Interview zur Doku "Hinter den Schlagzeilen" Von der kostspieligen Suche nach Wahrheit

Wie arbeiten eigentlich Investigativ-Journalisten? Und wie schützen sie ihre Informanten? "Hinter den Schlagzeilen", der Eröffnungsfilm des DOK.fest München, wirft einen selten gewährten Blick in die Redaktionsräume der Süddeutschen Zeitung.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 04.05.2021

Szene aus der Dokumentation "Hinter den Schlagzeilen" | Bild: RealFiction

Das DOK.fest München eröffnet mit einem Bekenntnis zu hartnäckigem und unbequemem Journalismus. Daniel Sagers Dokumentarfilm "Hinter den Schlagzeilen" zeigt am Beispiel des investigativen Ressorts der Süddeutschen Zeitung, wie die praktische Arbeit an langwierigen und offenen Recherchen aussieht. Judith Heitkamp hat für die kulturWelt mit Filmemacher Daniel Sager gesprochen.

Judith Heitkamp: Sie sind selbst Journalist und Dokumentarfilmer. Warum der Fokus auf die eigene Branche?

Daniel Sager: Angesichts aktueller Entwicklungen wie Fake News und ihrer schnellen Verbreitung durch Social Media, Wahlbeeinflussung durch fremde Regierungen, finde ich diesen Blick auf Prozesse der Wahrheitsfindung wichtig. In Debatten mit Menschen in meinem Umkreis ist mir auch aufgefallen, dass viele gar nicht wissen, wie Journalisten genau arbeiten, wie das Handwerk aussieht, dass es bestimmte Regeln gibt, dass in den Redaktionen Menschen mit verschiedenen Meinungen sind, dass da diskutiert wird. Das alles wollte ich abbilden.

Die Arbeit der beiden SZ-Journalisten, die im Zentrum des Films stehen, besteht vor allem aus lesen, Schlüsse ziehen, schreiben und mit Menschen reden, die dabei nicht gefilmt werden wollen. Schwer für einen Dokumentarfilm.

Die größte Herausforderung bei dem Drehprozess war, dass wir sehr viel Geduld mitbringen mussten, weil wir nie wussten, wann etwas Spannendes passiert. Die Protagonisten haben die meiste Zeit im Büro am Schreibtisch gesessen. Wann fallen die entscheidenden Sätze, um die Geschichte erzählen zu können? Bei vielen Situationen konnten wir nicht dabei sein, weil die Journalisten ihre Quellen schützen. Ich musste mir immer genau überlegen, welche Situation ich brauche, um die Geschichte trotzdem erzählen zu können. Wir haben während der Dreharbeiten parallel geschnitten, so dass ich besser absehen konnte, welche Parts fehlen, um die Story rund zu machen. Und das hat dann zum Glück auch ganz gut funktioniert.

Haben Sie Szenen nachgestellt? Derzeit eine sehr heikle Frage im Dokumentarfilm …

Nein, wir haben tatsächlich keine Szenen nachgestellt. Das war mir ganz wichtig. Ich wollte einen authentischen und ehrlichen Blick einnehmen, die Stilform des Direct Cinema, bei der die Kamera den Protagonisten folgt und erzählt, was sie erzählen, es sollte nicht gekünstelt oder gestellt sein. Im Redaktionsalltag kann man auch gar nichts groß stellen, wir haben einfach mitgenommen, was wir kriegen konnten. Vielleicht ist jemand mal extra für uns den Gang entlang gegangen. Was man sieht, ist 1:1 so passiert, ohne dass wir groß eingegriffen haben. 

Es gibt im Film Recherchen, die ohne Ergebnis bleiben - aber im Fall des Ibiza-Videos, das letztlich in Österreich zu Neuwahlen führte, ist man beim Großteil der Geschichte dabei, vom Sichten des zugespielten Videos bis zur Veröffentlichung. So einen Bogen wünscht der Dokumentarfilmer sich. Haben Sie Ihren Film von Anfang an um diese Geschichte herum gebaut?

