Bayerische Science Fiction Passau nach der Apokalypse: Wieder Mittelalter?

Was, wenn eine Pandemie den Großteil der Menschheit tötet? Was, wenn zu wenige Menschen, zu wenige Spezialist:innen übrig bleiben, um eine hochtechnologisierte, arbeitsteilige Gesellschaft am Laufen zu halten? In "Der Untergang der Stadt Passau" spielt Carl Amery einige Möglichkeiten durch, die dann noch bleiben könnte. Seine düstere Science Fiction - mit vielfältig bayerischem Einschlag - lieferte schon im Jahr 1975 Fragen, die sich knapp 50 Jahre immer noch stellen.

Author: Katja Huber und Kathrin Reikowski

Published at: 22-7-2021

Schwarz-vermummte Personen mit Blick auf Stadt | Bild: picture alliance/imagebroker

Was, wenn eine Pandemie den Großteil der Menschheit tötet? Was, wenn zu wenige Menschen, zu wenige Spezialist:innen übrig bleiben, um eine hochtechnologisierte, arbeitsteilige Gesellschaft am Laufen zu halten? In "Der Untergang der Stadt Passau" spielt Carl Amery einige Möglichkeiten durch. Seine düstere Science Fiction - mit vielfältig bayerischem Einschlag - lieferte schon im Jahr 1975 Fragen, die sich knapp 50 Jahre später immer noch stellen.

Europa ist - im Jahr 1981 - Opfer einer verheerenden Pestepidemie geworden. Nur 50.000 Menschen in ganz Europa haben überlebt - viel zu wenige, um den technischen und kulturellen Lebensstil aufrechtzuerhalten.

"Kommt's nach Passau. Wir haben eine Chance. Zusammen wissen wir genug, oder lernen wir genug, dass es wieder eine Stadt gibt" - ein Ruf, den ein halb Belesener, halb Tu-Nicht-Gut aus einem Megaphon schreit. Viele folgen ihm, dem Erwin aus dem Ruhrpott, verlassen ihre Höfe und Häuser in den ausgeplünderten Ruinenfeldern der Städte.

Und Passau beginnt zu gedeihen: Dort gibt es dann nicht nur den Veltliner aus der Zeit vor der Pandemie, sondern auch einen öffentlichen Bus, eine Druckerei, eine Stadtverwaltung, Autos für Privilegierte und Elektrizität, während der Rest Europas im Dunkeln bleibt. Doch der Wohlstand funktioniert nur, wenn übrig gebliebene Technik aus der Zeit vor der Pest zusammengerafft wird und die besten Ressourcen der Umgebung abgezogen werden. Und freilich braucht es auch einen autokratischen Herrscher. Aus Erwin aus dem Ruhrpott wird der "Scheff" in Passau.

Soll die Stadt so weitermachen - die Vorzüge von Elektrizität, Mobilität, Verwaltung genießen? Oder wie das Umland in eine mittelalterliche Lebensweise zurückfallen?

Carl Amery war Gründungsmitglied der Grünen

Carl Amery veröffentlichte "Der Untergang der Stadt Passau" im Jahr 1975, unter den Eindrücken der Ölkrise von 1973. Der Hauptstrang seines Romans spielt im Jahr 2013, als sich zwei Männer - Vater und Ziehsohn - aus Rosenheim auf den weiten Weg nach Passau machen, um die Geheimnisse der weithin bekannten Stadt auszukundschaften. Nur der Vater weiß noch, wie das Leben vor der Pest im Jahr 1981 war. Er ist es dann auch, der die Machenschaften des Bürgermeisters entlarvt als Hybris, der der Fall unweigerlich bevorsteht .

"Erst die Entschlossenheit der Neuzeit, mit den
alten fortschrittshemmenden Mächten, also mit der Natur und mit unzweckmäßigen mythischen, magischen, religiösen
Welterklärungen Schluß zu machen, hat uns, der Spezies Homo Sapiens, die absolute Art-Überlegenheit beschert - aber damit auch schon das Problem und, letzten Endes, die
Gewißheit des Untergangs."

(Carl Amery in seiner Rede, Das ökologische Problem als Kulturauftrag, 1988)

Amery war Umweltaktivist und Gründungsmitglied der Grünen. Er wurde als Christian Anton Mayer in München geboren und verbrachte einen großen Teil seiner Gymnasialzeit in Passau. Nicht nur die Epidemie steht im Zentrum seines Science Fiction-Romans: Die Ressourcen werden knapp, die "Zivilisationen gehen unter".

