Diversität im Comic Transmenschen "sind alle so" wie Batman

Ein Superheld, der sich als Frau verkleidet. "Dragman" ist nur ein Beispiel von Comics, die sich mit dem Thema Transperson und Diversität auseinandersetzen. Aber waren die "Helden in Strumpfhosen" nicht immer ein bisschen drag?

Von: Niels Beintker

Stand: 25.06.2021 | Archiv

Diversität im Comic: "Dragman" von Steven Appleby | Bild: Steven Appleby/Schaltzeit Verlag

Ein Schreckensszenario. Der Kapitalismus ist mittlerweile so weit gediehen, dass die Menschen – dank einer wissenschaftlichen Entdeckung – ihre Seelen verkaufen können. Sie machen großzügig davon Gebrauch und leben fortan ohne Freude, stolpern gefühllos durch die Zeit – derweil wird das für diesen Handel verantwortliche Unternehmen namens "Blackmist" zum mächtigsten Konzern auf dem Globus. Und doch: es gibt noch einen letzten Grund zur Hoffnung, in Gestalt eines Superhelden. Der ist ein Mann, der sich in Frauenkleidern glücklich fühlt, sich schminkt und eine blonde Perücke trägt. Er heißt Dragman und ist immer dann superstark, wenn er eine Frau ist. Ohne Kleider ist er voller Zweifel, verleugnet seine Identität – und heißt August Crimp. Der englische Karikaturist und Comic-Zeichner Steven Appleby hat diese Figur erfunden und einen großartigen Comic über sie geschrieben und gezeichnet: "Ich wollte eine wahre und ehrliche Geschichte erzählen – über die Schwierigkeiten und Kämpfe, die damit verbunden sind, eine Transfrau zu sein. Vieles von dem, was ich selbst erlebte, habe ich an August Crimp weitergegeben. Weil ich Surrealismus sehr mag und gerne bei der Geschichte dabeibleiben will, wollte ich das Superhelden-Thema hinzufügen.

Fans forderten Nachschub

"Dragman" ist immer dann superstark, wenn er eine Frau ist.

Was für eine Geschichte! Nicht nur, dass jede und jeder seine Seele verhökert und damit alles den Bach runtergeht. Dazu kommen auch diverse Kompetenz-Streitigkeiten in der Superheldenwelt. Und ein Serienmörder, der Transfrauen bestialisch ermordet. Dragman ist also mehr als gefragt. August Crimp aber, sein Alter ego, hat Angst, das zu tun, was ihn glücklich macht. Er hat seiner Ehefrau Mary Mary versprochen, sich nicht mehr "zu verkleiden". Die Gewissensnot ist folglich groß…

Die Figur Dragman hat Steven Appleby schon vor 20 Jahren erfunden. In seinen Bildern erzählt er auch von sich selbst: "Es hat mir Spaß gemacht, mich in meinen Comic Strips heimlich als Transvestit und Cross-Dresser zu zeigen. Bei 'Dragman‘ war das am offensichtlichsten. Die Leute mochten das. Ich bekam Leserpost: 'Können wir mehr davon haben?‘ Also habe ich weiter gezeichnet. Dann wurde mir klar, dass die Identität von Superhelden eine gute Metapher ist. Nehmen wir Batman oder Superman. Niemand weiß, wer sie wirklich sind. Sie haben eine geheime Identität. Transmenschen aus meiner Generation sind alle so. Ich kenne viele Transfrauen, aber ihren männlichen Namen oder ihren Beruf kenne ich nicht. Der Vergleich mit den Superhelden war wirklich stark."

Am Comic-Buch "Dragman" hat Steven Appleby jahrelang gearbeitet. Die Geschichte ist intensiv und auf verrückte Weise vielschichtig – die Superhelden-Kolleginnen und Kollegen von Dragman etwa haben, bis auf seine taffe Partnerin Doggirl, einen Hau – was sich wiederum, wie so vieles in der Geschichte erst Stück für Stück, entschlüsselt. Und auch die Bilder erzeugen einen großen Hall-Raum. Steven Appleby zeichnet mit dünnem schwarzen Strich, seine Figuren sind cartoonhaft, expressiv, flirrend.