Als wir für den Film geplant haben, wussten wir nicht, was in unserem Dreh-Zeitraum passieren würde. Wir kannten noch keine dieser Geschichten. Das Konzept war, über die investigative Redaktion der Süddeutschen Zeitung journalistisches Handwerk zu erzählen. Und kurz danach gab es einen ersten Kontakt zwischen dem Whistleblower, der das geheime Ibiza-Video hatte, und der Süddeutschen Zeitung. Und das waren dann auch schon die ersten Szenen, die wir dazu gedreht haben. Und so konnten wir die komplette Entwicklung vom Erstkontakt bis hin zur Veröffentlichung drehen und jetzt eben auch in diesem Film darstellen.

Sie hatten also richtig Glück.

Das war ganz, ganz großes Glück. Und das ist für den Film toll, weil wir zeigen können und man auch wirklich miterleben kann, wie wichtig Journalismus für eine freie Gesellschaft ist. Diese überwachende Funktion in der Demokratie.

Das Ibiza-Video war kein journalistisches Video. Der mutmaßliche Hauptverantwortliche sitzt in Haft und ist zwischenzeitlich nach Österreich ausgeliefert worden. Journalisten und ihre geheimen Quellen, Whistleblower oder eben auch interessengeleitete Dritte - wie sehen Sie das Verhältnis?

Whistleblower oder Menschen mit geheimen Informationen gehen oft ein sehr großes Risiko ein, wenn sie die Öffentlichkeit suchen. Umso wichtiger, dass es Journalisten gibt, die sich dieser Informationen annehmen, sie filtern nach Bedeutung und öffentlichem Interesse und sie aufbereiten. Das Verhältnis ist schon sehr spannungsgeladen. Whistleblower brauchen ein großes Vertrauen in die Journalisten. Oft sind sie an einem Punkt im Leben, an dem sie viel aufs Spiel setzen. Trotzdem sind beide Seiten voneinander abhängig. Der Whistleblower, wenn er anonym bleiben will, braucht den Journalisten, um sein Material zu publizieren. Und investigative Journalisten sind von Whistleblowern abhängig, um an gute Geschichten zu kommen.

Wenn dann Journalisten und Journalistinnen Skandale aufdecken, wird die vierte Gewalt gefeiert. Tatsächlich leisten sich nicht viele Häuser solche investigativen, also vom Tagesgeschäft befreiten Redaktionen.

Ich verstehe den Film als Plädoyer für solche Redaktionen und für investigativen Journalismus und würde mir wünschen, dass mehr Medienhäuser das nötige Geld dafür in die Hand nehmen. Auch wenn es kostspielig ist, weil die Recherchen sehr zeitaufwendig sind. Es ist gut für die Gesellschaft, weil wichtige Geschichten recherchiert werden, und es ist gut für die Medienhäuser, weil es ein Alleinstellungsmerkmal ist, wenn tolle, exklusive Geschichten bei ihnen publiziert werden.

Was ins Auge fällt, wenn man Ihren Film sieht: Als Investigativjournalisten treten fast ausschließlich Männer auf, lauter Menschen in Hemd und Anzug. Wie kommt das?

Der Journalismus ist leider immer noch eine relativ männerdominierte Branche. Ich hoffe, dass da ein Wandel stattfindet. Bei mir im Film war das keine bewusste Entscheidung, ich bin während der Zeit einfach den Geschichten gefolgt, die sich filmisch am besten wiedergeben lassen. Aber was ich dem Journalismus wünsche, sind mehr Frauen, mehr Diversität generell. Davon kann auch diese Branche nur profitieren.

Die Eröffnung des DOK.fest München findet am Mittwoch, den 05. Mai als Livestream statt und ist frei zugänglich. Im Anschluss an die Gala kann "Hinter den Schlagzeilen" gestreamt werden.

Das gesamte Programm des DOK.fest München 2021 @ home gibt's hier. Gestreamt werden können die Filme vom 05. bis 23. Mai, Ticketinfos gibt es hier.