Ralf König: "Vervirte Zeiten" "Wenn ich die Comics nicht hätte, wäre ich auch schon depressiv"

Bestsellerautor Ralf König ("Der bewegte Mann") verarbeitet in seinem neuen Buch "Vervirte Zeiten" die Corona-Monate als Comic. Im Gespräch erzählt er, ob er dabei mit seinem Humor nicht auch manchmal an Grenzen stieß.

Von: Joana Ortmann

Stand: 16.02.2021 | Archiv

Ralf König an seinem Schreibtisch | Bild: vvg-koeln

Ralf König ist der erfolgreichste deutsche Comicautor, zu seinen Klassikern gehört unter anderem das Paar "Konrad und Paul". Die beiden tauchen auch in seinem neuen Buch "Vervirte Zeiten" wieder auf, ein Corona-Tagebuch – aber eben in Comicform. Mit BR-Moderatorin Joana Ortmann spricht er über Lockdown-Frühlingsgefühle und Humor in der Krise. 

Herr König, das Coronavirus war und ist ja erstmal eine bedrohliche Sache. Haben Sie da von Anfang an schon die lustigen Seiten gesehen?

Ralf König: Nun ja, anfangs war es auch für mich nicht gerade lustig, das alles hat mich eher irritiert und ratlos gemacht. Aus dieser Ratlosigkeit heraus sind dann die ersten Cartoons zum Thema entstanden. Ich hatte mit denen zunächst gar nichts größeres vor, ich habe die einfach ins Netz gepostet, was ich normalerweise gar nicht so exzessiv betreibe, weil ich ja schließlich Bücher verkaufen muss. Und dort gingen sie dann total durch die Decke, einfach weil offenbar gerade in dieser ersten Lockdown-Phase sehr viele Menschen die dort beschriebenen Ausnahmesituationen nachvollziehen konnten. Und so habe ich das dann acht Monate lang fortgesetzt.

Haben Sie sich beim Zeichnen da nicht manchmal auch gedacht: Nein, diesen Witz mache ich jetzt besser nicht, dafür ist das Thema zu ernst? Haben Sie Grenzen bei sich festgestellt?  

Ach nee, eigentlich habe ich gar nicht viel nachgedacht. Es war erst mal klar, dass ich Konrad und Paul wieder einführen würde. Es ist ein großes Geschenk, Figuren zu haben, die alteingesessen sind und feste Charaktere haben. Und ich habe mir einfach vorgestellt: Wie ist das jetzt für Paul, wenn draußen ein wunderbarer Frühling herrscht, aber es ist Lockdown? Ich hatte diesmal keinen festen Spannungsbogen, kein Drehbuch oder ähnliches. Da war es eine große Freude, mich einfach von den Kommentaren unter meinen geposteten Bildern leiten zu lassen. Dort haben die Leute alle direkt ihre Meinung, ihre Bedenken, ihre Spannung und ihr Vergnügen ausgedrückt. Das direkt mitzubekommen war für mich als Buchautor eine ganz neue Erfahrung.

Pauls Frühlingsgefühle übertragen sich da ja dann, sozusagen notgedrungen, auf einen Filialleiter im Supermarkt.

Genau, ich bin ja über 60, ich mache sowas nicht mehr. Aber irgendwie ist mir Paul doch noch sehr nah. Und diesen Filialleiter gab es ja wirklich: Mir gegenüber ist dieser Supermarkt, und dort arbeitete ein wirklich bildhübscher Mann, den habe ich schon ziemlich sexy gefunden. Und so hat er den Weg in meinen Comic gefunden, indem Paul zum Beispiel die leeren Pfandflaschen wieder mit nach Hause bringt, weil er wegen diesem Filialleiter so durcheinander ist.  

Welche Funktion hat Humor Ihrer Meinung nach in Krisen wie dieser?  

Wenn ich die Comics nicht hätte, wäre ich wahrscheinlich auch schon depressiv. Dafür bräuchte es nicht mal das Coronavirus, ich neige auch so zum Pessimismus. Gleichzeitig fühle ich mich auch wirklich privilegiert: Ich lebe alleine, kann meinen Beruf ausüben, ohne dass ich irgendwelche Einschränkungen habe, keine Kinder oder Sorgen um Verwandte im Altersheim. Dass vielen da nicht zum Lachen zumute ist, kann ich absolut nachvollziehen. Trotzdem habe ich bei den Corona-Cartoons versucht, den Fokus eher auf die merkwürdigen, komischen Seiten der Pandemie zu legen, um eine Ablenkung von diesen ernsten Umständen zu schaffen. Viele Leute haben in den Kommentaren unter meinen Posts geschrieben, dass sie dankbar seien, wenn sie morgens den Laptop aufklappen und neben den ganzen Hiobsbotschaften auch mal für einen kurzen Moment lachen können.

Ralf Königs "Vervirte Zeiten" ist bei Rowohlt erschienen.