BR Mediatheksserie "Beforeigners" Zeitreisende wirbeln die Gegenwart auf

Menschen aus dem 19. Jahrhundert, der Stein- und Wikingerezeit tauchen im Oslo des 21. Jahrhunderts auf. Eine gigantische Herausforderung für die Heutigen – und die Neuankömmlinge. Sechsteilige Krimi-Serie in der ARD.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 01.07.2021

Met für alle! Alfhildr (Krista Kosonen) schmeißet eine Wikinger-Runde.
| Bild: HBO Nordic/Eirik Evjen

Wenn der Osloer Polizist Lars Haaland morgens auf die Wache fährt, begegnet er einem Gentleman aus dem 19. Jahrhundert – auf einem Pferd elegant vorbeireitend. Er sieht einen Markthändler in einem kuttenartigen Gewand, der einen Hasen feilbietet. Und immer an dieser einen Stelle – oben im Baum, der direkt an der Straße steht, sitzt ein Ureinwohner aus der Steinzeit mit bemaltem Gesicht.

Vergangenheits-Invasion im Hafenbecken

Lars lebt im Oslo unserer Zeit. Aber was ist Zeit schon für eine Bezugsgröße? Auf der ganzen Welt tauchen in dieser Serie Menschen aus der Vergangenheit auf. Niemand weiß wieso. Allein der Ablauf ist klar: Im Osloer Hafen leuchtet es, ganz plötzlich. Und genau dort, wo das Leuchten aufgetaucht ist, sind auf einmal Menschen im Wasser – Menschen aus der Vergangenheit. Als es das erste Mal passiert, ist die Aufregung natürlich groß: Die Nachrichten melden, dass die Küstenwache bereits mit der Rettung der Menschen begonnen hat. Überall auf der Welt passiert das gleiche, soziale Netzwerke bestätigen: Menschen aus der Vergangenheit kommen zu uns.

Alfhildr, das Integrations-Maskottchen kommt gut an beim Kollegen

Einige Jahre später kann das Phänomen zwar immer noch nicht erklärt werden – aber damit leben, das kann man. In der Gesellschaft der Gegenwart gibt es Spannungen durch die Neuankömmlinge, die jetzt auch eine Bezeichnung haben: "Beforeigners". Eine Wortschöpfung aus den Worten: "Zuvor" und "Fremde". Jeder Beforeigner richtet sich sein altes Leben im neuen ein. Manche bleiben im Verbund, manche werden aus Not kriminell und eine wird Polizistin: Alfhildr Enginnsdottir. Die neue Partnerin von Kommissar Lars Haaland. Sie ist die allererste Polizistin mit "multi-temporalem Hintergrund" wie es heißt. Sie ist Wikingerin. Und hat viel gelernt seit ihrer Ankunft: Sie spricht die moderne Sprache. Sie kann Auto fahren. Sie hat viel geleistet. Integration sei ja keine Einbahnstraße. Doch als sie am ersten Tag in ihrem neuen Job den Kolleginnen vorgestellt wird, kann der Chef nicht mal ihren Namen richtig aussprechen. Und es ist ihm auch egal.

Vorzeitliche werden ermordet

Wikinger aus dem 11. Jahrhundert: wieder aufgetaucht:

Alfhildr, das Integrations-Maskottchen – eine Beforeigner als Polizistin? Ist ein Politikum! Und ihr erster Fall ist es auch. Eine Frau mit Tattoos aus dem Neolithikum wird tot am Strand aufgefunden. Sie ist nicht ertrunken, es war Mord. Der für Aufruhr sorgen könnte. Tötet etwa jemand gezielt Vorzeitliche?
Zuallererst ist "Beforeigners" eine unterhaltsame Krimiserie. Leicht, süffig, nahezu mainstreamig klar erzählt. Wenn Alfhidrl eingeführt wird, kommt natürlich die passende Musik für eine Wikingerin.

Dass hier Menschen von unterschiedlichen Punkten auf dem zeitlichen Spektrum zusammenkommen, lässt unverkrampft die Gegenwart erkunden. Wir modernen Menschen verstehen eben auch nicht so ganz alles von dem, was für uns akzeptierte Wahrheiten sind. Als Alfhidr ihrem Partner Lars ein Sandwich anbietet und nicht versteht, was das Problem mit diesem "Gluten" ist – kann er es nicht erklären.

Die Serie "Beforeigners" ist berührend, wenn sie auf reale Konflikte anspielt: Neu Ankommende, politisch korrekte Sprache, eine Gesellschaft, in der das Präfix "multi-" großes Gewicht hat. Nur dass die Bewegung nicht über Ländergrenzen vollzogen wird, sondern durch die Jahrhunderte. Der Ort, an dem wir zufällig geboren werden, bestimmt unsere Privilegien und Nöte. Und die Zeit, in der wir geboren werden, die auch: Körperbau, Lebenserwartung, Forschungsstand, Wissen, Religion. Die Serie "Beforeigners" nimmt Zeit nicht als gegeben hin. Es gibt "Trans-Temporale". Menschen aus unserer Zeit, die entdecken: Ich war nie für dieses Jahrhundert bestimmt! Und die sich fortan anders kleiden und moderne Technologie ablehnen. Einige Beforeigners hadern mit ihrem "Leben davor": Verlorene Familien, begangene Morde – all dies bringen sie mit in die Gegenwart. Diese Analogien zwischen einem fiktionalen Konflikt und unserer Gegenwart schaffen Empathie. "Beforeigners" ist eine unbedingt sehenswerte Serie. Die leichtfüßig Grenzen überschreitet.

Die sechsteilige Fernsehserie Norwegen ist bis 30. August 2021 in der ARD Mediathek oder in der BR Mediathek abrufbar.