Bayerischer Universal-Dilettant Zum Tod von Herbert Achternbusch

Schriftsteller, Filmemacher, Biertrinker, Provokateur: Herbert Achternbusch war ein bayerischer Universal-Dilettant. Seine Filme und Texte sind radikal persönlich und treffen dennoch genau die Verhältnisse. Jetzt ist Achternbusch mit 83 Jahren gestorben.

Von: Franz Xaver Karl

Stand: 14.01.2022

Herbert Achternbusch | Bild: picture alliance / Effigie/Leemage | ©Effigie/Leemage

"Die letzte Freiheit eines Verzweifelten ist der Humor". So steht es bei Herbert Achternbusch.
Als ich nach München gekommen bin, da gab es die übliche institutionalisierte Kultur, die abgesegnete, geschleckte fürs Herzeigen aufpolierte Mainstream-Kultur. Und: Es gab Herbert Achternbusch. Da war einer, der was riskierte und der einem zeigte: Man kann doch was machen jenseits des Etablierten.
Da ist etwas, das einem direkt ans Herz greift. Etwas, das sofort Solidarität produziert. Wenn man Achternbuschs Texte liest, seine Filme anschaut, dann weiß man: Der macht was, das die Welt aufbricht. Filme und Texte, die einen sofort was angehen, die radikal persönlich sind und dennoch genau die Verhältnisse treffen.

Mit seiner Literatur, mit seinen Filmen scherte Achternbusch aus der bürgerlichen Tradition aus, er bewegte sich wie ein Minenarbeiter unter der Oberfläche der "großen" Literatur, der "großen" Filme, grub Tunnel und Stollen, schrieb und filmte im Keller der Literatur und des Kinos, dort, wo die Mäuse pfeifen.
Achternbusch schrieb auf großartige Weise eine kleine minoritäre, eigensinnige Literatur. Und genau so hat er seine Filme gemacht. Er versuchte eine eigene Sprache, eine "Sprache des Staubes auf den Gräsern, die Sprache der Erdschollen, die geeggt werden müssen, um Staub zu werden ... Staub auf der Schulter des Sonntagsanzugs ... Die Sprache, die flüstert, beim Gehen, du hast ein paar Körnchen zuviel im Kniegelenk, deshalb der Schmerz ".

"Alexanderschlacht" heißt sein erster Roman aus dem Jahr 1971. Alexander aus Makedonien, dem Bayerischen Wald der griechischen Antike, ist ein Hinterwälder. Die Sprache der Makedonier, zwar griechisch, aber für Zentral-Griechen kaum verstehbares, krachendes Kauderwelsch, ist eine minoritäre Sprache der Provinz. Achternbusch ist mit fünf Jahren zu seiner Großmutter in den Bayerischen Wald gekommen und dort aufgewachsen. Er stützte sich sehr stark auf diese kindliche RaumZeit. Er führte seither seine eigene Alexanderschlacht. Gegen herrschende Logik, Kausalität und Begradigung des Denkens stellte er die Aufrechterhaltung und Wiederherstellung eigensinniger, kleiner Denk-Provinzen.
"Ich entziehe mich dem Anspruch der Zivilisation", schreibt Achternbusch in "Was ich denke". "Ich bereue es, daß ich meine übrigen Schreibarbeiten mit Überschriften versah, sichtbaren Unterteilungen, ich ärgere mich über Abschlüsse von Durchgängen, ich möchte Rohre ineinanderlegen wie in der Kanalisierung, kein Platz zum Verschnaufen, zum Verweilen, keine Folgen, keine Gesichtspunkte, nur Grau der Sprache und Splitter realen Lichts, wie eine liegengelassene Schaufel an einem Aushub, da beweist es sich, daß es keine Wörter gibt, die wie Sprengladungen die Erde in die Luft reißen."

Franz Kafka hat gesagt: Ein Roman soll wie die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Und ich denke, es ist keineswegs vermessen, im Zusammenhang mit Achternbusch von Kafka zu sprechen. In seinen Tagebüchern hat Kafka eine Charakteristik kleiner Literaturen entwickelt. Es geht dabei um eine Literatur, die aus der bürgerlichen Literaturtradition ausschert und die sogenannte große, etablierte Literatur unterminiert.

Bei Kafka geht es dabei um die Schreibsituation eines Prager Juden zwischen der deutschen Schreib- und der tschechischen Alltagssprache. Herbert Achternbusch, im Bayerischen Wald aufgewachsen, befand sich in der Schriftsprache im Exil, er musste sich der Worte bedienen, die nicht nur ihm gehören, sondern auch der Polizei und der Geschichte. "Das Wort", heißt es in "Die Atlantikschwimmer", "ist ein schöner Diener / man darf nur nicht wissen, daß es auch als Polizeispitzel gedungen ist".

Sätze, die den Sprachschatz bereichern

Wunderbare, genaue, scharfe Sätze hat Herbert Achternbusch geschrieben. Sätze, die in unseren Sprachschatz eingegangen sind:
"Ein Mensch der lebt, will uferlos schauen."
"Man kann aber an der Welt nicht wie an einem Weltkrieg teilnehmen."
"Es ist ein Leichtes, beim Gehen den Boden zu berühren."
"Ich möchte nicht nur deswegen ein guter Künstler sein, weil das Publikum so schlecht ist."
"17 Jahre lang habe ich an einem Buch geschrieben ... DU HAST KEINE CHANCE ABER NUTZE SIE, so soll mein Buch heißen".
"Mit einem jeden Satz bin ich ein anderer."
"Ein jeder Film ist eine Oase."
"Alles ist Wüste. Wenige haben überlebt. Einer sucht Gott."
"Nur die verkommenste aller Künste, der Film, darf den Versuch wagen, unseren Nachkommen zu sagen, daß auch wir Menschen gewesen sind."
"Diese Gegend hat mich kaputt gemacht und ich bleibe so lange, bis man ihr das anmerkt."
"Nix ist besser als garnix."
"Kunst kommt von kontern, nicht von Können."

