Wendepunkt der Klimapolitik? Katastrophenbilder und die Politik

In Deutschland und China fluten ungeheure Wassermassen ganze Dörfer und Städte, die Bilder der Katastrophen fluten die sozialen Medien. Was dürfen, was können und was sollten diese Bilder bewirken?

Von: Daniel Hornuff

Stand: 22.07.2021

Zhengzhou: Anwohner tragen nach der schweren Überschwemmung in zentralchinesischen Provinz Henan ihre Habseligkeiten über eine überflutete Straße | Bild: dpa-Bildfunk/Zhu Xiang

Seit Tagen erreichen uns Katastrophenbilder. Videos und Fotografien dokumentieren dramatische Szenen: Orte, durch Tonnen von Schlamm nahezu unkenntlich gemacht, zerstörte Häuser, herumschwimmende Autos, Menschen, die in schlagartig überfluteten U-Bahn-Stationen um ihr Leben kämpfen, Menschen, die zwischen Trümmerteilen und Dreckschichten von Wassermassen fortgespült werden. Zunächst waren es Bilder aus Teilen Deutschlands, nun kommen sie aus dem zentralchinesischen Zhengzhou – das Ausmaß der lokalen Zerstörungen nimmt Dimensionen an, die selbst durch immer neue Bilder nie vollständig eingefangen werden können.

Die Bilder markieren einen Wendepunkt

Umso mehr stellt sich die Frage nach den Folgen dieser Bilder. Klar ist schon jetzt: Viele dieser Bilder sind von derart einschneidender Drastik, dass sie einen Wendepunkt in der öffentlichen Klimadebatte markieren werden. Die Bilder fungieren schon jetzt als visuelle Mahnungen, ja ihnen kommt eine paradigmatische Funktion zu. Sie werden als Ausweis des unleugbaren, menschengemachten Klimawandels gedeutet – und sie dürften gerade deshalb politische Langzweitwirkungen entfalten. Nicht auszuschließen, dass nahezu jede zukünftige klimapolitische Entscheidung in eine prüfende Beziehung zu diesen Bildern gesetzt werden wird.

Die Bilder sind nicht unschuldig

Um Missverständnissen klar vorzubeugen: Die Bilder selbst verfügen über keine Moral. Auch sind sie aus sich heraus nicht im Stande, für politische Erwägungen einzustehen. Und doch führt ihre massive öffentliche Thematisierung dazu, dass sich mit ihnen starke, beinahe zwingende moralische Wertzuschreibungen verbinden. Die Bilder sind in diesem Sinne nicht unschuldig. Da ihre Aussagekraft immer auch Ergebnis jener Voraussetzungen ist, mit denen sie wahrgenommen werden, avancieren sie zum Bestandteil klimapolitischer Debatten. Einfacher gesprochen: Die Kraft dieser Bilder ist auch Folge jener Perspektiven, die auf sie gerichtet werden.

Stumme Bildzeugen der Katastrophe

Denn nicht vergessen werden darf: Kein Bild fällt vom Himmel. Sofern die Bilder der Ereignisse von keinen fest installierten öffentlichen Kameras aufgezeichnet worden sind, waren es wiederum Menschen, die diese Bilder ermöglichten. Diese Bildakteure, die ihre Aufzeichnungen meist über die Sozialen Medien verbreiten, sind die stummen und gleichsam unsichtbaren Bildzeugen der Katastrophe. Vielen Bildern hängt damit auch die Suggestion einer auf sich genommenen Gefahr an – was wiederum moralische Fragen nach sich ziehen kann: Darf das sich vor den eigenen Augen abspielende Leid in dieser Weise gefilmt, fotografiert und damit zumindest visuell konserviert werden? Oder verhält sich die Sache genau umgekehrt – und es gibt sogar eine moralische Pflicht zur Aufzeichnung, sofern die Möglichkeit dazu besteht? Welche moralischen Gründe sprechen für einen Bildverzicht – und welche für eine Bildpflicht?

Bildverzicht oder Bildpflicht?

Es mag verpönt sein, Bilder auf Grundlage moralischer Kategorien politisch zu bewerten. Ich aber meine: Ein verantwortungsvoller Umgang mit den Folgen der Katastrophe kann sich um die Frage nach den moralischen Folgen dieser Bilder nicht drücken. Auch ein klimapolitischer Paradigmenwechsel fällt nicht vom Himmel – er muss errungen, durch demokratische Verfahren legitimiert und somit stets neu begründet werden. Wer vor diesem Hintergrund den Bildern der Katastrophe ein politisches Gewicht zuspricht, muss sich auch ihren gesellschaftspolitischen Bedeutungen bewusst sein. Darauf zu hoffen, dass für manche die Bilder schon bald wieder in Vergessenheit geraten sein mögen, würde bedeuten, das durch sie dokumentierte Leid auszublenden. Bilder machen noch keine Politik – aber eine Politik, die auf das Verschwinden von Bildern setzt, verspielt Glaubwürdigkeit.