Interview und Lesung Christian Stöcker über Gefahr und Nutzen von KI

In seinem neuen Buch "Das Experiment sind wir" erklärt Christian Stöcker, welches Potenzial maschinelles Lernen und Künstliche Intelligenz haben und was daran gefährlich werden könnte. Ein Beitrag zum Zündfunk Netzkongress 2020.

Von: Martin Zeyn

Stand: 12.10.2020 | Archiv

Christian Stöcker | Bild: BR

Wird es uns gelingen, die mächtigen technologischen Entwicklungen so einzusetzen, dass sie uns und die Erde retten? Mit seinem Buch Das Experiment sind wir geht der Kognitionspsychologe und Professor Christian Stöcker keiner geringeren Frage nach und untersucht die drei entscheidenden Entwicklungen, die unsere Zukunft im 21. Jahrhundert bestimmen werden: die der Weltbevölkerung, die des Klimawandels und die von digitaler Hardware.

Alle drei gehören für ihn zusammen. Denn das Wachstum der Leistungsfähigkeit von Computern hat nach Jahren des Stillstands ("der Winter der KI") der Künstliche Intelligenz einen enormen Schub verliehen. Und KI könnte uns helfen, so Stöcker, die Probleme des Klimawandel und der Weltbevölkerung anzusehen. KI scheint in Deutschland noch immer (zu) wenige zu interessieren. Und das, obwohl es in den letzten Jahren unerwartete Fortschritte gab, etwa in der Sprach- oder Mustererkennung. Computer können jetzt nicht nur exzellent Schach spielen, sie sind auch besser als die meisten Ärzte, wenn es darum geht, Tumore zu erkennen. Deutschland ist das Land, in dem die Industrie massiv daran arbeitet, diese Fortschritte in Produktionsabläufe einzupflegen. Gleichzeitig aber gibt es eine große gesellschaftliche Ignoranz, die etwa deutlich wird im Ausspruch "Ich habe nichts zu verbergen". KI spioniert niemanden aus – aber sie verletzt zuhauf Persönlichkeitsrechte, die wir sonst geschützt sehen wollen.

Zwei Kulturen im Konflikt

Der gläserne Konsument werde eines Tages – so fürchtet etwa der Internettheoretiker Evgeny Morosov – teuer für die ganzen kostenfreien Programme zahlen. Christian Stöcker, der sich bei Spiegel online immer darüber wunderte, wie wenig Menschen sich für digitale Fragen interessieren, sieht in Deutschland einen Konflikt zwischen zwei Kulturen aufbrechen, deren Sprachen so voneinander geschieden seien, dass eine Verständigung unmöglich erscheint. Die eine Seite pflege einen eher traditionell humanistischen Diskurs, Stöcker nennt ihn hermeneutisch (die Lehre von Verstehen), die andere einen technischen. Als erster habe der Wissenschaftler und Schriftsteller C.P. Snow diese beiden Kulturen beschrieben.

Unter Intellektuellen sehe er viele Verwandte eines speziellen Typs der Maschinenverächter: die sogenannten Luddites. Das seien Angehörige der englischen Arbeiterklasse gewesen, die sich gegen die industrielle Revolution wehrten – nicht wegen der unmenschlichen Arbeitsbedingungen, sondern weil sie ihre Arbeit zu entwerten schien: "Snow diagnostizierte: 'Intellektuelle, insbesondere literarische Intellektuelle, sind natürliche Luddites", schreibt Christian Stöcker in seinem Buch. "Westliche Intellektuelle, so Snow in einer berühmten Vorlesung, die später unter dem Titel The Two Cultures (dt. Die zwei Kulturen) zum Buch wurde, 'haben niemals versucht, den Wunsch verspürt oder sich in der Lage gesehen, die industrielle Revolution zu verstehen, geschweige denn, sie zu akzeptieren'".

Strittig: der Begriff der Information

Eklatant werde das gegenseitige Missverstehen beim Begriff der Information. Stöcker erklärt, dass die allermeisten Menschen Information als Grundlage verstünden, um etwas wie Wahrheit zu erreichen. Tatsächlich brauche es in der Welt der Binärlogik, auf der Computer fußen, kein wahr oder falsch. Es gebe eine Eins und eine Null, es gebe eine Weitergabe des Impulses oder das Verhindern eben dieser Weitergabe. Desinformation sei nur eine Kategorie für Menschen.

"Der Begriff 'Desinformation' basiert auf dieser anderen, der im Alltag gängigen Interpretation des Wortes: Um von Desinformation zu sprechen, muss man die Annahme einführen, dass es richtige und falsche Informationen gibt, und das wiederum setzt voraus, dass man mit Bedeutungen und zusätzlich mit Bewertungen operiert. In Shannons Informationstheorie sind 'wahr' oder 'falsch' sinnlose Kategorien. Es lohnt sich, dieses simple Faktum im Kopf zu behalten, wenn einmal wieder über die vermeintliche Gefahr gestritten wird, dass die Menschheit versehentlich superintelligente Maschinen mit eigenem Bewusstsein bauen könnte."

Christian Stöcker: Das Experiment sind wir

Stöcker ist kein Pessimist. Er sieht die Gefahren der Computer, für die Traffic wichtiger sei als Fakten. Aber er betont auch die Möglichkeiten, die deep learning und maschinelles Lernen für uns haben. Immer mehr berechnen zu können, könne uns auch in naher Zukunft helfen: "Schlecht aber muss all das nicht sein, im Gegenteil: Wenn Maschinen uns zeigen können, wie man besser Go spielt, können sie uns vielleicht auch helfen, den Klimawandel besser zu verstehen und zu bekämpfen, Krebs zu besiegen, dem Hunger in der Welt effektiver zu begegnen, neue Materialien zu entwickeln, die uns helfen, unsere Energieversorgung klimaneutral sicherzustellen. Gerade im Bereich der Materialforschung ist oft genau die Art von Optimierungsproblem zu lösen, für die künstliche neuronale Netze so gut geeignet sind.“

Christian Stöcker liest aus "Das Experiment sind wir"

Christian Stöcker: "Das Experiment sind wir. Unsere Welt verändert sich so atemberaubend schnell, dass wir von Krise zu Krise taumeln. Wir müssen lernen, diese enorme Beschleunigung zu lenken", Blessing Verlag