Klassenfrage "Als Punker war es noch leicht, sich zu positionieren"

Der Musiker und Autor Schorsch Kamerun im Gespräch über Auflehnung, Fridays For Future und die vermeintlich neue Komplexität im guten alten Klassenkampf.

Von: Knut Cordsen

Stand: 07.04.2021 | Archiv

Schorsch Kamerung | Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jens Kalaene

„Raus aus der Klasse, zurück in die Klasse“ – so heißt ein Lied der Goldenen Zitronen. Deren Sänger heißt Schorsch Kamerun, und er ist einer der Beiträger des vor kurzem erschienenen Sammelbandes „Klasse und Kampf“, in dem die von vielen für tot erklärte Klassenfrage neu gestellt und verhandelt wird. Knut Cordsen spricht mit dem Musiker, Autor, Theatermacher und Punk Schorsch Kamerun über seinen Beitrag „Selbstetablierung“.

Knut Cordsen: Herr Kamerun, in Ihrem Essay schreiben Sie „Die Schere geht weiter – aber anders – auf. Subtiler.“ „Klassische Klasse ist so nicht mehr.“ So einfach wie früher scheint das heute mit dem von Ihnen so genannten „Zugehörigkeitsklopper“ Klasse, mit der „klaren Schichtenzuschreibung“ nicht mehr zu sein. Was hat sich da genau gewandelt?

Schorsch Kamerun: Wir sind ja damit aufgewachsen, dass man sich eine Position suchen konnte, oder einfach in einer steckte. Mir kam es damals noch so vor, als gäbe zum Beispiel so etwas wie das Proletariat und dessen Gegenüber. Das war dann vielleicht der Fabrikant oder die Herren Politiker, „die da oben“. Und das, glaube ich, hat sich gewandelt. Mit „denen da oben“ bin ich noch ein Stück weit aufgewachsen. Ich weiß, dass ich als Teenie in meinem Kaff an der Ostsee Plakate von Franz Josef Strauß in die Ostsee geworfen habe, der wollte ja damals Kanzler werden. Wir standen auf der einen Seite, er auf der anderen. Das war noch ein ziemlich eindeutiges Denken. Die „Anderen“ haben sich aber auch extrem polternd verhalten und waren damit sehr erkennbar. Diese Eindeutigkeiten haben sich sehr stark verschoben. Ich glaube, dass sie wesentlich mehr Graustufen erfahren haben über die Zeit.

Sie sprechen in Ihrem Beitrag vom „Individualitäts- und Erregungs-Kapitalismus“, der sich zum Beispiel in Internet und sozialen Medien zeigt. Ich muss dabei gleich an die identitätspolitischen Erregungen und Spaltungen denken, in denen nicht die Zugehörigkeit zu einer Klasse das Entscheidende ist, sondern die eigene Hautfarbe oder das eigene Geschlecht. Verdrängen solche Kämpfe den klassischen Klassenkampf?

Schwer zu sagen. Aber ein Stück weit vielleicht schon, eben wegen dieser Selbst-Aufspaltung: Man ist zum Beispiel etwa Hardcoremusik-Fan, bekennt sich außerdem zur Queerness und probiert dann gleichzeitig noch irgendwie ein Wasser zu trinken, das nicht auf der anderen Seite der Erde Menschen das Trinkwasser raubt. Das hält einen schon ein wenig auf. Damit meine ich gar nicht: Scheiß drauf und anti-politically-correct sein. Damit ist es eben auch nicht getan. Aber dieses Sich-Aufspalten in Identitäten und Multi-Zugehörigkeiten macht die Dinge schon unklarer. Wobei ich schon sagen würde, dass man sich weiterhin deutlich verhalten kann. Das probieren wir ja auch als Band. Die Goldenen Zitronen haben da in ihrer Biografie so alles Mögliche erlebt. Wir sind ja sozusagen sogar schon falsch gestartet - mit dem Begriff Funpunk. Punk hat uns nicht gereicht, wir wollten ihn überzeichnen, weil wir verstanden haben, dass Punk eben auch schon eine Marke ist. Und deswegen haben wir eine Überreizung und Überdarstellung gewählt. Darin lag natürlich auch schon eine gewisse Hilflosigkeit. Ich glaube trotzdem, dass es immer wieder Situationen gibt, die eindeutig sind: Zum Beispiel, wenn die G-20 in so einer Stadt wie Hamburg tagen, da weiß man schon genau, wo man steht und mit wem. Die Mittel sind vielleicht schwieriger geworden, als Punker war es noch leicht, sich zu positionieren: Man hat sein Zeugs zerrissen und „No Future“ gebrüllt. Interessanterweise macht ja Fridays for Future, die vielleicht stärkste Bewegung gerade, genau das Gegenteil: Die fordern ja eine Zukunft ein. Da sieht man, wie sich die Dinge gewendet haben, es aber trotzdem bei bestimmten Themen noch möglich ist zu sagen: Okay, wir gehören zusammen.