Amery sieht Naturschutz als Kulturauftrag: Die Beziehungen sind die "Natur"

Die Dualität von Mensch und Natur aufheben, forderte Amery in einer Rede zur Eröffnung des Studiengangs Ökologie an der Uni Oldenburg. Im Jahr 1988 formulierte er Thesen, die etwa für Kulturanthropologen erst in den 2020ern zur Theorie werden: "Die Natur ist [...] keine Summe, sondern ein Gebilde von höchst komplizierten Wechselbeziehungen. Nicht die Arten, sondern ihre Beziehungen sind letzten Endes "Natur"; und innerhalb der Arten nicht die Individuen, sondern das, was man reichlich kaltschnäuzig den "Gen-Pool" zu nennen gelernt hat: die Summe der angelegten Möglichkeiten. Das vielzitierte "Recht des Stärkeren" ist in solchem Zusammenhang eine fast lächerliche Angelegenheit - oder eine ziemlich gefährliche Angelegenheit für diesen Stärkeren selbst", sagte Amery - und folgerte: "Dieser Stärkere befindet sich ungefähr in der Lage eines Angestellten, der solange befördert wird, bis er die Stelle einnimmt, für die er nicht mehr begabt ist. Sein Sturz ist dann vorauszusehen." Der Mensch schütze nie die Umwelt, sondern nur sich selbst, warnte Amery schon Ende der 1980ger Jahre, als der Klimawandel erst langsam Begriff wurde.

Er sah nur einen Ausweg - denn die Natur zu schützen aus rein ökonomischem Interesse wollte er nicht gelten lassen: "Diesem Kulturpessimismus haben wir eine überraschende Einsicht entgegenzusetzen - die Einsicht nämlich, daß die Bewahrung der Natur, die Bewahrung einer bewohnbaren Umwelt selbst eine Kultur-Leistung ist und sein muß."

"Objektiv, d. h. von der Perspektive der Spezies Mensch aus, sind die Aussichten in der Tat schlecht. Aber menschliche Kultur und menschliche Politik haben noch nie davon gelebt, daß sie ihre Wirkung von mathematisch berechenbaren Kriterien abhängig machten. Der Mensch ist ein Spieler, und als Spieler hat er durch die Jahrtausende immer neue Würfe und Entwürfe gewagt."

(Carl Amery)

"Das Wagnis, vor dem wir stehen, ist das größte seit Entfaltung menschlicher Hochkultur überhaupt. Es erfordert eine absolut erstmalige Leistung von uns; eine Leistung, die nur wir als Menschen erbringen können, und die jeder anderen Spezies versagt ist: die kulturelle Kontrolle des Ausdehnungdrangs, der zu den ursprünglichsten Werkzeugen der Evolution gehört, und die kulturelle Überwindung der Erkenntnis- und Aktionsgrenzen, die aus unserer Artgeschichte hervorgehen.

Fragt nicht, ob wir die Aufgabe schaffen können, forderte Amery seine Zeitgenossen auf. Sondern packt die Aufgabe an: "Das, was sie an Herausforderungen enthält, müßte eigentlich genügen, um uns das Leben lebenswert zu machen; müßte genügen, am Ausgang des Jahrtausends unendliche Felder politischer und kultureller Tätigkeit zu eröffnen."

Nicht nur Corona: Amery-Hörspiel als Kapitalismuskritik und Infragestellung von Wirtschaftsentwürfen

Corona, die Pest, Apokalypse in Passau: eine Steilvorlage für ein BR-Hörspiel aus dem Jahr 2021 - eigentlich. "Ich hätte den Eindruck gehabt, den Stoff kleiner zu machen, wenn ich ihn nur auf die Corona-Pandemie hingedeutet hätte", sagt Regisseurin Bernadette Sonnenbichler, die für den BR schon "Der Ewige Spießer" von Ödön von Horvath bearbeitet hatte.

""Der Untergang der Stadt Passau" erlaubt - wie jedes Stück guter Literatur - vielfältige Deutungsmöglichkeiten. Man kann ihn als Kommentar zur Pandemie lesen, aber ebenso gut als Kommentar zur Umweltzerstörung, als Kapitalismuskritik oder noch allgemeiner als Infragestellung politischer Gesellschafts- oder Wirtschaftsentwürfe." Man könne vieles hineindeuten, meint sie - die Aktualität der Themen Amerys erschreckten sie bei der Beschäftigung mit dem Roman. Auch Antworten fand sie, für sich, "weil der Roman die psychologischen Aspekte hinter gesellschaftlichen Entwürfen aufdeckt".

Im Hörspiel entsteht in atmosphärischen Episoden und Sounds das Bild einer dem Untergang geweihten Stadt und deren grotesken Bemühungen, sich als Leuchtturm zu inszenieren. Ressourcenknappheit und -verschwendung waren für Amery schon 1975 ein drängendes Thema.

Für Sonnenbichler könnte "Der Untergang der Stadt Passau" zur Pflichtlektüre werden: "Er beschreibt das politische Verhalten des Menschen, das diese Art der Ausbeutung überhaupt erst ermöglicht. Dazu gehören individuelle Gier und krisenhafte Sicherheitsbestrebungen genauso wie strategische oder auch kriegerische Vorteilsnahme von Einzelnen."