um die wir Überlebenden so euch anderen bitten, dass wir ein bisschen runterkommen von diesem "hier, der ist böse, dort, der war gut". Es ist nicht so einfach, wie man es gerne hätte.

Steckt im Titel der Appell: "Das ist meine Stasikomödie, da sollen noch mehr folgen"?

Es gab keinen besseren Titel. Also "Die Hässlichen" oder "Die Schönen und die Hässlichen" oder "Die Guten", so hieß er mal, oder dann hieß er auch mal "Die Bösen". Stasi und Komödie ist provokant, das gehört irgendwie nicht zusammen. Und damit man weiß, dass es ganz persönliche Wahrnehmungen und Erinnerungen sind, habe ich den Namen ausnahmsweise mal drüber geschrieben. Was bei dem Produzenten die Sorge hervorrief, dass jetzt alle Regisseure ihren Namen über den Titel schreiben wollen. Es war auch das letzte Mal, dass ich das gemacht habe. Immerhin wird ja über diesen Titel mehr diskutiert als über alle meine anderen Titel. Das ist immer etwas Gutes, wenn man darüber spricht.

Das Interview wurde für die kulturWelt vom 22. Mai 2022 auf Bayern 2 aufgezeichnet. Den Podcast können Sie hier abonnieren.