Pop in der Klimakrise Coldplay: Zwischen Nachhaltigkeit und Greenwashing

2019 versprachen Coldplay, erst wieder auf Tour zu gehen, wenn dies nachhaltig möglich sei. Nun zeigt sich: Die Band hat nicht nur ihre Ziele verpasst, sondern verschafft auf ihrer Tour klimaschädlichen Firmen ein grünes Image.

Von: Quentin Lichtblau

Stand: 06.07.2022 | Archiv

02.07.2022, Hessen, Frankfurt/Main: Chris Martin, Gesang, Klavier, Rhythmusgitarre, steht auf der Bühne. Die Rockgruppe Coldplay gibt ein Konzert im ·Deutsche Bank Park·. Es ist das erste Konzert in Deutschland der "Music Of The Spheres World Tour·. Foto: Andreas Arnold/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Band Coldplay +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Andreas Arnold

Egal ob Öl-Konzern, Bundesregierung oder Künstler: Wer heute in der Öffentlichkeit gut dastehen will, verpflichtet sich - trotz eventueller geschäftlicher Interessenkonflikte - stets der Nachhaltigkeit. Und dass ein Chris Martin, Pathos-König des spätkapitalistischen Stadionrocks, dabei nicht unbedingt zu Bescheidenheit neigt, war bereits Ende 2019 klar. Er und seine Band Coldplay hatten damals, zufälligerweise exakt zum Erscheinungstermin eines neuen Albums, versprochen: "Wir nehmen uns die nächsten ein oder zwei Jahre Zeit, um herauszufinden, wie unsere Tour nicht nur nachhaltig, sondern auch nützlich sein kann. Wir wären enttäuscht, wenn sie nicht klimaneutral wäre."

Und auch wenn Martins Weltverbesserungs-Pop in seiner Reflektiertheit inhaltlich in etwa so diffus ist, wie die Arbeit eines Nachhaltigkeitsbeauftragten bei Shell, war das eine ziemlich konkrete Ansage: Keine Tour über zig Kontinente, keine auf 32 Trucks transportierte Riesenbühne, keine Pyro-Konfetti-Orgien, keine LED-Wegwerfarmbänder für die Zuschauer, bis die Sache mit der Nachhaltigkeit geklärt ist.  

Zeigen, was möglich ist

Nun, zwei Jahre und eine Pandemie später, spielen Coldplay in diesen Tagen Konzerte in Frankfurt und Berlin. Und es stellt sich natürlich die Frage, ob die Band ihr Versprechen von 2019 eingelöst hat. In einem Beitrag des ZDF konnte man die Ergebnisse der mehrjährigen ökologischen Sinnsuche bewundern: Ein pyrotechnisches Flammenmeer, blitzende LEDs in den Händen der Zuschauer, Chris Martin, der auf einem Bühnenboden herumspringt, der gewissermaßen aus einem einzigen großen Bildschirm besteht, und dabei von einer "Higher Power“ singt. Nach diesen Bildern erfährt man, wo diese mysteriöse Power herkommen soll: Auf einer Bühnentraverse kreist ein winziger Propeller, der per Windenergie bereits vor dem Konzert Strom erzeugt. Wir sehen einige Solarpanele sowie Kinder auf festgeschraubten Fahrrädern, die mit ihren gewaltigen Kräften ebenso die Energiebilanz des Konzerts aufbessern. Daneben ein Häufchen Menschen, das durch Hüpfen und Tanzen die Batterien eines "kinetischen Dancefloors" auflädt. Und wir erfahren, dass die LED-Bändchen jetzt in Teilen aus kompostierbarem Material bestehen – und sogar wiederverwendet werden!

Auch wenn Martin diese Coldplay-Tour im Beitrag als "Expo für neue Ideen“ bezeichnet, wirkte diese kleine Gadget-Show eher wie ein aus der Zeit gefallener Remix der frühen Zehnerjahre, als man noch dachte, dass sich die globale Klimakrise durch Mülltrennung und den Kauf einer Bambus-Zahnbürste ganz lässig von zu Hause aus lösen ließe. Der ZDF-Beitrag schließt ziemlich angetan mit den Worten: "Coldplay zeigen, was möglich ist!“.

