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Privatisiert, verkauft, verraten

Von: Irene Haider

Stand: 15.03.2012

Zwischen 2000 und 2008 hat der Bund mindestens 600.000 Immobilien, zum Beispiel Eisenbahnerwohnungen, privatisiert.

Zugeschlagen haben vor allem Finanzinvestoren, doch die Rechnung mit dem Riesenpaket vernachlässigter Werkswohnungen scheint für sie nicht aufzugehen. Jetzt schröpfen die Investoren ihre Mieter mit überzogenen Betriebskostenforderungen und lassen die Wohnungen verlottern.

Abgezockt und hingehalten

Die Deutsche Annington gilt vielen als Inbegriff der "Heuschrecke" auf dem Immobilienmarkt. Laut Geschäftsbericht 2010 vermietet und verwaltet sie rund 220.000 Wohnungen bundesweit, in Bayern sind es gut 16.000.

Das Hauptgeschäft der Deutschen Annington, nach eigenen Angaben der größte Vermieter Deutschlands, ist das Mietgeschäft. Doch lässt die Deutschen Annington vielerorts ihre Immobilien verkommen, gleichzeitig steigen die Mieten und besonders die Betriebskosten. So werden Hausmeister "outgesourced" und sind nicht mehr zu sehen. Wasserschäden und ausgefallene Heizungen werden erst nach wochenlangem Warten repariert. Für den Winterdienst fallen teilweise Kosten von 1.000 Euro pro Partei und Jahr an.

"Die Annington hat, wie viele andere, die Hausmeisterdienste outgesourced. Winterdienstleistungen, Gartenpflege haben wir outgesourcet, weils einfach effizienter ist, wenn eine Gartenbaufirma hecken schneidet und mit entsprechenden Kehrmaschinen Wege säubert, als wenn der eigene Hausmeister das mit einem Besen macht."

(Gerhard Faltermeier, Geschäftsführer Deutsche Annington)

Die örtlichen Mietervereine und der Bayerische Mieterbund schlagen Alarm angesichts einer Flut an Beschwerden der Annington-Mieter. Alleine in Kempten etwa laufen jährlich 300 Klagen, die in 95 Prozent der Fälle von den Mietern gewonnen werden.

Verbriefungsbombe für Immobilienheuschrecken tickt!

Großinvestoren wie Annington oder Gagfah haben ihre großen Immoblieninvests des letzten Jahrzehnts überwiegend durch Immobilien-Verbriefungen finanziert. 2013 laufen diese außerhalb der Banken gehandelten Kredite aus, Restverbindlichkeiten von über 10 Milliarden (= 10.000.0000.000) Euro müssen bis dahin umgeschuldet werden - unter den Bedingungen der Finanzkrise. Gelingt die Umschuldung nicht, haften Wohnungen und Mieten.

Sie wurden ihrer Verantwortung nicht gerecht

2009 hat der Bund die Siedlung Ludwigsfeld verkauft an die Patrizia Immobilien AG, die sich jetzt auch für die GBW-Wohnungen interessiert. In der 1952 auf dem Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers Allach errichteten Siedlung waren ursprünglich Vertriebene und "displaced persons", durch den Krieg hier gestrandete Ausländer, untergebracht.

Die neue Eigentümerin Patrizia Immobilien AG ist eine Immobilien-Investmentfirma. Sie sieht - anders als Deutsche Annington - ihr Geschäftsmodell im Filetieren von Wohnimmobilien, wie die Selbstbeschreibung auf der Homepage zeigt.

"Das Geschäftsfeld Wohnen umfasst den Ankauf, die Wert- und Ertragsoptimierung und den anschließenden Vertrieb von Wohnimmobilien an Mieter, Selbstnutzer und Kapitalanleger."

(Homepage Patrizia)

Die Siedlung Ludwigsfeld wurde bislang nicht zerschlagen. Äußerlich hat sie sogar gewonnen, denn die Patrizia Immobilien AG hat Sanierungen vorgenommen. Trotzdem fühlen sich die Mieter vernachlässigt und beklagen sich über unverhältnismäßige Mieterhöhungen, Schäden an den Häusern und einen schlechten Service. Und sie sagen, der Bund hätte niemals verkaufen dürfen und wenn, dann nur an die Stadt München. Die öffentliche Hand habe gerade hier eine Verantwortung.

Modellhäuschen mit Schild | Bild: coloubox.com; Montage: BR zum Audio Geschröpfte Mieter München Die Wäsche hängt im Müll

Verraten und verkauft von der Stadt München fühlen sich die Mieter der Siedlung Ludwigsfeld. Weil die Stadt zu wenig geboten hat, gehört die Siedlung jetzt dem Finanzinvestor Patrizia Immobilien AG. Die Mieter baden's aus. [mehr]


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