Im Zusammenhang mit Achternbusch kann ich auch von Artaud sprechen. Im Kurzschluss des Schreibens mit dem Begehren, wenn das Sprechen sich in der Gewalt des Körpers und des Schreis aufzulösen beginnt, wenn das Denken materielle Energie wird, Qual des Fleisches, Verfolgung und Zerrissenheit des Subjekts. Und ich kann von den Surrealisten sprechen, bei diesen typischen Achternbusch-Momenten von Rausch und Traum. "Im Weltgefüge lockert der Traum die Individualität wie einen hohlen Zahn", so hat es Walter Benjamin über den Surrealismus gesagt. In jedem Fall kann man auch von Beckett sprechen, Beckett, der in die Vorstellungen von Karl Valentin in München gegangen ist und darüber viel und traurig gelacht hat. Achternbuschs Endspiele heißen: "Der Komantsche", "Der junge Mönch", "Das letzte Loch".

Vorbild Karl Valentin

Um Valentin kommen wir sowieso nicht herum. Herbert Achternbusch, der einzig legitime Nachfolger Karl Valentins. Als Schriftsteller, Filmemacher, tiefschwarzer Komiker und weiser Sprachspieler. "Die Bayern sagen ja soviel Schmarrn, weil's immer so unterdrückt worden sind", so Achternbusch im Gespräch über Valentin. "Neulich war ich im Wirtshaus. Da hör' ich, wie sich zwei am Nebentisch unterhalten. Fragt der eine: 'Ja, kimmst jetzt am Zehnten?' Sagt der andere: 'Wann isn der Zehnte, is der am Elften?'"
Wie Valentin ist Achternbusch kein weiß-blauer Weißbierkomiker, sondern ein großer Universalkünstler zwischen Schmerz und außergewöhnlichem Humor. "Den ham's verhungern lassen", sagt Achternbusch über sein großes Vorbild Karl Valentin. Er meint München damit. "Früher hat man einen Bachlauf nicht verstanden, heute wird er begradigt, das versteht ein jeder. Ein Bach, der so schlängelt. Karl Valentin sagt: 'Das machen sie gern, die Bäch.' Ich kann mich eines schlängelnden Baches aber nicht bedienen zur Begradigung", so Achternbusch einst. Herbert Achternbusch hat wunderbar schlängelnde Filme gemacht, nichts für begradigte Gehirne. Seine Filme, sagt er selber, seien peinlich klar. "Wie Kinderspielzeug so klar".

In diesen Filmen gibt es ungeheuer poetische Bilder zu bestaunen, Bilder, die man nicht so schnell vergißt. In "Hick's Last Stand" steht Achternbusch in hellblauer Lederjacke und weißen Cowboy-Stiefeln am Rand eines amerikanischen Highway und versucht mit unvergleichlicher Geste, die vorbeibretternden Trucks herunterzubremsen. Im Film "Der Komantsche" gibt es diese ungeheuren Traumbilder des Komantschen im Koma: wie soll man das nennen? Metaphysische Zärtlichkeit vielleicht. In "Der junge Mönch" sieht man einen in Stanniol gewickelten Schokoosterhasen, der als neuer Gott ausgerufen wird.

Bayern, "dieses dunkle Land der Schweinemast und Autoindustrie."

In "Der Neger Erwin" schwimmen Flußpferde in der Isar und München liegt am Nil. Und wenn im "Wanderkrebs" der letzte Waldler in einer Art ABC-Schutzanzug auf den verschneiten Granitbrocken des Berges Lusen im Bayerischen Wald hockt, dann sieht das aus wie ein Bild von Caspar David Friedrich nach dem Atomkrieg. In "Servus Bayern" schließlich erlebt man den Dichter Achternbusch im weißen Anzug mit einem Tropenhut auf dem Kopf und Jesuslatschen an den Füßen, der sagt: "In Bayern möchte ich nicht einmal mehr gestorben sein". Bayern, "dieses dunkle Land der Schweinemast und Autoindustrie."

Wie kaum ein anderer hat Achternbusch eine Privatmythologie aus Begriffen, Zeichen und Bildern geschaffen. Letztlich ein Schürfen und Graben nach dem Glück, die Suche eines Einzelnen, der sich der herrschenden Logik mit immer neuen Ausweichbewegungen zu entziehen versuchte. Stets gab es bei ihm diese paradoxe Verkoppelung von Qual und Befreiung, an der Grenze zwischen Sprache und Körper, dort wo die Lebensgeschichten ihre Spur im nackten Fleisch hinterlassen haben. "Das Ich ist ein wildes Tier", schrieb Achternbusch. Es ist demnach keineswegs so gehorsam und geordnet, wie wir es Tag für Tag annehmen, wenn wir anderen Menschen begegnen.

Jetzt ist Herbert Achternbusch gestorben. Er wurde 83 Jahre alt.