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Wieder vernässtes Hochmoor, mit Wasserflächen und Grasinseln vor dem Bergwald. Der Wendelstein im Hintergrund,

Wenn Moore renaturiert werden, hilft das dem Arten- und Klimaschutz: eine "naturbasierte Lösung".

Bildrechte: 25.05.2021
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    Berliner Erklärung: Mit naturbasierten Lösungen Arten retten

    Der Weltnaturgipfel im chinesischen Kunming steht kurz bevor. Deutschland könnte dabei eine Vorreiterrolle spielen, sagen nun Forscher in einer "Berliner Erklärung". Ein wichtiger Faktor: naturbasierte Lösungen. Was ist das und wo sind deren Grenzen?

    Von
    Yvonne MaierYvonne Maier
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    Es sei eine "Zwillingskrise", der Klimawandel und das Artensterben, so die 40 Erstunterzeichner der "Berliner Erklärung", die am 19. Mai vorgestellt wurde. 30 Jahre ist es her, dass die Internationale Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt unterzeichnet wurde. Ein Anlass, die deutsche Politik in die Pflicht zu nehmen, so Johannes Vogel, Generaldirektor des Naturkundemuseums Berlin. Und weil Deutschland gerade die G7-Präsidentschaft innehabe, komme dem Land "eine herausragende Rolle zu."

    Einer der vielversprechenden Ansätze, beide Probleme gleichzeitig anzugehen, seien "naturbasierte Lösungen". Was ist das genau?

    Naturbasierte Lösungen

    Das IUCN, die Weltnaturschutzorganisation, aber auch die EU-Kommission haben naturbasierte Lösungen folgendermaßen definiert: "Lösungen, die von der Natur inspiriert und unterstützt werden, die kosteneffizient sind, gleichzeitig ökologische, soziale und wirtschaftliche Vorteile bieten und zum Aufbau von Resilienz beitragen." Darunter fallen zum Beispiel Moore, die wieder vernässt werden. Oder renaturierte Korallenriffe.

    Klement Tockner von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung hat die Berliner Erklärung mitunterzeichnet und vorgestellt. Die Überschwemmungen im vergangen Jahr in Westdeutschland zeigten, wie wichtig naturbasierte Lösungen für die Gesellschaft seien: "Renaturierung von Flüssen, die Wiedervernässung von Mooren, der Umbau der Wälder, alles das erhöht den Rückhalt von Wasser in der Landwirtschaft und die Widerstandskraft gegenüber Hochwasserereignissen." Ein Mischwald könne 200 Liter Wasser pro Quadratmeter speichern, eine Monokultur nur 60 bis 70 Liter und ein Ackerboden gar nur 20 Liter. Doch zugleich speichere ein Mischwald auch Kohlenstoff, habe einen höheren Freizeitwert und helfe der Artenvielfalt.

    Moorflächen sind dafür ebenfalls wichtig und speichern in Deutschland genauso viel Kohlenstoff wie Wälder. "Obwohl Moore nur vier Prozent der Landfläche bedecken und Wälder 30 Prozent", so Klement Trockner. Naturbasierte Lösungen seien auch vergleichsweise kostengünstig.

    Wichtig ist den Unterzeichnern und Unterzeichnerinnen der Berliner Erklärung: Die CO2-Emissionen müssen trotzdem drastisch reduziert werden, um das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen.

    Forderungen der Berliner Erklärung

    Das Zukunftsbild, das die Berliner Erklärung zeichnet, ist düster: Machen wir weiter wie bisher, werden Millionen Tier- und Pflanzenarten im Jahr 2030 ausgestorben sein. Ganze Ökosysteme werden bis dahin verschwunden sein. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, stellen die Forschenden konkrete Maßnahmen vor zum Schutz und Wiederaufbau von Ökosystemen.

    Einerseits geht es in der Berliner Erklärung darum, dass Deutschland die finanzielle Hilfe und Unterstützung des globalen Südens für den Klima- und Artenschutz auf zwei Milliarden Euro erhöht. Im Koalitionsvertrag sind bislang 800 Millionen Euro dafür vorgesehen. Zweitens solle sich die Bundesregierung beim Weltnaturschutzgipfel dafür einsetzen, dass bis "2030 global 30 Prozent der Land- und Meeresflächen wirksam geschützt und weitere 20 Prozent renaturiert werden." Der Legacy Landscape Fund, den Deutschland 2020 gegründet habe, könne darüber hinaus große Wirkung entfalten und bis zu eine Milliarde Euro von privaten Geldgebern mobilisieren. "Statt bisher sieben, könnten so global bis zu 100 Großschutzgebiete dauerhaft für zukünftige Generationen gesichert werden."

    Auch sollen Lieferketten so gestaltet werden, dass sie die Natur in den Produktionsländern selbst nicht weiter zerstören. Die Unterzeichner schlagen weiterhin vor, dass umweltschädliche Subventionen in der Höhe von 67 Milliarden Euro jährlich "radikal abgebaut oder naturgerecht umgestaltet werden". Das betrifft zum Beispiel den Verkehr, die Landwirtschaft, den Energie- und Gebäudesektor.

    Zuletzt soll sich Deutschland dafür einsetzen, dass der Weltklimarat (IPCC) und der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) eine Arbeitsgruppe einsetzen, die den strategischen Rahmen für naturbasiere Lösungen weltweit und auch national erarbeitet.

    Schwächen der naturbasierten Lösungen

    Beim Weltklimagipfel COP26 im Jahr 2021 in Glasgow waren die "naturbasierten Lösungen" auch ein Thema. Sie gelten als Baustein für Klimapolitik. Doch es gibt auch Schwächen dieses Ansatzes. Kritiker sagen einerseits, dass vor allem der Klimawandel durch naturbasierte Lösungen nicht dauerhaft aufgehalten werden könne - wenn nicht gleichzeitig alles getan wird, um den CO2-Ausstoß zu verringern. Eine Forderung, der die Berliner Erklärung Rechnung trägt.

    Andere sagen, dass man die Natur nicht ausschließlich in Bezug auf ihren Nutzen für die Menschen betrachten dürfe. Der Schutz der Artenvielfalt und der Umwelt sei ein Wert an sich.

    Weiterhin könnte der Begriff auch leicht zum "Greenwashing" verwendet werden, so Prof. Doreen Stabinsky vom College of the Atlantic (USA) in einer Übersichtsarbeit zu naturbasierten Lösungen. Zwar definierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehr genau, was naturbasierte Lösungen genau seien - doch Energie- und Wirtschaftsunternehmen erstellten ihre eigenen naturbasierten Lösungen.

    Die Unterzeichner der Berliner Erklärung sind aber der Ansicht, dass das die Politik nicht vom Handeln abhalten sollte: "Die Frage des Greenwashing ist natürlich eine fundamentale Frage, die man von Fall zu Fall natürlich ganz betrachten muss." Sonst könnten naturbasierte Lösungen ihre "wirkmächtige Umsetzung" nicht entfalten. Doch die Forscher bleiben optimistisch, so Johannes Vogel, Generaldirektor des Naturkundemuseums Berlin: "Ich glaube, es liegt im ureigenen Interesse einer dynamisch agilen Wirtschaft, sich diesen Herausforderungen zu stellen und Teil der Lösungen zu werden."

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