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Weltweite Kraftwerk-Laufzeiten sprengen alle Klimaziele | BR24

© stock.adobe.com/Claudia Otte

Kraftwerke verbrennen große Mengen fossiler Brennstoffe und setzen damit Kohlendioxid frei. CO2 heizt jedoch den Klimawandel an.

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Weltweite Kraftwerk-Laufzeiten sprengen alle Klimaziele

Um die globale Erwärmung auf höchstens 1,5 oder 2 Grad zu begrenzen, ist die Menge an CO2, die noch frei werden darf, stark begrenzt. Eine neue Studie zeigt: Schon die existierenden Kraftwerke werden weitaus mehr verbrauchen. Weitere sind geplant.

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Die globale Erwärmung durch den Klimawandel möglichst auf 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen, ist das Bemühen aller klimapolitischen Anstrengungen und die dringende Empfehlung des Weltklimarates IPCC: Dann seien die Folgen der Erderwärmung vermutlich noch tragbar.

Wie viel CO2 höchstens noch in die Atmosphäre darf

Um dieses 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, dürfen wir nicht weiter wie bisher Treibhausgase in die Luft blasen. Genauer gesagt: Es gibt ein konkretes Limit für Kohlendioxid oder seine Äquivalente an Methan und anderen Treibhausgasen. Höchstens 420 bis 580 Gigatonnen CO2 darf nach Berichten des Weltklimarates die Menschheit insgesamt noch ausstoßen, um die Klimaziele einzuhalten. Spätestens bis zum Jahr 2050 muss die Menschheit CO2-neutral werden.

"Das heißt, dass wir dann jede Tonne CO2, die in die Atmosphäre entlassen wird, auch wieder herausholen müssen." Sabine Fuss, Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC)

Studie zeigt: Kraftwerke werden diese Grenze überschreiten

Doch eine neue Studie, die heute im Fachmagazin Nature veröffentlicht wurde, zeigt: Allein die bereits existierenden Kraftwerke, die fossile Brennstoffe wie Steinkohle, Braunkohle oder Gas verbrennen, werden weit mehr als diese uns noch verbliebene Menge an Kohlendioxid ausstoßen, wenn die Anlagen wie bislang geplant betrieben werden: 658 Gigatonnen CO2 (oder seine Äquivalente).

Die Forscher um Dan Tong von der University of California im US-amerikanischen Irvine haben alle im Jahr 2018 existierenden Kraftwerke, deren Auslastung und geplante Laufzeit angesehen und versucht zu errechnen, wie viel Treibhausgas bis zum Ende der jeweiligen geplanten Laufzeit frei wird. Der errechnete Wert ist nur eine Prognose - je nach tatsächlicher Laufzeit und Auslastung könnten die weltweiten Gesamt-Emissionen der Kraftwerke auch "nur" 226 Gigatonnen CO2 betragen. Das wäre dann etwa die Hälfte dessen, was uns als Menschheit laut IPCC noch zur Verfügung steht - an Gesamtemissionen inklusive Straßen- und Luftverkehr, Landwirtschaft, Heizung, Industrie etc.

Kraftwerke könnten dreimal mehr CO2 ausstoßen als insgesamt noch zur Verfügung

Je nach Auslastung könnten die bereits existierenden Kraftwerke laut der kalifornischen Studie im schlimmsten Fall aber auch 1.479 Gigatonnen Kohlendioxid freisetzen. Das wäre dann etwa dreimal so viel CO2 wie nach Empfehlung der Klimaforscher noch frei werden dürfte. Und damit würden allein die auf fossilen Brennstoffen beruhenden Kraftwerke bereits so viele Treibhausgase freisetzen, dass auch das Zwei-Grad-Ziel wohl nicht mehr erreicht werden kann, zu dem sich die internationale Staatengemeinschaft im Paris-Protokoll verpflichtet hat.

Boom fossiler Brennstoffe statt Energiewende

Denn statt Energiewende, Kohleausstieg oder CO2-Neutralität zeigt die Studie, dass im Energiesektor, in dem weltweit gesehen etwa die Hälfte aller Treibhausgase entstehen, gerade die fossilen Brennstoffe in den vergangenen Jahrzehnten zunehmen. Grund dafür sind - wenig überraschend - Wirtschaftswachstum und Industrialisierung in China und Indien und ein Boom bei US-amerikanischen Gaskraftwerken.

Noch mehr Kraftwerke geplant

Was den Forschern der Studie noch zusätzliche Sorgen bereitet, sind die Kraftwerke, die schon geplant oder im Bau befindlich sind. Denn diese würden weitere 188 Gigatonnen (mindestens aber 37 und höchstens 427 Gigatonnen) CO2 emittieren. Nach Ansicht der Wissenschaftler ist aber angesichts unserer aufgeheizten Atmosphäre für kein einziges dieser Kraftwerke noch Platz:

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass neue CO2-emittierende Infrastruktur praktisch keinen Platz hat, wenn die internationalen Klimaziele erfüllt werden sollen." Steven Davis, Co-Autor der Studie

Deutschland sollte wieder Vorreiter werden

Auch in Deutschland, das den Kohleausstieg, also die Stilllegung der Kohlekraftwerke, für 2038 beschlossen hat, ist der Energiesektor der größte CO2-Produzent: Etwa ein Drittel aller Treibhausgase werden in diesem Bereich freigesetzt.

"Deutschland spielt im globalen Klimaschutz eine besondere Rolle. Nur wenn Deutschland der Kohleausstieg gelingt, können auch andere Länder davon überzeugt werden, dasselbe zu tun." Niklas Höhne, Leiter des New Climate Institute in Köln, Professor für Klimaschutz an der Universität Wageningen (Niederlande)

Anhören: "Wissenschaft schnell erzählt" (IQ) über die Emissionen der Kraftwerke

© BR/IQ

Neue Studie zum Klimawandel: Die 1,5-Grad-Grenze ist kaum noch erreichbar, wenn man sich die Emissionen der existierenden und geplanten Kraftwerke genauer ansieht.