Sie haben damals in Timmendorfer Strand an der Ostsee die DKP erstgewählt, als einziger in Ihrem Heimatort. Wäre so ein Akt der Auflehnung heute noch zeitgemäß?

Ich weiß nicht genau. Ich würde sagen, dass man immer eine Wahl hat und dass man auch immer eine Form der Auflehnung finden kann. Der Körper ist immer das letzte Mittel, damit meine ich gar nicht unbedingt, dass man das Gewaltmonopol brechen muss. Fridays for Future ist ja auch ein echtes Bekenntnis. Da haben Schülerinnen gesagt: Wir gehen einfach nicht mehr in die Schule - und haben damit etwas gefunden, was einfach wirkt. Die Reaktion war: Wenn ihr nicht mehr hingeht, dann hören wir doch besser mal zu. Eine Verweigerung ist immer möglich. Meine Empfehlung wäre ja, tatsächlich gar nicht mehr hinzugehen, weil dann lässt sich wirklich etwas durchsetzen. Sonst verspielt sich das möglicherweise.

Der Kampf gegen die Corona-Krise hat die großen gesellschaftlichen Unterschiede nochmal sehr sichtbar werden lassen, gerade in puncto Förderung und Stützung gewisser Wirtschaftszweige und Vernachlässigung anderer. Sie gehören, ein seltsames neudeutsches Wort, der Kreativwirtschaft an: Sie können derzeit nicht auftreten, nicht inszenieren. In Ihrem Text steht der schöne Satz: „Benutzt eure plötzlich vorhandenen Abermilliarden für aggressiv engagierte Gegenwehr und nicht für verwalterisches mal Auf-, mal Dichtmachen, tröstliches Pflastern oder schwammiges Stützen“ Was rät der Punk Schorsch Kamerun der Politik?

Erst einmal bin ich ja eben nicht die Politik. Unser Vorgehen auch immer APO. Ich kann nicht zu irgendetwas raten. Mir scheint trotzdem, da lässt sich aktuell etwas vermissen. Und zwar ganz breit. Ich glaube, vielleicht ist der Wutbürger in mich reingefahren, dass man einfach spürt, dass Ängste sich in die Politik übertragen haben und dass eigentlich gar nicht mehr gehandelt wird, sondern doch nur verwaltet. Und das finde ich befremdlich. Man merkt, dass der Populist manchmal besser fährt, wenn etwa Boris Johnson mit Kittel im Impfzentrum steht. Ich verstehe nicht, warum man sich nicht im Laufe dieser sogenannten Pandemie andere Dinge zutraut. Also her mit den Schutzmaßnahmen, den Masken, dem ganzen Zirkus, her mit den Tests, alles natürlich kostenlos. Das alles hätte man schon vor einem Jahr beginnen können. Dass Frau Merkel sich jetzt hinstellt und sagt: Impfen, Impfen, Impfen, ist mir ein Rätsel, weil das wusste man auch schon vor einem Jahr. Ich habe das Gefühl, dass diese Lähmung schon dadurch zustande kommt, dass sich keiner traut, zu handeln. Und das halte ich für gefährlich, weil der Populist tut das. Ich meine damit nicht, dass man die Seite wechseln sollte und auch populistisch vorgehen sollte. Ich glaube aber trotzdem, dass man schon probieren sollte, mutiger zu handeln, weil sonst etabliert sich der Populist an diesen Politikern vorbei.