Der gute Wille zählt

Stimmt, immerhin tun die was, könnte man nun sagen. Auch wenn noch nicht alles perfekt ist, der gute grüne Wille zählt, und aus Umweltgründen gar keine Konzerte zu spielen, wäre ja auch keine Lösung. Wer aber etwas genauer hinsieht, findet heraus, dass Coldplay nicht nur ihr hoch gestecktes Ziel der Klima-Neutralität deutlich verpasst haben dürften, sondern offenbar auch einen gehörigen Aufwand betreiben, um klimaschädlichen Akteuren ein grünes Image-Update zu verpassen. Um ihre Emissionen zu reduzieren, hat sich die Band mit dem finnischen Mineralölkonzern Neste zusammengetan. Der behauptet von sich, der größte Produzent von Bio-Kraftstoffen zu sein. Coldplay wiederum geben auf ihrer Website an, durch die Zusammenarbeit mit Neste 50 Prozent weniger Emissionen zu erzeugen als bei vorherigen Touren. 

Laut einer Studie der Umweltorganisation Milieudefensie hat Neste für die Herstellung seiner Stoffe aber mit Palmöl-Zulieferern gearbeitet, die in den Jahren 2019 und 2020 mehr als 10000 Hektar Regenwald in Indonesien und Malaysien abgeholzt haben. Coldplay sprichen von einem Deal, der ausschließlich auf Kraftstoffe aus Abfallprodukten abzielt – wobei sich die tatsächliche Zusammensetzung der Stoffe nicht unabhängig überprüfen lässt und im Zweifel auch Abfälle aus der Palmöl-Produktion als nachhaltiges Recycling-Produkt durchgehen.  

Diese letzten Endes ziemlich undurchsichtige Zusammenarbeit mit Neste kritisierte ein Experte der europäischen NGO-Dachorganisation für Transport und Umwelt bereits im Mai: "Coldplays Engagement, Emissionen zu reduzieren ist natürlich ehrenwert. Aber dass sie dabei mit einem Konzern arbeiten, der mit Abholzung zu tun hat, macht sie zu nützlichen Idioten für dessen Greenwashing.“  

Make Earth Cool Again

Eine weitere Firma, die außerhalb der Coldplay-Stadien und Promotexte eher nicht als Klimafreund bekannt ist: BMW. Die Batterien, die durch die Fahrräder und Tanzflächen-Pads gefüllt werden, stammen vom bayerischen Automobilhersteller, es handelt sich um 40 aussortierte Speichereinheiten des Elektromodells i3. Die Band bedankte sich dafür öffentlichkeitswirksam, die BMW-Technologie werde helfen, ihre "Live-Auftritte nahezu vollständig mit erneuerbarer Energie zu betreiben". Wie auch bei Neste taucht der Name BMW prominent auf der Coldplay-Website auf, die Firma selbst spricht von einer "langfristigen Zusammenarbeit" mit Coldplay, die den Auto-Hersteller "dabei unterstützen wird, alles, was wir tun, so nachhaltig wie möglich zu gestalten".

In einem Werbevideo von 2021 sieht man folgerichtig Elektro-SUVs von BMW zwischen Menschen mit "Make Earth Cool Again"-Shirts herumfahren, der Soundtrack dazu: "Higher Power“ von Coldplay. Dessen Text wirkt so, als wäre er geradezu für den Spot gedichtet worden: "This joy is electric and you're circuiting through. I'm so happy that I'm alive at the same time as you.” Aber wer weiß: Vielleicht ist mit dieser “Higher Power” ja auch die geballte Lobbyisten-Kraft gemeint, mit der BMW bis zuletzt das europaweite Aus für Verbrennermotoren im Jahr 2035 verhindern wollte. 

"Das Wichtigste ist: Wir versuchen unser Bestes", sagt Chris Martin im ZDF-Beitrag. Das mag im Zweifel sogar stimmen. Vielleicht sollten Coldplay sich bei der nächsten großanlegten Zwei-Jahres-Tourpause auf etwas anderes konzentrieren: Bescheidenheit.