Autor lebt seit Jahren als Drag

"Ich bin nicht August Crimp", schreibt Appleby im Nachwort seiner wilden und gleichzeitig tief berührenden Geschichte. Seit vielen Jahren schon kleidet sich Steven Appleby ausschließlich als Frau – lebt sein "Ich", ohne Wenn und Aber, fühlt sich wohl, weiblich auszusehen und trägt weiterhin seinen männlichen Vornamen. Auch davon erzählt "Dragman": von einem Leben ohne Angst und Ausgrenzung: "Es ist beglückend. Es macht Spaß, sich schön anzuziehen und mit der eigenen Identität zu spielen. Ich habe lange gebraucht, mich dafür nicht länger zu schämen. Ich war 18, als ich mich das erste Mal wie eine Frau gekleidet habe, ganz heimlich, voller Scham. Nachdem ich dieses Gefühl endlich überwunden hatte, merke ich: Das macht Spaß. Davon wollte ich auch erzählen."

"Sie ringt mit einer Menge Dämonen"

"Auf einem Sonnenstrahl" erzählt von einer queeren Liebe

Vor allem Zeichnerinnen und Zeichner aus dem englischsprachigen Raum zeigen auf immer wieder beeindruckende Weise, dass es nicht eine, sondern viele Formen des Liebens und des Lebens gibt. Die US-Amerikanerin Tillie Walden zum Beispiel – die jüngste Gewinnerin des renommierten Will-Eisner-Awards – erzählt im riesigen Buch "Auf einem Sonnenstrahl" von einer queeren Liebe – weit weg, im Weltraum. Ihre Kollegin Lee Lai wiederum – aufgewachsen in Melbourne und seit einigen Jahren in Montreal zu Hause – folgt in ihrem Comic-Debüt "Steinfrucht" einem queeren Paar, dessen Beziehung in eine tiefe Krise geraten ist: "Ray und Bron leben seit längerem zusammen. Sie haben sich miteinander eingerichtet, halten einander aus. Die Romantik ist mehr und mehr verschwunden. Sie sorgen füreinander. Mir war wichtig zu zeigen, wie ihre Beziehung auseinanderbricht. Alle beide versuchen, es zu verhindern. Niemand ist das Schwein. Aber es gelingt ihnen nicht. Man kann die Beziehung so charakterisieren: Ray ist besorgt, die Situation macht ihr sehr zu schaffen. Bron wiederum braucht Raum für sich. Sie ringt mit einer Menge Dämonen."

Und die Dämonen sind heftig: Bron ist eine Transperson, sie wuchs auf in der Familie eines konservativen evangelischen Predigers. Ihre sexuelle Identität wird im Elternhaus als psychische Krankheit betrachtet, das Kind zur Therapie gezwungen. Lee Lai hat den mit dieser brutalen Ablehnung verbundenen Kummer sehr bewegend in ihren Bildern eingefangen. Schon auf den ersten Seiten der mit schwarzem Strich und viel weißem Raum erzählten Geschichte ist, ganz beiläufig spürbar, wie sehr Bron das alles quält. Und dass Ray, der Mensch, der sie über alles liebt, überhaupt nichts tun kann, um ihr in dieser Situation zu helfen. Allein Nessie, Rays kleine Nichte, vermag es, ihre beiden Tanten abzulenken und aufzuheitern. Sie ist ein Wirbelwind: "Nessie ist eine interessante Figur. Sie sieht, was geschieht und ist überhaupt nicht naiv. Obwohl sie erst sechs Jahre alt ist, hat sie einen genauen Blick für das, was passiert. Sie ist ein guter Gradmesser. Die anderen Figuren ringen mit verdrängten Bereichen ihrer selbst. Durch Nessie erfahren sie alle ein wenig Unterstützung, denn der fällt es leichter, zu lachen, zu schreien oder zu weinen, wenn sie das braucht."

