Meinung: Corona-Fasching Warum Homeschooling auch eine Art Karneval ist

Der Lockdown geht nochmal in die Verlängerung – und damit für viele auch das Homeschooling im Homeoffice. Warum stöhnen jetzt wieder alle auf? Ist es nicht schön, wenn aus Familien Bürogemeinschaften werden?

Von: Andrea Mühlberger

Stand: 20.01.2021 | Archiv

Die Anwohner im Wohngebiet Altes Bergfeld wollen mit der Aktion auf ihre langsame Internetverbindung aufmerksam machen, die gerade im Online-Unterricht, Homeoffice und bei Videokonferenzen zur Belastung wird | Bild: Ole Spata/dpa/picture alliance

Geschlossene Schulen bis Mitte Februar. Ernst jetzt? Haben Sie auch gedacht, da ist nun aber endgültig Schluss mit lustig? Dabei geht der Spaß doch jetzt erst richtig los! Hölle, Hölle, Hölle – höre ich immer mehr Eltern klagen. Was haben die eigentlich? Ist doch Fasching! Nur dass statt Gaudiwurm in der Pandemie die mutierten Viren fröhlich durch die leeren Gassen tanzen – und der Karneval findet daheim statt. Konfettiiiii!

Homeschooling gegen Homeoffice

Nein, nicht Meerjungfrauen und Einhörner gegen Piraten. Homeschooling gegen Homeoffice heißt unsere Motto-Party im Corona-Fasching. Lustig, gell? Falls Sie jetzt nur gequält lachen können, haben Sie schon ein Familien-Trauma, ausgelöst durch die groteske Umkehrung der Verhältnisse bei Ihnen daheim. Früher hielt mein Vater immer die Fernbedienung in der Hand. Heute muss ich mich unter die Bittsteller einreihen – ja, demnächst darfst Du auch mal ans Notebook.

Mein Rat: Sie müssen ja nicht gleich nach dem Aufstehen einen melancholischen Blick in ihr früheres Arbeitszimmer werfen und  sich so den Tag vermiesen lassen, weil der schnellste Rechner wieder bis zum Nachmittag besetzt ist. Machen Sie sich erstmal in Ruhe einen Kaffee. "Entspannte Eltern, entspannte Kinder", rät die Therapeutin. Ansprüche runterschrauben, gelassen bleiben. So wie es uns der bayerische Kultusminister Piazolo vorlebt. Aber trotz seiner salbungsvollen Ratschläge wurmt mich die ganze Situation: Wäre ja schon schön, einen funktionierenden Arbeitsplatz zu haben, wenn Homeoffice zur Pflicht wird. 

Die Familie als Bürogemeinschaft

Klar, der Junge muss jetzt Mathe machen! Dann Latein, Religion, Kunst, Deutsch… Macht er überhaupt Mathe? Oder chattet er mit Lulu? Lästert er im virtuellen Nebenraum über die Biologie-Lehrerin? Zockt er mit Freunden, weil er es nicht mehr aushält, wie lange der Lehrer braucht, um auf Teams zwei Punkte miteinander zu verbinden?

"Mann, geh endlich raus, Mama!" – "Dabei wollte ich dir nur einen Kakao bringen!" – "Cool – und noch ein Müsli!" So ist das eben im Homeoffice-Karneval 2.0: Wenn aus Familien Bürogemeinschaften werden, aus Schulkindern Zoom-gesteuerte KIs und aus erwerbstätigen Eltern Hausangestellte und ehrenamtliche Pädagogen.

Verkehrte Welt auch im Wohnzimmer: Dort übt sich unsere siebenjährige Tochter gerade in "Selbstwirksamkeit" (so nennen das Therapeuten, wenn Kinder bestimmte Dinge versuchen dürfen) und diskutiert mit ihrer ersten Klasse über den lustigsten Hintergrund bei Zoom (wer arbeitet bitte schon mit Mebis?) . Leider auch hier in den nächsten Stunden keine Aussicht auf einen Arbeitsplatz mit stabilem W-LAN. "Mama, wann gibt es eigentlich Mittagessen?!"  

Homeoffice – eine Parodie von Arbeit?

