"Die Discounter" von Christian Ulmen Eine berührende Serie mit Cringe-Humor

"Cringe" ist das Jugendwort des Jahres. Ganz auf Cringe-Humor setzt die neue Serie "Die Discounter". Und das funktioniert: Fremdschämen und Berühren garantiert!

Von: Katja Engelhardt

Stand: 17.12.2021 09:27 Uhr | Archiv

Selfie im Supermarkt:Die neue Serie von Christian Ulmen "Die Discounter"
| Bild: Amazon Prime

Es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Orten, an denen im Alltag wirklich alle zusammenkommen, egal wie verschieden sie sind. Dazu gehört: Der Supermarkt. Eine Supermarktfiliale als gesellschaftlicher Mikrokosmos also. Das ist die Grundidee der Serie "Die Discounter" – im Stil einer Mockumentary: Einer scheinbaren Dokumentation des Geschehens. Wir begleiten die Figur Titus (Bruno Alexander). Dieser junge blonde Mann stellt sich zu Beginn der Serie an seinem ersten Arbeitstag in der Discounterfiliale vor: "Ja ich bin Titus. Ich habe heute meinen ersten Tag hier. Die anderen kenne ich noch nicht so gut. Ich bin ja jetzt nicht hier, um Freunde zu finden. Ich bin ja eigentlich eher hier, um Geld zu verdienen." 

Spielt die Angestellte "Flora": Die Rapperin Nura

Der junge und noch planlose Titus. Dessen neuer Chef – chaotisch und der Coolness seiner Jugend hinterhertrauernd. Eine junge Frau, die wahrscheinlich eher studiert und hier nur jobbt und die Gender-Stereotype am Zeitschriftenständer kritisiert (Marie Bloching). Die sachlich-penible Angestellte, die deutlich mehr Plan hat, als ihr Vorgestetzer (Klara Lange). Der Filial-Sicherheitschef (Merlin Sandmeyer), wenig durchsetzungsfähig und eher wie ein Küken mit gebrochenem Flügel, das dringend unter eine Wärmelampe gesetzt werden sollte. Neben anderen Kollegen, für die dieser Job die wahrscheinlich höchste Sprosse auf ihrer Karriereleiter sein wird. Was passiert, wenn diese unterschiedlichen Menschen aufeinandertreffen? Außerdem kommen Rivalitäten mit anderen Filialen auf und es geht dem Arbeitsgeber von Titus finanziell nicht allzu gut.

Fremdscham – und keine Erlösung

 "Die Discounter" wurde produziert von Christian Ulmen und Carsten Kelber. Beide sind auch verantwortlich für die Serie "Jerks" und Meister des unangenehmen Humors – des Cringe-Humors. Cringe ist ja das Jugendwort des Jahres 2021 und in seiner Bedeutung recht ähnlich der Fremdscham. Ein wichtiges Stilmittel für Cringe-Humor ist der spärliche und knappe Einsatz von Instrumental-Musik, erklärt Produzent Carsten Kelber. "Wir haben keine begleitende Musik, wie das sonst bei vielen Fernsehgeschichten ist. Oftmals komponiert ja jemand in die Szene rein und kommentiert dadurch einen Dialog oder forciert eine Pointe und so weiter. Hier sollte es so rough und hart sein, dass der Gag oder der Humor auch nackt dasteht, dass er ein bisschen mehr weh tut. Das hat viel mit der Humordynamik hier zu tun. Auch dass man keine erlösenden Momente hat oder so."

Dass diese Erlösung nicht kommt, nachdem wir etwas höchst Unangenehmes beobachtet haben – das ist dieser ganz besondere Humor. Der kann im Kleinen liegen, wie einer starken Fehleinschätzung der eigenen Beliebtheit. Als Filial-Chef Thorsten (Marc Hosemann) groß die jährliche Party zu seinen Ehren anpreist: "Alle kommen vorbei. Da saufen wir uns traditionell immer die Hucke voll".  Und dann klar wird: Außer Thorsten selbst findet ihn eigentlich niemand cool. 

Rollstuhl tritt gegen Moped an

 Dieser Humor funktioniert besonders gut in Momenten, die wir als unangemessen bewerten könnten und wir uns fragen: Ist das jetzt schon inkorrekt? Geht das noch in Ordnung? Etwa, als die Angestellte Flora (Rapperin Nura Habib Omer) unbedingt mit dem elektrischen Rollstuhl der Mutter eines Kollegen fahren will. Nicht weil sie ihn braucht. Nur um zu sehen, wie schnell er ist – die eigentliche Rollstuhlbesitzerin sich dann mühevoll aus ihrem Rollstuhl heben lassen muss und etwas verloren aber lächelnd am Rand sitzt, während sich ein Wettrennen mit dem Moped fahrenden Kollegen anbahnt:   "Ey Mutti, wie schnell fährtn deine Karre – 25 kann das. – Darf ich auch mal fahren bitte? – Nee. – Kann doch mal probieren. – Ehrlich? Cool!  Ey Leude, ich glaube das Ding fährt sogar schneller als das kack Moped von Peter."

Die Drehbücher sind nicht ausgeschrieben. Die Schauspielenden arbeiten mit Rahmenbedingungen und improvisieren. Das Drehbuch und die Regie hat die Produktionsfirma "Kleine Brüder" übernommen. Bruno Alexander ist Teil davon und spielt auch die Hauptrolle "Titus", zwei andere des Teams sehen wir in "Die Discounter" als Angestellte einer anderen Supermarktfiliale. In diesen auch "cringigen" Szenen geht es nicht um Spaß an der geplanten Provokation, sagt Produzent Carsten Kelber. Diese unangenehmen Momente sind schon in uns angelegt. Sie werden uns nur vorgehalten. "Dieses Cringen ist ja eigentlich immer nur eine Überhöhung einer Sache, die man in irgendeiner Form – und selbst wenn es weit weg ist von einem selbst – doch irgendwie kennt", sagt Kelber. "Ich bin ja der Überzeugung, dass es sonst gar nicht funktionieren würde – weder humor-technisch noch cringe-technisch. Sonst würde es einen nicht berühren, glaube ich".

Mit den deutschen Fernsehstars von morgen

Und das tut die Serie "Die Discounter": Sie berührt. Sie ist mehr als Klamauk, weil sie auch tief-tragische Momente zeigt, die die Handlung erst so richtig ins Rollen bringen, und weil man sich in den Figuren trotz aller Überzeichnung wiedererkennt: Wie sie versuchen alles richtig zu machen, gemocht zu werden und dabei nur scheitern können. Wenn wir über diese Figuren lachen, lachen wir auch über unsere eigene Unbeholfenheit. Was diesen Humor erst so befreiend macht.

Man sollte sich von diesem locker-flapsigen Stil aber nicht täuschen lassen. Er verlangt großartiges Timing, viel Talent und präzises Zusammenspiel. Der Cast hat in Tatorten, teuren Netflix-Produktionen oder am renommierten Wiener Burgtheater gespielt. Diese Form der Improvisation ist hohe Kunst. Nicht umsonst wurden nach der Serie "Stromberg" Christoph Maria Herbst und Bjarne Mädel in jedem Fernsehhaushalt zu Stars. In der Serie "Die Discounter" sehen wir die deutschen Fernsehstars von morgen.   

Die Serie "Die Discounter" ist bei Amazon Prime abrufbar.