Zurück zur Familie?

Comic-Debüt von Lee Lai: "Steinfrucht"

Die Bilder von Lee Lai sind – gerade in ihrer Kargheit – voller Intensität. Manche sind Gouachen, in verschiedenen Grautönen, das reduzierte Schwarz-Weiß dominiert, woraus ein spannender Kontrast entsteht. Viele Szenen erzählen von Einsamkeit, etwa, wenn Ray voller Traurigkeit auf ihrem Bett liegt, eingehüllt in eine Decke. Das schwarze Haar und die Füße sind zu sehen, sonst nichts, nur ein paar Striche. Bron hat Ray verlassen und ist zurückgegangen zu seiner Familie, in der Hoffnung auf eine Klärung und Aussöhnung. "Am wichtigsten sind Bewegung, Körpersprache und Ausdruck. Ich arbeite sehr gern mit gewöhnlicher Tinte. Meine Linien zeichne ich mit einem kleinen Pinsel. Wenn ich male, suche ich nach einem Weg, die Figuren anschaulich zu machen. Und ich möchte, dass man den Ausdruck in ihren Gesichtern lesen kann. Wenn mir das gelingt, kann ich einen Dialog schreiben – im Sinn der Figuren. Dann bin ich glücklich. Das ist mir das wichtigste!"

Lee Lais Comic-Debüt "Steinfrucht" ist ein Kammerspiel: Es konzentriert sich allein auf Ray und Bron sowie auf ihre Familien, führt uns in stille Straßenzüge, Gärten und karge Räume. Es erzählt geradeaus, sensibel und ohne Tamtam von der Schwierigkeit, trotz großer Ablehnung füreinander da zu sein, zu lieben und zu leben, wie man ist, einen Weg zu finden. Die titelgebende Steinfrucht – eine Nektarine – ist bei all dem ein Symbol und führt zu einem Konflikt der Liebenden. In der Art und Weise, in der Lee Lai, erzählt, wird deutlich, was der Comic vermag – für die Abbildung von und die Auseinandersetzung mit Diversität. In diesem Sinn ist diese Kunst ebenso politisch: Sinnbild der Hoffnung auf eine Welt, in der kein Mensch aufgrund seines Geschlechts und seiner Sexualität benachteiligt, ausgegrenzt oder verfolgt wird.

Braucht Ungarn einen Dragman

Für einen Superhelden wie Steven Applebys "Dragman" wäre auch noch so viel zu tun. Im Moment könnte er etwa – in hohen Stiefeln und im weinroten Kleid, die Haare blond und lang – den politischen Betrieb in Ungarn zur Räson bringen – die homohoben Hetzer um den Populisten im Präsidentenamt dazu bringen, ihrem Hass abzuschwören. Andere autoritäre Potentaten wären ebenfalls zu nennen. Superhelden gibt es freilich nur im Comic, hier in dem von Steven Appleby aus London. Aber die Kunst, Geschichten zu erzählen wie er, kann uns wiederum daran erinnern, dass die Welt, in der wir leben, eine andere, so viel menschlichere sein könnte. Die Comic-Kultur hat ein großes utopisches Potential: "Ich bin sehr dankbar. Ich lebe in einer wunderbaren Zeit. Ich kann, so wie ich aussehe, in ein Flugzeug steigen, mit meinem Pass, der sagt: Ich bin ein Mann. Und niemanden interessiert das. Das macht mich glücklich. In den 70er und 80er Jahren, als ich begann, mich wie eine Frau zu kleiden, war das ganz anders. Ich hoffe, ich kann diese Freude weitergeben. Es ist wunderbar, dass jeder Mensch so sein kann, wie er – oder sie – sein will. Ich hoffe, mein Buch kann eine Botschaft weitergeben: Sei der Mensch, der du gerne sein möchtest. Und genieße das, quäle dich nicht. Und an die anderen: Lasst jeden Menschen so sein, wie er möchte."

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