Irgendwie erschütternd, mit welcher Selbstverständlichkeit die Kinder unsere bequemen Bürosessel und Laptops gekapert haben, während wir uns mit Rückenschmerzen über Kindertische krümmen oder in der Küche sitzen, eingeklemmt zwischen Bügelwäsche und schmutzigen Geschirrtürmen. Aber können die lieben Kleinen was dafür? Wurden sie nicht auch zum Homeschooling verdonnert? Hilfe, ich habe meine Eltern geschrumpft! Auch Schneewittchen lässt grüßen.

Warum lassen wir uns diese Verzwergung eigentlich gefallen? Weil im Karneval einfach alles erlaubt ist? Das war schon während der antiken Saturnalien so – und natürlich bei den närrischen Umzügen und Volksfesten im Mittelalter, bei denen das Lachen eine kathartische Funktion hatte, das emotionale Überleben der Unterdrückten und Geknechteten sichern sollte: Die Lachkultur als Ausnahmezustand und Ventil, als Auszeit vom Alltag, als Durchhaltestrategie. Frei nach der Theorie des russischen Literaturwissenschaftlers Michail Bachtin hat unser Rollentausch im Homeoffice eine lange Tradition, ist gelebter Karneval, bei dem unser Alltag zur Parodie geworden ist.

Zweisamkeit? Beim gemeinsamen Gang zum Zahnarzt

So wie beim mittelalterlichen Faschingstreiben Gegenstände und Personen des offiziellen religiösen und herrschaftlichen Kultes erniedrigt wurden, werden beim Homeschooling unsere familiären Verhältnisse auf den Kopf gestellt – von der Belagerung der Arbeitsplätze bis zur Entweihung unseres Ehebetts – dem idealen Platz zum Zocken. Versuchen wir die Kinder aus unserem Heiligtum zu vertreiben, zeigen sie uns die lange Nase – in der Karnevalstheorie übrigens ein Sexsymbol wie der Phallus (aber davon wissen sie zum Glück noch nichts). Auch das eine Herabwürdigung, schließlich dürfen Eltern im Lockdown vom ungestörten Kuscheln maximal träumen – geschweige denn von Sex! Als wir das letzte Mal unsere Zweisamkeit genießen wollten, sind wir gemeinsam zum Zahnarzt gegangen (Ich wünschte, ich würde übertreiben, aber leider nein, genauso war es…).

Aber ist das jetzt alles wirklich komisch? Im Mittelalter war der Karneval ein Zugeständnis der Herrschenden ans Volk. In der Corona-Krise verhält es sich genau umgekehrt: Unsere karnevaleske Bürogemeinschaft ist das Ergebnis eines jahrelangen Missmanagements im Kultusministerium und an anderen Stellen, einer verpeilten Personalpolitik an Schulen und Kitas. Es ist die Folge von krisenbedingten Regierungsbeschlüssen, die keinen Raum lassen für das mittelalterliche "befreite Lachen". Dieser Homeoffice-Karneval 2.0 ist eine einzige Groteske! Nicht mal unsere Kinder finden diese närrischen Zeiten noch lustig.

Karneval und Karnevalsutopie

Aber was wäre der Karneval ohne Karnevalsutopie? Im Mittelalter war sie gespeist von der Hoffnung, dass die umgekehrten Verhältnisse eines glücklichen Tages Realität werden, Diener nicht nur während der Faschingszeit in die Herrscherrolle wechseln, sondern Herrscher bleiben.  Die Utopie beim Homeschooling knüpft sich an die Erwartung, dass es spätestens nach den als Schule kostümierten "Faschingsferien" ein Ende hat: mit der feindlichen Besetzung unserer elterlichen Macht-Räume; mit der dreisten Aneignung unserer Machtmittel wie Laptop und Computer; mit unserer grotesken Verzwergung und Zurechtstutzung auf eine krisenaffine Bürogemeinschaft. Lasst uns endlich wieder als Familie zusammen leben und lachen! Doch dieser Corona-Fasching wirbelt alles durcheinander. Ein bayerischer Ministerpräsident mit der Maske des Kanzlerkandidaten. Vielleicht geht das Ganze ja auf Regierungsebene weiter? Ein Narr, wer beim Karneval nur ans Homeschooling denkt!