Streetart in München Kunst unter der Brücke

Die Museen haben gerade geschlossen. Aber eine Chance, sich Kunst anzuschauen, gibt es noch: Streetart. Ein Rundgang durch München.

Von: Marlene Thiele

Stand: 14.01.2021 | Archiv

„De gFOTZErten“, eine Gruppe von Münchner Streetart-Aktivistinnen in Aktion | Bild: BR

München, Donnersbergerbrücke - eine der meistbefahrenen Brücken Europas. Was viele der Autofahrer kaum ahnen: Unter ihnen befindet sich eine der größten Freiluftgalerien Deutschlands. Auf sämtlichen Pfeilern und Mauern, halb versteckt von parkenden Autos und Fahrrädern leuchtet Kunst. Der Laie würde die Wandmalereien als Graffiti bezeichnen – was nicht ganz falsch ist, aber es handelt sich um Streetart, erklärt der Künstler und Schriftsteller Martin Arz: "Streetart kam um 2000 herum auf. Der Begriff betont mehr den Aspekt draußen auf der Straße, aber auch Kunst. Graffiti wird heute eher nur noch das genannt, wo es tatsächlich um Schreiben geht. Wobei fast alle Künstler, mit denen ich schon einmal über diese Begrifflichkeit gesprochen habe, sagen: Ist mir doch wurscht, wie du es nennst!"

Martin Arz ist Künstler und Buchautor. Er hat unter anderem ein Buch über Streetart in München verfasst und macht Führungen – sofern die Pandemie es zulässt. Die Donnersberger Brücke gehört zu den Hotspots der Streetart-Szene, erklärt Arz: "Es ist ein Riesenareal wo man Streetart und Graffiti in allen möglichen Stilrichtungen findet. Da sind sowohl Oldschool da als auch ganz moderne, ganz verrücke Sachen. Völlig Abstraktes genauso wie Figuratives. Das macht dieses ganze Areal natürlich spannend."

Schmierereien? Kunst!

Erste Graffiti in München von Konrad Kittel

Keine der Waldmalereien ist illegal. 2012 hat die Stadt München das Areal zur Gestaltung an die Graffiti-Vereinigung Writers Corner Munich vergeben, die die Flächen unter sich aufgeteilt haben. 2016 und 2020 kamen weitere Mauern hinzu, außerdem wurden zerstörte Kunstwerke erneuert. Zerstört wird die Streetart einerseits durch Witterung, anderseits durch Schmierereien – auch mit der Spraydose, aber nicht genehmigt und ohne künstlerischen Anspruch. Sie sind der Grund, weshalb es die Freiluftgalerie unter der Brücke überhaupt gibt, erklärt Martin Arz: "Das bei der Stadt zuständige Referat ist das Baureferat. Wenn Pfeiler und auch Unterführungen an Streetart-Künstler freigeben werden, so haben die Zuständigen festgestellt, dann werden diese sogenannten Schmierereien zumindest für eine Zeitlang verhindert."

Writers Corner Munich gibt die Flächen natürlich nicht einfach irgendwem. Hier verewigen sich die großen Namen der Szene. Direkt über den Fahrradparkplatz prangt das Bild eines riesigen Bolzenschneiders. "Easy Rider" lautet der Titel. Der Künstler, Zot One, gehört zu den bekanntesten Street Artists Münchens und wird auch international gebucht. Weitere Namen: Loomit und WON ABC. Die Streetart-Szene wird von Männern dominiert. Aber nicht ausschließlich.

Frauen sind selten in der Szene

Beastie gehört zu den wenigen Frauen hier in München, die bekannt sind und sehr viel arbeiten: "We are all mad here": Das ist Alice im Wunderland, ein typisches Motiv für die Künstlerin, die immer Prinzessinnentypen oder Mädchen mit sehr großen Kulleraugen malt. Ein Spiel mit weiblichen Klischees. Nur wenige Streetart Künstler und Künstlerinnen können von ihrer Kunst leben. Die meisten haben einen anderen Brotjob, oft in der Kreativbranche, es gibt aber auch sprayende Lehrer oder Psychologen. Insgesamt ist die Szene gar nicht so jung, wie man vermuten würde, sagt Martin Arz: "Die Graffiti-Bewegung kam ja Ende der 70er Anfang der 80er aus den USA so als neue Jugendbewegung nach Europa. Damals, da gab es in Europa ein paar Zentren, wo es so richtig losgegangen ist. Das war natürlich London, das war Paris, das war Amsterdam und – München!"

München müsste mehr tun

MUCA Museum of Contemporary and Urban Art in München

Den Weltrang hat München inzwischen verspielt, aber es gibt immer noch einiges zu entdecken, etwa an der Tumblinger Straße, im Schlachthofviertel und im Werksviertel. Sehenswert sind auch die Unterführungen an der Isar. Besonders die der Luitpoldbrücke, unweit des Friedensengels. Laut Martin Arz findent man Streetart in der Regel nicht in den schicksten Ecken: "Es ist laut, es ist stinkig mitunter, es ist vermüllt, es ist ein bisschen spooky. Man sieht auch nicht immer alles, weil es zugeparkt ist oder etwas davorgestellt ist. Man geht eben nicht in eine Galerie, sondern man muss sich das ein bisschen erarbeiten."

Viele ehemalige Streetart-Paradiese mussten bereits der Münchner Bauwut weichen. Arz erinnert sich an die ehemalige Bundeswehr-Kaserne an der Dachauer Straße, wo jeder legal malen konnte wie er wollte. Später gab es ein Gebäude am Heimaranplatz, was dann abgerissen wurde. Arz findet, München hat einiges zu bieten, aber es müsste noch weitaus mehr ermöglicht werden: "Dass eine Stadt wie München das so vernachlässigt, ist wirklich erschütternd. Das sagen auch alle, die sich auskennen. Natürlich kann man viel, was da mal war, vorweisen. Aber es müsste jetzt etwas geschaffen werden. Es fehlt einfach die Möglichkeit, dass Künstler sich legal austoben können. München braucht mehr Mauern!"

Der Beitrag lief am 14.1. im KulturLeben auf Bayern 2.