Fernweh in Zeiten von Corona Venedig – oder doch zum Starnberger See?

Unsere Autorin hat Fernweh. Und ein schlechtes Gewissen deswegen. So verlockend wäre es, jetzt nach Venedig zu reisen und die Schönheit am Lido ohne Touristenmassen neu kennenzulernen. Aber muss das wirklich sein?

Von: Barbara Knopf

Stand: 30.07.2020 | Archiv

Venedig bei Sonnenuntergang | Bild: pa/dpa/Giacomo Cosua

Man sollte jetzt! sofort! auf der Stelle! aufbrechen: nach Venedig! Dorthin wo einst der Geist der Renaissancemalerei von einem dieser Tizian- und Tintoretto-Gemälde herab regelrecht in einen gefahren war. Schon so viele Jahre her, lange bevor sich die schwimmenden Kreuzfahrt-Hochbunker so dreist ins Panorama geschoben haben in dieser Stadt-Fata-Morgana mit ihren über den Wassern schwebenden Lichtgeistern. Jetzt befände sie sich wieder in ihrem ursprünglichen Zustand und man hätte die Chance, einfach durchzuflanieren wie durch ein Canaletto-Bild.

Aber wäre das so? Oder säße dieses Venedig nicht eher da wie eine abgetakelte Schöne, die von ihrem ignoranten Liebhabertrottel sitzengelassen wurde und die vulgären Spuren der Liaison nicht verdecken kann? Und müsste man nicht in dem Land der Sehnsucht, über die sich nun die Fernsehbilder von Särgen schieben, sehr behutsam die feinen Risse in der Seelenlage der Italiener beachten, anstatt in unbekümmerter Mir-steht-die-Welt-wieder-offen-Manier anzureisen?

Das Ich kratzt an der eigenen Moral

Die Welt steht Kopf - und mit ihr die Moral.

Geht also nicht. Will man überhaupt weg? Sehnsucht, Angst, Pragmatismus und Utopismus ringen miteinander. Denn ist das nicht der einzige Hoffnungshaken von Corona: dass diese Welt in ihrer Verblendung durch die plötzliche Vollbremsung die Chance auf Erholung bekommt? Nicht nur Delfine sich wieder in der Lagune tummeln, sondern das eigene erschöpfte Ich irgendwie mal wieder Ruhe in dieser Welt und damit in sich selbst findet? Zur eigenen Moral gehört, weder den Flugverkehr noch besinnungslosen Overtourism zu dulden. Also gehört man da selbst auch nicht hin.

Das Ich klopft trotzdem an. Nicht schon wieder nur der Stadtpark, wo einen die Bäume schon äste-schwenkend begrüßen. Man winkt zaghaft zurück. In ein paar Jahren ist hier alles zugebaut.

Das Robert-Koch-Institut hat seine täglichen Pressebulletins wieder aufgenommen. Das Auswärtige Amt hat bereits wieder No-Go-Areas auf dem Warnzettel, Reisen bekommt einen Bedrohlichkeitsfaktor. Rückkehrer sollen an den Grenzen getestet werden: Gesundheitskontrolle. Da wünscht man sich die Zollkontrollen zurück, da konnte man wenigstens noch unverfroren schummeln. Die freie Welt ohne Grenzen kollabiert gerade. Wer sich bewegt, wird beäugt. Schleppt der das Virus ein? Eine gute Bürger*in ist eine, die zu Hause bleibt. Das kann's doch auch nicht sein.

Egal – die Koffer werden gepackt!

Auch schön: Klein Venedig im fränkischen Bamberg.

Aber: Gibt es überhaupt ein richtiges Reisen in einem gefühlt falschen Corona-Leben? Die "neue Normalität", die wir alle im Alltag einüben mussten, gilt es nun für das Reisen zu perfektionieren: An den Flughäfen messen Wärmebildkameras die Körpertemperatur. Reisegepäck wird desinfiziert. Aus der eintägigen Fährüberfahrt kann leicht mal eine 14-tägige Quarantäne werden. Das Gute ist: Buffets sind abgeschafft. Und die digitale Deutschland-Ausgabe von Hurriyet beruhigt Reisende nach Antalya: Ausgangssperren gelten nur für türkische Staatsbürger, nicht für zahlende Gäste. Die Verbreitung des Virus durch deutsche Urlauber wird offenbar weniger gefürchtet als Präsidentenbeleidigung: Da muss selbst der deutsche Tourist mit Ausreiseverweigerung rechnen, warnt das Auswärtige Amt.

Reisen als Welterkundung –ist derzeit passé. Möglich ist allenfalls eine Verlagerung vom sicheren Zuhause in eine halbwegs gesicherte Schutzzone irgendwo anders.

Letztlich haben wir uns entschieden, meine Familie und ich. Haben die Sachen gepackt. Für viereinhalb Tage. Die Koffer waren wie immer schwer. Nach 25 Minuten waren wir da. Der See gehörte unter der Woche uns. Noch Tage nach der Heimreise habe ich in meinem Körper das leise Plätschern der Wellen des Starnberger Sees gespürt. Es war herrlich.