Whistleblower Christopher Wylie im Exklusiv-Interview "Social Media ist eine Massenvernichtungswaffe"

Er ist einer der prominentesten Whistleblower unserer Zeit: Christopher Wylie arbeitete jahrelang für Cambridge Analytica, erstellte Kampagnen für Trump. Beim Interview in London erzählt er uns, wann er und Steve Bannon verstanden haben, welche Macht sie besaßen – und was sich jetzt ändern muss.

Stand: 28.05.2020

Porträt Christopher Wylie | Bild: dpa/picture alliance

Es ist ein Interview, auf das wir lange gewartet haben: Im Mai treffen wir für das ARD-Kulturmagazin titel thesen temperamente Christopher Wylie in London, um mit ihm über Vorgänge zu sprechen, die unsere Demokratie bedroht haben – und an denen er direkt beteiligt war.

Neben dem Fernsehbeitrag in titel thesen temperamente sehen Sie hier die Höhepunkte aus dem exklusiven Interview, das wir mit Christopher Wylie in London geführt haben. Er nimmt uns mit in den inneren Kreis der Firma, erzählt uns von dem Moment, in dem er und Steve Bannon wussten, welche Macht ihnen die Datensätze gaben. Und er warnt: Noch immer seien wir nicht gut genug gegen Formen der digitalen Manipulation gewappnet.

Der Kanadier Wylie begann als 24-Jähriger einen Job bei einer Londoner Firma, die mit dem britischen Verteidigungsministerium zusammenarbeitete. Gemeinsam mit einem Team aus anderen Datenwissenschaftlern entwickelte er neue Strategien zur Identifizierung und Bekämpfung von radikalem Extremismus. Doch nach kurzer Zeit stieg Steve Bannon in das Unternehmen ein, der gerade begonnen hatte, in den USA einen Kulturkampf gegen das liberale Amerika zu führen. Er erkannte, welche Macht die digitalen Werkzeuge hatten, und wie man sie für manipulative Zwecke einsetzen konnte: Die Firma Cambridge Analytica war geboren.

Manipulation im großen Stil

Wie später bekannt wurde, sammelte und analysierte Cambridge Analytica fortan die Daten von mehr als 87 Millionen Einzelpersonen, um sie im US-Wahlkampf gezielt beeinflussen zu können. Aber auch bei anderen scheinbar demokratischen Entscheidungen, etwa der Brexit-Abstimmung oder Wahlen in Nigeria, wurde diese Form der Manipulation genutzt.

Vor sechs Jahren verließ Wylie Cambridge Analytica. Er wurde zum Whistleblower, sagte vor dem US-Senat über die Werkzeuge der digitalen Manipulation aus. Jetzt hat er ein Buch geschrieben: "Mindf*ck". Eine Beichte. Einblick in den Maschinenraum der Manipulation.