Verena Güntner über Mental Load In vollem Bewusstsein: mittelmäßig

Drei Schriftstellerinnen wagen für uns Ausflüge ins Utopische: Saskia Hennig von Lange, Karosh Taha und Verena Güntner. Hier eine sehr aktuelle Vision von Verena Güntner. Sie heißt: Mittelmäßigkeit

Von: Verena Güntner

Stand: 05.03.2021 | Archiv

Autorin in Bomberjacke | Bild: Stefan Klüter/Dumont

Die Berliner Schaubühne veranstaltet seit mittlerweile einundzwanzig Jahren eine mehrmals jährlich stattfindende Gesprächsrunde zu drängenden Fragen unserer Zeit. Moderiert wird die empfehlenswerte Reihe STREITRAUM von der Publizistin Carolin Emcke. In der letzten Ausgabe mit dem Titel "Corona und der Backlash für Frauen" war auch die Journalistin und Autorin Teresa Bücker zu Gast. Angesprochen auf die Frage, warum sich Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern in der Pandemie vertieft hätten und warum auf Frauen ein deutlich größerer Druck laste als auf Männern, sagte sie etwas, das sich mir seither eingeprägt hat: In unserer Kultur sei ein Bewusstsein darüber, dass es auch reiche, eine mittelmäßige Mutter und Erwerbstätige zu sein, nicht vorhanden.

Mental Load der Frauen

Der Satz berührt etwas in mir - ich fühle mich ertappt. Wie die vieler anderer Mütter ist auch meine Angst, keine gute oder eben eine nur mittelmäßige Mutter zu sein. Zusätzlich ist mein Arbeiten oft selbstausbeuterisch im Sinne prekärer Arbeitsbedingungen. Jetzt in der Pandemie, die mich, meinen Partner und die drei Kinder zuhause zusammenpfercht, ist der selbstgerichtete Anspruch, trotz widrigster Umstände alles schaffen zu wollen, nur noch größer geworden.
Ich googele noch mal nach:

mittelmäßig
meist abwertend
nicht eigentlich schlecht, aber auch nicht besonders gut; nur durchschnittlich

Karosh Taha bei der Lit.Cologne 2019 | Bild: Oliver Berg/dpa zum Artikel "Rojava" von Karosh Taha Der Kampf ist keine Option – er ist der einzige Weg

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Nur durchschnittlich also. Bücker aber hatte den Satz entlastend gemeint, als Gegenentwurf zum sogenannten Mental Load der Frauen, in der Krise und generell.
Mittelmäßigkeit, in diesen Zusammenhang gebracht, könnte etwas Erstrebenswertes sein. Er könnte uns vom ewigen Erwartungsdruck befreien, mit dem die Gesellschaft Mütter im Allgemeinen, erwerbstätige Mütter im Speziellen, belegt. Bei mir löst diese Perspektive Erleichterung aus. Ich verstehe die positive Umdeutung des Begriffs als eine Möglichkeit, es ab jetzt besser durch diese Zeit zu schaffen. Denn ich will keine Frau sein, die, wie gerne gesagt wird, „die Krise schultert“, indem sie bis zur Selbstaufgabe Arbeit und Kinderbetreuung stemmt. Ich will auch keine Mutter sein, die es den Kindern so schön wie möglich macht und sich selbst dabei vergisst. Ich lehne diese Zuschreibungen ab und mir wird schlecht, wenn ich zu Ende denke, was sie aus mir machen wollen: eine Heldin der Krise, ein Opfer, das den Umständen trotzt. Ein willkommenes Narrativ, um Sorgearbeitende in ihrer Rolle zu halten.

Scheitern als Gemeinschaftsgefühl

Ich muss an meine zehnjährige Tochter denken, die mir bei einem Streit während des Homeschoolings vor ein paar Tagen den kindlich hellsichtigen Satz Ich hab mir diese Pandemie auch nicht ausgesucht! entgegen geschleudert hatte.
Sie hat recht. Ich hab mir diese Pandemie nicht ausgesucht, keine:r von uns. Ich hab mir nicht ausgesucht, meine Kinder zu Hause zu betreuen und während meiner Arbeitszeit unentgeltlich zu beschulen. Ich kann mich nur entscheiden, ab jetzt in vollem Bewusstsein eine mittelmäßige Mutter und Erwerbstätige zu sein, beziehungsweise anzuerkennen, dass ich schon längst eine bin. Und es wird reichen, wie Bücker im STREITRAUM sagte. Es wird sogar gut reichen für meine Kinder, die Arbeit und für mich.
Der veränderte Blick auf das, was ich "schaffe" und vor allem auf das, was nicht, wird meinen Alltag in der kommenden Zeit hoffentlich erträglicher machen. Er klammert aber nicht die Wut auf ein politisches System aus, das Care-Arbeitende in dieser Situation sich selbst überlässt und das die Bedürfnisse der Kinder schon weit vor der Krise hintan gestellt hat.
Scheitern als Gemeinschaftsgefühl schrieb mir neulich eine Freundin, die auch Mutter ist, und ballte zwei virtuelle Fäuste.

Ein Beitrag auf dem Bayern 2 Kulturjournal. Den Podcast können Sie hier abonnieren.